Nicht um jeden Preis

Beim Thema Mobilität kann man viel von Nichtbehinderten lernen. Vor allem, was man einfach lassen sollte, meint Martin Fromme.

Text Martin Fromme
Illustration Nadine Magner

Wir wünschen uns den gleichberechtigten Zugang zu Sport, Kunst, Kultur, Bildung, Arbeit und Reisen. Dafür muss man mobil sein. Aber: Ist Mobilität wirklich in jedem Bereich erstrebenswert? Sollten wir nicht aus den Fehlern der Nichtbehinderten lernen? Wir müssen doch nicht alles sehen, spüren, erfahren ...

Beispiel Reisen: Rollstuhlfahrer könnten Wanne-Eickel besuchen, müssen es aber nicht. Das wäre eher was für Blinde. Und wenn Rollstuhlfahrer unbedingt das Guantànamo des Ruhrgebiets besuchen wollen, sollten sie über einen gepanzerten Untersatz nachdenken. Außerdem sollte das Ritzel auf höchste Geschwindigkeit getunt werden.

Beispiel mentale Mobilität: Urlaub im Kloster inklusive Schweigeseminare. Für Gehörlose einfach sinnlos. Das wär ja wie ein Arschgeweih-Tattoo für Rollstuhlfahrer.

Oder mediale Mobilität: Bei Blinden entfällt dieses ewige Starren auf das Smartphone. Was für ein Genuss, Menschen zu sehen, die die Umwelt in vollem Umfang aufnehmen und sich aufs Wesentliche konzentrieren. Außerdem müssen Blinde auch aufmerksam sein, sonst würden sie über die der Realität entrückten Boys & Girls stolpern, die den Bürgersteig verstopfen, weil sie gerade wieder gegen einen Laternenpfahl gedengelt sind. Mir reichen schon die twitternden Kleinwüchsigen, die mir immer ungebremst in meinen sehr empfindlichen Unterleib rennen.

Und was die Zukunft der Mobilität betrifft: Selbstfahrende Rollstühle? Und die fahren den Besitzenden dann den Jakobsweg hoch und runter? Obwohl man nur vergessen hat den Zusatz Hamburg und die Hausnummer einzugeben. Und korrigiere mal im Eingabemenü die Adresse, wenn du nur über Schlaglöcher braust.

Mobilität im Beruf: Okay. Falsches Thema.

Wir Menschen mit Behinderung suchen die sinnvolle und durchdachte Mobilität.

Denn wer einmal das Nahtoderlebnis „Nichtbehinderte in Liegerädern im öffentlichen Raum“ erfahren musste, der weiß, Mobilität sollte ihre Grenzen haben. Nur Gott allein weiß, was diese bemitleidenswerten Kreaturen dazu getrieben hat, sich in einer derart erniedrigenden Position und Haltung der Erdbevölkerung zu präsentieren.

Ich würde das nie machen. Außerdem könnte ich auch nur im Kreis fahren.


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