Angerichtet

Erzählt wird die Geschichte in fünf Gängen: Vom Aperitif über den Hauptgang bis hin zum Digestif erfährt der Leser Häppchen für Häppchen, was es mit der Hauptperson Paul Lohman und seinem Bruder Serge, einem angesehenen Politiker, auf sich hat. Hier eine Leseprobe des Romans von Herman Koch in Einfacher Sprache.

 

Aperitif

Wir wollen in einem Restaurant essen gehen.

Serge hat reserviert. Das macht immer er.

Es ist ein Restaurant, wo man drei Monate vorher reservieren muss.

Oder noch länger.

Serge ruft nie drei Monate vorher an.

Er reserviert immer am selben Tag.

Für ihn ist das ein Sport.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte er vor ein paar Tagen zu mir.

„Man kennt mich dort. Wir bekommen einen Tisch.

Dafür sorge ich schon.“

Es gibt Restaurants, die immer einen Tisch frei halten. Für Leute wie Serge Lohman.

Und dies hier ist so ein Restaurant.

Ich hab ihm gesagt, wir würden uns im Restaurant treffen.

Und nicht in der Kneipe um die Ecke.

Ich möchte nicht dabei sein, wenn Serge Lohman das Restaurant betritt.

Wenn er vom Besitzer wie ein alter Freund begrüßt wird.

Wenn er von der Bedienung zum besten Tisch an der Garten-Seite geführt wird.

Und wenn er dann so tut, als sei das alles selbstverständlich.

So, als sei er ein ganz normaler Kerl.

 

Wir gehen zu Fuß.

Das Restaurant ist nur ein paar Straßen von unserem Haus entfernt.

Wir gehen Arm in Arm, meine Frau und ich.

Wir kommen an der Kneipe vorbei, wo ich mich nicht mit Serge treffen wollte.

„Wir sind zu früh dran“, sage ich zu meiner Frau.

Meine Frau. So sollte ich sie nicht mehr nennen.

Sie heißt Claire.

Claire ist klüger als ich.

Am Anfang war es schwierig für mich, das zuzugeben.

Es stimmt aber.

Mit einer dummen Frau würde ich es auch nie aushalten.

Nicht einmal einen Monat würde das gut gehen.

Und mit Claire bin ich schon 20 Jahre zusammen.

In der Kneipe lächeln wir uns zu, als man uns das Bier bringt.

Gleich verbringen wir den Abend mit Herrn und Frau Lohman.

Aber das hier ist der schönste Moment des Abends.

Ich habe keine Lust, in dieses Restaurant zu gehen.

Ich habe nie Lust, in ein Restaurant zu gehen.

Bereits morgens vor dem Spiegel fängt das an:

Was soll ich anziehen?

Soll ich mich rasieren oder nicht?

Das sind wichtige Fragen.

Rasiert man sich einen Tag nicht, heißt es:

Man ist zu faul zum Rasieren.

Rasiert man sich zwei Tage nicht, heißt es:

Lässt du dir einen Bart stehen?

Und ab drei Tagen wird man besorgt gefragt:

„Geht’s dir gut?“ oder „Du bist doch nicht etwa krank?“

Aber wenn ich mich rasiere, hat das auch etwas zu bedeuten.

Es bedeutet anscheinend, dass mir dieser Abend wichtig ist.

Die Kneipe, in der wir unser Bier trinken, ist etwas altmodisch.

Uncool würde Michel sagen.

Michel ist unser Sohn.

Nächste Woche wird er 16.

Er ist unser einziges Kind.

Wir stehen dicht gedrängt nebeneinander.

Claire drückt sanft mein Hand-Gelenk.

„Ich weiß nicht“, beginnt sie.

„In letzter Zeit benimmt sich Michel irgendwie komisch.

Oder vielleicht nicht komisch, aber auf jeden Fall anders.

Ist dir das auch aufgefallen?“

„Hm“, sage ich.

„Gut möglich.“

Ich darf Claire jetzt nicht anschauen.

Wir kennen uns zu gut.

Meine Augen würden mich verraten.

„Hat er was zu dir gesagt?“, fragt Claire.

„Ihr beide redet über andere Dinge als Michel und ich.

Vielleicht ist es was mit einem Mädchen?“

Ich wünschte, es wäre tatsächlich so.

Etwas mit einem Mädchen … Das wäre wunderbar.

Wunderbar normal, für Jungen in der Pubertät.

„Nein, ich glaube nicht, dass ein Mädchen dahintersteckt“, sage ich.

Dabei schaue ich Claire an.

„Ich glaube eher, es hat was mit der Schule zu tun.

All die Klassenarbeiten.

Ich glaube, er ist einfach erschöpft.

Von den Kindern wird viel verlangt.“

Wird Claire mir glauben?

Sie lächelt und legt mir die Hand auf die Brust.

„Vielleicht ist es das“, sagt sie.

Ich schaue Claire an, meine Frau.

Ich lege einen Arm um ihre Taille und ziehe sie an mich.

„Worüber lächelst du denn?“, fragt Claire.

„Ach“, antworte ich. „Ich habe … Ich habe an uns gedacht.“

Ich hätte vor einer Stunde einfach unten bleiben können.

Ich hätte nicht nach oben gehen müssen, in Michels Zimmer.

Wie wäre der Abend dann verlaufen?

Wie hätte der Rest unseres Lebens dann ausgesehen?

 

„Michel?“

Ich stand in der Tür zu seinem Zimmer.

Er war nicht da.

Ich wusste, wo er war.

Er war im Garten.

Und flickte den Hinter-Reifen von seinem Fahrrad.

„Michel?“

Ich schaute in Michels Zimmer und sah sofort, was ich suchte.

Ich hatte das noch nie getan. Noch nie.

Obwohl er sein Handy oft herumliegen ließ.

Und ich ab und zu neugierig war, wer ihm eine SMS schickte.

Was schreibt er oder sie?

Aber ich habe sein Handy bis dahin nie in die Hand genommen.

Es lag auf seinem Schreibtisch.

Nur ein paar Schritte von mir entfernt.

Eilig suchte ich im Menü, bis ich gefunden hatte, was ich suchte.

Bei den Videos.

Ich sah auf den Bildschirm und fühlte, wie mein Kopf kalt wurde.

Die Kälte tat weh.

Wie ein großer Schluck eiskaltes Wasser, das einem die Kehle zuschnürt.

Ich sah mir das Video noch einmal an.

Dann sah ich, dass es noch weitere Videos gab.

„Papa?“

Michel kam bereits die Treppe hoch.

Es war zu spät, sein Zimmer zu verlassen und in unser Schlafzimmer zu gehen.

Ich musste so tun, als hätte ich ihn gesucht.

„Papa.“

Er stand oben am Treppen-Absatz und schaute mich an.

Er trug seine Nike-Mütze.

Der schwarze iPod baumelte an einem Band auf der Brust.

„Ich hab dich gesucht …“, fing ich an.

Bei der Geburt war Michel fast gestorben.

Ich denke noch oft an den kleinen, blauen Körper im Brut-Kasten.

Es ist ein Geschenk, dass er überlebt hat.

„Ich hab mein Rad geflickt“, sagte er.

„Was machst du hier?

Wieso hast du mich gesucht?“

Ich schaute ihn an.

Ich schaute in die hellen Augen unter der schwarzen Mütze.

Diese ehrlichen Augen.

„Nur so“, sagte ich.

„Ich hab mich gefragt, wo du steckst.“

 

Natürlich sind sie noch nicht da.

Obwohl wir selbst eine halbe Stunde zu spät sind.

Eine Bedienung in schwarzem T-Shirt und langer, schwarzer Schürze nimmt unsere Jacken entgegen.

Eine andere Bedienung, die genauso gekleidet ist, schaut in dem Buch mit den Reservierungen nach.

„Herr Lohman, sagten Sie?“

Sie ist sichtlich enttäuscht, dass ihr nicht Serge persönlich gegenübersteht.

Ich könnte sagen, dass Serge unterwegs ist. Aber ich lasse es bleiben.

Ich spiele verschiedene Möglichkeiten durch.

Wir könnten in die Kneipe zurückgehen und dort etwas für normale Menschen bestellen.

Spareribs mit Pommes, 11,50 Euro.“

Hier zahlen wir das Zehnfache.

Es gibt noch die Möglichkeit, einfach nach Hause zu gehen und unterwegs bei der Videothek einen Film auszuleihen.

Wir könnten uns den Film von unserem großen Bett aus ansehen.

Bei Kerzen-Schein und einem Glas Wein, und was zum Knabbern.

Das wäre ein perfekter Abend.

Stattdessen sage ich zur Bedienung:

„Serge Lohman, der Tisch zur Garten-Seite.“

Das Mädchen blickt vom Buch auf.

„Sie sind aber nicht Herr Lohman“, sagt sie.

Für einen Augenblick packt mich die Wut auf Serge.

Er wollte in dieses Restaurant! Und jetzt kann er nicht mal pünktlich sein.

Er kann nie pünktlich sein.

Ständig wartet irgendjemand auf ihn, weil der vorige Termin länger dauert.

Oder weil er mit seinem Fahrer im Stau steckt.

„Doch, doch“, sage ich. „Der Name ist Lohman.“

Ich schaue dem Mädchen direkt ins Gesicht.

„Ich bin sein Bruder.“

 

„Das Getränk des Hauses ist heute ein Rosé-Champagner.“

Der Oberkellner trägt keine schwarze Schürze, sondern einen drei-teiligen Anzug.

Der Anzug ist hellgrün und hat dünne, blaue Streifen.

Er spricht leise. Zu leise für den Raum mit dieser unmöglich hohen Decke.

Früher war hier eine Molkerei.

Die hohe Decke hat man so gelassen.

Der Kellner deutet mit dem kleinen Finger auf den Tisch.

Zunächst glaube ich, dass er das Teelicht meint.

Doch was er meint, ist eine kleine Schale mit Oliven.

Ich habe nicht gesehen, dass er die Oliven dort hingestellt hat.

Kurz überkommt mich Panik.

In letzter Zeit habe ich öfter das Gefühl, dass ich etwas verpasst habe.

Leere Augenblicke, in denen ich wohl mit meinen Gedanken woanders war.

„Das sind griechische Oliven von der Peloponnes, mit einem Oliven-Öl aus erster Ernte, extra vergine aus Nord-Sardinien. Bekrönt mit Rosmarin aus …“

Den Rest kann man nicht mehr verstehen.

Mir ist es egal, woher der Rosmarin kommt.

So viel dummes Gerede wegen einer Schale Oliven.

Und dann dieser kleine Finger!

Warum zeigt jemand mit dem kleinen Finger?

Soll das besonders elegant sein?

„Bekrönt?“, frage ich.

„Ja, bekrönt mit Rosmarin. Bekrönt heißt, dass …“

„Ich weiß, was bekrönt heißt“, sage ich ärgerlich.

„Mir ist klar, dass die Oliven nicht alle eine kleine Krone tragen.“

Ich hatte erwartet, dass der Kellner rot wird.

Und fängt an mit seiner Unterlippe zu zittern.

Doch der Kellner überrascht mich.

Er muss lachen.

Er lacht wirklich.

„So habe ich das noch nie betrachtet!“, sagt er.

„Sehr originell.“

 

Wir haben beide einen Aperitif bestellt.

Claire nimmt sich eine Olive und steckt sie in den Mund.

„Mmm“, sagt sie. „Köstlich.

Aber man schmeckt leider, dass der Rosmarin zu wenig Sonne abbekommen hat.“

Ich schenke meiner Frau ein Lächeln.

Der Oberkellner hatte noch gesagt, dass der Rosmarin aus dem eigenen Kräuter-Garten kommt.

Hinter dem Restaurant.

„Hast du gesehen, wie er mit dem kleinen Finger auf die Oliven zeigt?“, frage ich. Dann greife ich zur Speisekarte.

Ich will mir die Preise anschauen.

Doch dann bleibe ich auf der linken Seite der Karte hängen.

„Weißt du, was hier steht?“, frage ich meine Frau.

Meine Frau sieht mich fragend an.

„Hier steht: Getränk des Hauses 10 Euro“, sage ich.

„Ja?“

„Das ist doch komisch, findest du nicht?“, frage ich.

„Der Mann sagt, dass das Getränk des Hauses Rosé-Champagner ist.

Dann erwartet man doch, dass der Champagner aufs Haus geht.

Oder verstehst du das anders?

Getränk des Hauses:

Das bekommt man doch gratis?

Dafür verlangt man keine 10 Euro.“

Claire schaut an mir vorbei, nach etwas hinter mir.

„Sie sind da“, sagt sie.

 

Natürlich bekommen es alle im Restaurant mit, als das Ehepaar Lohman eintrifft.

Drei Mädchen in schwarzen Schürzen stehen um Serge und Babette herum.

Auch unser Kellner steht dort, neben einem anderen Mann.

Ein kleiner Mann in einer Jeans und einem weißen Pullover.

Vermutlich der Besitzer von dem Restaurant.

Er gibt Serge und Babette die Hand.

Die anderen Gäste tun so, als hätten sie nichts bemerkt.

In einem schicken Restaurant macht man das so.

Man zeigt nicht, dass man jemanden erkannt hat.

Serge geht vor Babette.

Er lächelt dabei von einem Ohr zum andern. Und reibt sich die Hände.

Babette bleibt ein Stück hinter ihm.

Wahrscheinlich kann sie mit ihren hohen Absätzen nicht so schnell gehen.

Ich bemerke Babettes getönte Brillengläser.

Babette steht alles, auch diese Brille.

„Gut siehst du aus“, begrüßt sie mich.

Sie küsst mich neben den Mund.

Ich möchte auch etwas über ihr Äußeres sagen.

Doch durch die dunklen Brillengläser sehe ich, dass ihre Augen gerötet sind.

Sie muss gerade noch geweint haben, auf dem Weg zum Restaurant.

Bevor ich etwas sagen kann, schiebt Serge seine Frau zur Seite.

Er ergreift meine Hand und schüttelt sie energisch.

Früher war sein Hände-Druck nicht so kräftig.

Doch in den letzten Jahren bekommt jeder einen kräftigen Hände-Druck von ihm.

Denn ein Mann mit einer schlaffen Hand bekommt keine Wähler-Stimmen.

„Paul“, sagt er lächelnd zu mir.

Das Lächeln ist gekünstelt. Serge lächelt immer.

Denn dieses Lächeln und der Hände-Druck sind wichtig.

Sie müssen dafür sorgen, dass er in sieben Monaten die Wahl gewinnt.

„Hallo, Serge“, antworte ich. „Wie geht’s?“

Wir setzen uns.

Serge setzt sich neben meine Frau.

Babette neben mich.

„Das Getränk des Hauses ist heute ein Rosé-Champagner“, sagt der Oberkellner.

Ich hole tief Luft und mache den Mund auf, doch meine Frau schaut mich an.

 „Mach’s nicht“, sagen mir ihre Augen.

„Mmm, Champagner“, meint Babette.

„Na, das klingt ja gut“, meint Serge. 


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