Verbrechen lohnt sich

Der Fall Pistorius hat auch sein Gutes, findet Martin Fromme. Denn Gewalt macht Behindertensport erst sexy.

Illustration zeigt Leute, die ängstlich vor Mann mit Beinprothesen wegrennen

Illustration Nadine Magner

 

Lange bin ich regelmäßig gejoggt. Heute geht das nicht mehr. Immer, wenn ich es mal wieder versuche, laufen die Menschen schreiend vor mir weg. Aus Angst. Sie denken, da kommt wieder so ein behinderter Schwerverbrecher und schießt sie über den Haufen, obwohl im Wald weit und breit keine Badezimmertür zu sehen ist.

Okay. Oscar Pistorius hat das Vertrauen zwischen Menschen mit Behinderung und Nichtbehinderten tief erschüttert. Selbst wenn ich die fremden Läufer beruhigen will und ihnen versichere, dass ich sie nicht abballern möchte, glauben diese mir nicht und schleudern mir in Bezug auf Herrn Pistorius nur ein verächtliches „Lügen haben kurze Beine“ entgegen.

Aber etwas Positives hat der Blade Gunner doch bewirkt. Er hat uns in der öffentlichen Wahrnehmung menschlicher gemacht. Normaler. Irgendwie verrucht, edgy, hip. Kleine Skandale haben uns bei den Paralympics nicht weitergebracht. Das Jahr 2012: Ein Exterrorist gewinnt seine 14. Medaille im Schwimmen. Das Jahr 2016: Jens Lehmann im Tor unserer Blinden-Nationalmannschaft. LANGWEILIG. Vor Oscar Pistorius waren die Paralympics in der allgemeinen Empfindung Analogsport, also ein Imitat. Ein Surrogat, hausbacken und ohne Thrill. Nico Rosberg auf die Frage, ob er die Spiele der Frauenfußball-Nationalmannschaft bei der WM anschauen würde – „Man schaut doch auch Paralympics. Menschen, die nicht ganz so große Leistungen bringen können, aber unter sich ist es trotzdem spannend.“ – haben uns verletzt. Paralympics und die Fußball-WM der Frauen gingen Hand in Hand als mediale One-Night-Stands über den Sender. Flüchtig, hastig und schnell wieder vergessen.

Aber jetzt haben wir, falls wir darüber verfügen, ein Bein in der Tür der Ewigkeit. Schon 2016 werden Millionen von Zuschauern der Anziehungskraft des Verbrechens erliegen. Wer ist der nächste Jack the Ripper? Haben die Olympioniken schon bei der Eröffnungsfeier Pistolen oder Repetiergewehre in ihren Prothesen versteckt? Sind das Felgen an den Rollstuhlrädern oder Dynamitstangen? Ich bring mich mal in Form. Erst im Verborgenen ein paar Runden mit Kleinwüchsigen in einer Diskothek drehen, meine 38er Smith & Wesson säubern und verschlagenes Gucken üben. Wir sehen uns in Brasilien.


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