Leseprobe: "Good bye, Lenin!" in Einfacher Sprache

Das Buch "Good bye, Lenin!" in Einfacher Sprache hat den gleichnamigen Film zur Grundlage. Es ist die Geschichte des 20-jährigen Alex aus Ost-Berlin. Kurz vor dem Mauerfall 1989 fällt seine Mutter nach einem Herzinfakt ins Koma. Als sie acht Monate später wieder aufwacht, gibt es die alte DDR nicht mehr. Die Mauer ist gefallen. Doch das alles soll die Mutter auf keinen Fall erfahren ... Hier ein Auszug aus dem Buch in Einfacher Sprache.
 

Cover des Buches "Good bye Lenin" in Einfacher Sprache

Meine Geschichte

Ich bin Alex. Ich erzähle euch jetzt eine Geschichte.

Die erstaunlichste Geschichte meines Lebens.

Sie ist ein bisschen traurig. Aber auch schön.

Und ziemlich verrückt.

Eigentlich geht es in meiner Geschichte um Lügen.

Darum, wie Lügen ein Leben retten. Oder ein Leben

kosten, das auch.

Außerdem entdecke ich meine große Liebe.

Finde meinen besten Freund. Und wir erleben

zusammen eine total abgefahrene Zeit.

Aber seht selbst.

Ost-Berlin

Ich war damals 20 und lebte in Berlin. Genauer

gesagt: in Ost-Berlin.

Heute ist es ziemlich egal, wo man wohnt in Berlin.

Ob West-Berlin oder Ost-Berlin, das macht keinen

großen Unterschied. Früher war das anders.

Da lebten wir im Osten ein ganz anderes Leben als

die Leute im Westen.

Damals, Ende der 1980er-Jahre, war Deutschland

geteilt. Geteilt in eine West- und eine Ost-Hälfte.

Jede Hälfte war ein eigener Staat.

Der Teil im Westen, das war die Bundes-Republik

Deutschland. Die BRD.

Der Teil im Osten, das war die Deutsche

Demokratische Republik. Jeder sagte aber nur DDR.

Im Westen gab es schicke Autos und coole

Klamotten. Im Osten gab es den Sozialismus.

Und ziemlich viel Gestank. Gestank nach Trabbis

und Kohle-Öfen.

Zwischen Ost- und West-Deutschland war eine

Grenze. Mit Zäunen und Stachel-Draht. Keiner kam

da einfach so rüber.

Die Grenze ging auch mitten durch Berlin.

Eine Mauer trennte den Osten vom Westen. Vor der

Mauer war ein Todes-Streifen. Den durfte niemand

betreten. Wer es doch tat, der wurde verhaftet.

Oder erschossen.

Meine Eltern, meine Schwester Ariane und ich, wir

wohnten im Ost-Teil von Berlin. Wir waren Bürger

der Deutschen Demokratischen Republik. Bürger

der DDR.

West-Deutschland und West-Berlin kannten wir

nur aus dem Fernsehen. Einfach mal rüberfahren?

Das durften wir nicht. Reisen in den Westen waren

in der DDR nicht erlaubt. So etwas ging nur in

Ausnahme-Fällen.

Heute ist das alles Vergangenheit. Auch die DDR ist

Vergangenheit.

Die DDR ist das Land meiner Kindheit.

Ein Land, das es nicht mehr gibt.

Ein Land, das nur noch in meiner Erinnerung lebt.

Sommer 1978

Karl-Marx-Allee 28. Hier bin ich aufgewachsen,

nicht weit vom Alexanderplatz. In einem der großen

Platten-Bauten. Wir hatten eine 79-Quadratmeter-

Wohnung ganz oben. Und ein Wochenend-Haus für

die Ferien. Das nannte man Datsche.

Es gibt noch ein paar alte Filme aus dieser Zeit.

Mein Vater hat sie gedreht.

Wackelige Bilder zeigen unseren Garten.

Ich schiebe meine Schwester in der Schubkarre

herum. Ich bin damals neun und Ariane ist elf.

„Guckt mal in die Kamera!“ Das ist mein Vater.

Ich winke, lache. Die Schubkarre kippt um.

Am Kaffeetisch klaue ich mir ein Stück Kuchen.

Ich habe meinen Indianer-Schmuck auf dem Kopf.

„Finger weg!“, ruft Vater. Und ich flitze davon.

Ein anderes Mal liege ich in der Hängematte.

Ariane schleicht sich an und schaukelt mich wild.

„Festhalten, Alex!“ Wieder die Stimme meines

Vaters.

Die letzte Aufnahme zeigt mich vor dem

Alexanderplatz. Ich habe mein neues T-Shirt an,

mit einer Rakete darauf.

Unter der Rakete steht in großen Buchstaben

UdSSR und DDR. Stolz gucke ich in die Kamera.

Das war, kurz bevor Sigmund Jähn in den Weltraum

flog. Sigmund Jähn, ein Bürger der DDR.

Das ganze Land war damals in Aufruhr. Der Start

des sowjetischen Raum-Schiffes wurde vorbereitet.

Bald sollte es losgehen. Und Sigmund Jähn war

dabei! Er würde der erste deutsche Astronaut im All

sein. Oder vielmehr Kosmonaut. So sagte man bei

uns.

Das war eine große Auszeichnung. Und ein Zeichen,

wie sehr die Sowjet-Union die DDR schätzte.

Wir waren alle ganz schön stolz.

Es gab sogar Briefmarken mit Sigmund Jähn und

mit Raketen darauf.

Ein großer Tag

Am 26. August 1978 war es endlich so weit:

Die Rakete war startbereit. Die Rakete, die Sigmund

Jähn in den Weltraum bringen sollte.

Ich erinnere mich noch ganz genau. Ariane und

ich saßen im Wohnzimmer vor dem Fernseher.

Gespannt verfolgten wir die letzten Vorbereitungen.

Der Reporter sprach von der großen gemeinsamen

Leistung der sozialistischen Länder. Von der

großartigen Zusammenarbeit.

Sigmund Jähn winkte noch einmal, bevor er in die

Rakete stieg. Ich winkte auch. Dann gab es eine

riesige Wolke aus Feuer und Rauch. Und die Rakete

erhob sich in den Himmel.

Der 26. August 1978 war ein großer Tag.

Nur nicht für unsere Familie.

Während wir Kinder den Start-Vorbereitungen

zusahen, kamen zwei Männer in die Wohnung.

Braune Jacken, Hände in den Hosentaschen.

Lauernde Gesichter.

Sie stellten meiner Mutter Fragen.

Einer sagte: „Das ist die dritte Reise Ihres Mannes

nach West-Berlin, Frau Kerner. Hat Ihr Mann

Bekannte im Westen? Was wissen Sie davon?“

Und meine Mutter antwortete: „Er vertritt seinen

Chef, Professor Klinger.“

Die Männer gingen durch die Wohnung. Sie sahen

sich überall um. Meine Mutter folgte ihnen und

knetete nervös ihre Finger.

Im Flur hörte ich einen der Männer sagen:

„Wie würden Sie den Zustand Ihrer Ehe

beschreiben, Frau Kerner?“

Er klang ziemlich unfreundlich.

Dann wurde er lauter: „Hat Ihr Mann mit Ihnen

über seine Flucht gesprochen? Frau Kerner! Er muss

das doch mit Ihnen besprochen haben!“

Plötzlich schrie meine Mutter auf: „Haut ab!

Lasst mich in Ruhe!“

Ihre Stimme klang ganz fremd.

Die Sache war die: Mein Vater war weg.

Er hatte zu einem Kongress nach West-Berlin

fahren dürfen. Und war einfach dort geblieben.

Beim Klassen-Feind. Im Westen.

Republik-Flucht, so hieß das damals. Es war eine

richtig schlimme Sache.

Während Sigmund Jähn für die DDR in den

Weltraum flog, ließ mein Vater uns einfach sitzen.

Wegen irgendeiner Tussi im Westen.

Er kam nie mehr zurück.


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