Düstere Aussichten

2025 soll Inklusion in allen Lebensbereichen verwirklicht sein. Eine Horrorvision, findet Martin Fromme. Denn worüber sollen Behinderte noch reden, wenn alle Bordsteinkanten abgesenkt sind?

Illustration zeigt zwei Menschen mit Behinderung im Jahr 2015

Text Martin Fromme
Illustration Nadine Magner

Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2025. Die Inklusion ist abgeschlossen. Menschen mit Behinderung sind komplett in die Gesellschaft integriert. Rollstuhlfahrer langweilen sich. Es mangelt an Gesprächen über abgesenkte Bordsteinkanten, Toiletten und Fahrstühle. Sie sitzen teilnahmslos in barrierefreien apokalyptischen Stadtlandschaften. Eine düstere Atmosphäre ohne Hoffnung.

Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Auge auf uns geworfen wurde. Was war das für ein tolles Gefühl, die bewundernden Blicke in unserem Rücken zu spüren. Früher haben wir die Menschen inspiriert, weil wir unser Schicksal so tapfer meisterten. Heute schwimmen wir mit in dieser unauffälligen, langweiligen Einheitssoße.

Wir waren etwas ganz Besonderes, wenn wir auf Partys auftauchten und lachten, tanzten und tranken. Vorbei die Zeit der ermäßigten Eintrittspreise, des empathischen Anlachens, der besten Sitzplätze im Stadion, der geöffneten Tür und der klein geschnittenen Schnitzel. Wir müssen arbeiten gehen! Unsere Bufdis müssen zur Bundeswehr und treten nach dem vorhersehbaren unglücklichen Kampfeinsatz unserer Gruppe bei.

Illustration zeigt Stephen Hawking im Himmel mit Oscar-Statue

Lokaljournalisten, die immer gerne und häufig über die alltäglichen Probleme behinderter Menschen berichtet haben und diese stets anprangerten, sind nun ohne Worte. Wohlfahrtsverbände und Behindertenorganisationen werden umstrukturiert und kümmern sich nun um die ehemaligen Mitarbeiter der Aktion Mensch, die beschäftigungs- und orientierungslos durch die Bonner Innenstadt irren.

Die Bundesbehindertenbeauftragte Carmen Geiss wird ihres Amtes enthoben. Die Paralympics gibt es nicht mehr. Oscar Pistorius holt Gold im Tandemfahren. Stephen Hawking spielt in einem Hollywood-Blockbuster Jesus Christus und bekommt für seine authentische Darstellung eines Nichtbehinderten und der fulminanten Kreuzigungsszene einen Oscar. Und unsere zwei tollen Jahrestage der Behinderten werden stinknormale Landmarken eines auch ansonsten ereignislosen Kalenders.

WOLLT IHR DAS? Ich nicht. Ich präsentiere mich ab jetzt täglich in Fußgängerzonen und gebe den umherirrenden Menschen in den verbleibenden zehn Jahren beim Betrachten meines asymmetrischen Körpers Zuversicht und das wohlige Gefühl, dass sie sich in ihrer Situation nicht beschweren können.


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