Zum Glück behindert

Martin Fromme erklärt, warum man in Deutschland heutzutage eigentlich froh sein kann, eine Behinderung zu haben.
 

Text: Martin Fromme
Illustration: Nadine Magner

Menschen mit Behinderung in Deutsch­land sind einfach Gückskinder. Wir werden nicht mehr öffentlich ausgestellt, sondern in getrennten Einrichtungen und Schulen behütet und beschützt. Als die Modefarbe BRAUN in Deutschland der letzte Schrei war, hat man uns morgens von zu Hause in einem großen Wagen abgeholt, aber nicht mehr nach Hause zurückgebracht. Das war so eine Art Rückholaktion von Mängelexemplaren. Da hat sich seinerzeit der Staat ganz unbürokratisch drum gekümmert.

Das ist heute aber komplett anders. Da ist bei Abholung der tägliche Rücksendeauftrag rechtlich geregelt. Heute gibt es keine Verlagerung der Probleme mehr. Also, nicht in der Art ... es gibt zwar eine braune Tonne, aber die hat zum Glück nichts mit uns zu tun. Nicht mal leeren müssen wir sie. Denn Arbeiten aller Art erledigen in der Regel andere für uns, selbst bei den Stadtwerken. Dabei wären E-Rolli-Fahrer beispielsweise die idealen Mitarbeiter für städtische Grünbetriebe. Einfach ein Mähwerk hintendran und ab geht’s in den nächsten Stadtpark.

Nee, mit Arbeit haben wir nichts am Hut. Die meisten Unternehmen zahlen sogar Abgaben an die zuständigen Ämter, damit wir weiter auf der faulen Haut liegen können, statt für sie schuften zu müssen. Welch ein Glück!

Wir müssen uns auch nicht um lästige Dinge kümmern wie das Teilhabegesetz. Das entscheiden andere für uns. Cool. Und die glücklichsten unter uns müssen sich nicht mal den Kopf darüber zerbrechen, wer sie in der Politik vertreten soll, denn wählen dürfen sie ja eh nicht. Apropos wählen: Jeder vertraut uns. Wir könnten in die Politik gehen und sagen: „Die Rente ist sicher“ oder „Wir werden die Klimaziele zu 100 Prozent erreichen“. Die Leute würden uns mit tränenerfüllten basedowschen Augen anstrahlen und wählen.

Die Zukunft gehört uns. Wir können uns aufpimpen. Prothesen in jeder Art, sogar mit einem Tattoo von Christine Neubauer, wenn wir es wollen. Futuristische Cochlea-Implantate ... fuck you, NSA ... wir werden besser. Wir hören euch ab. Wir werden Cyborgs und assimilieren alles und jeden ... auch Roberto Blanco. Wer weiß, wozu es gut ist.

Wenn wir keine Glückskinder sind, wer dann? Lasst uns Dankesplakate mit dem Mund malen und im Rahmen unserer Möglichkeiten in die Höhe halten.

PS: Noch mal zurück zur Modefarbe BRAUN. Die damalige Rückholaktion hieß T4, wie der vorletzte Transporter von Volkswagen. Den hab ich auch mal gefahren. Aber ein späteres Modell, ohne Vergaser ... was für ein Glück.


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