Buchtipp: "Das Wunder von Bern" in Einfacher Sprache

Deutschland 1954. Die deutsche Nationalmannschaftstartet als Außenseiter bei der WM in der Schweiz. Der 11-jährige Matthes LUbanski aus dem Ruhrpott hofft nichts sehnlicher, als dass sein großer Held, der Nationalspieler Helmut Rahn, die deutsche Mannschaft zum Erfolg führt. Rahn ist wie ein Vater für ihn. Doch plötzlich tauscht Matthes echter Vater wieder auf: Aber alles hat sich verändert.

Hier ein Auszug aus dem Buch als Leseprobe:

Das Wunder von Bern in Einfacher Sprache

Die Taube

Wir Kinder sitzen wie Raben im Baum.
Bis ganz oben sind wir in die Äste geklettert.
Denn wir wollen ganz weit sehen können.
Wir starren in die grauen Wolken.
Unsere Blicke suchen den Horizont ab.

Aufgeregt sind wir. Wir zittern vor Spannung.
Wann, wann wird die Taube endlich zu sehen sein?
Und vor allem: Welche Nachricht bringt sie uns?
Was steht auf dem Zettel, den die Taube mitbringt?
Wir hoffen und bangen.

Hans sieht die Taube zuerst.
„Da ist sie! Da kommt sie!“, ruft er ganz laut.
Wie reifes Obst fallen wir von den Ästen.

Schnell! Schneller!
Wir rennen, so schnell wir können.
Zu dem Haus, in dem die Taube
im Dachboden-Fenster verschwunden ist.

Schnell! Schnell, die Treppe rauf!
Zwei Stufen auf einmal!
Gleich wissen wir, was auf dem Zettel steht.

Wir reißen die Tür zum Dachboden auf.
Hier ist der Tauben-Schlag.
Hier wohnen die Brief-Tauben.

Erschrocken gurren die Tiere. Federn fliegen auf.
Da sitzt sie. Unsere Taube.
Die Taube mit der wichtigen Nachricht
an ihrem Körper.

Peter nimmt die Taube in seine Hände.
Schnell nimmt er das Papier aus der kleinen Hülle
auf ihrem Rücken.

Wir schweigen. Wir sehen uns an.
Gut oder schlecht?
Das entscheidet sich jetzt! Matthes hört auf
zu atmen. Die anderen auch.

„1:0“, sagt Peter und lässt den Zettel sinken.
„Für wen?“, fragt Matthes mit trockener Stimme.
„Aachen eins, Rot-Weiß Essen null.“
„1:0?“, fragt Matthes entsetzt.
Als könnte das jetzt noch was ändern.

Mit hängenden Köpfen verlassen wir den
Tauben-Schlag.
Matthes stehen die Tränen in den Augen.
Sein Fußball-Held hat kein Tor geschossen.

 

Familie Lubanski

Unsere Familie wohnt in Essen.
Aber Essen ist nicht irgendeine Stadt.
Essen liegt nämlich mitten im Ruhr-Pott.
Eigentlich heißt es „Ruhr-Gebiet“,
weil es hier einen Fluss gibt.
Und das ist die Ruhr.

Aber „Ruhr-Gebiet“ sagen nur die vornehmen Leute.
Doch wir sind nicht so vornehm.
Wir sagen nicht Ruhr-Gebiet, sondern „Ruhr-Pott“
oder einfach nur „Pott“.

Pott kommt von „Pütt“.
So nennt man das Berg-Werk,
in dem die Berg-Leute arbeiten.
Im Pütt ist die Kohle. Ganz tief unter der Erde.

Vornehm ist nichts bei uns im Ruhr-Pott.
Hier sind die Zechen. Dreck und Ruß.
Rauch und Staub.

Blauer Himmel, was ist das?
Unsere Häuser sind schwarz vom Staub der Kohle.
Die Wäsche auf der Leine ist gelb
wie der Rauch aus den Schornsteinen.
Ruß klebt auf den Straßen, an Türen und Wänden.
Und sogar auf dem Weiß-Kohl im Gemüse-Garten.

Bei uns im Pott sagt man statt „arbeiten“:
„malochen“.
Das ist nämlich viel härter als nur arbeiten.

Wir sagen auch nicht wie die feinen Leute
„das“ und „was“. Wir sagen „dat“ und „wat“.

Wir strecken auch nicht beim Trinken
den kleinen Finger von der Hand weg.

Und wir essen, weil wir Kohl-Dampf haben.
„Kohl-Dampf“ sagen wir, wenn wir Hunger haben.

Hunger kennen wir noch vom Krieg. Aber jetzt
haben wir nur noch Hunger vom vielen Malochen.
Der Krieg ist zum Glück schon neun Jahre vorbei.

Unser Ruhr-Pott geht von Duisburg bis Dortmund,
und mittendrin liegt Essen.
Genau da wohnt unsere Familie.
Wir, die Familie Lubanski.

Aber wir sind nicht irgendeine Familie.
Wir sind keine normale Familie
mit Vater, Mutter, Kind.
Bei uns fehlt nämlich das Wichtigste: der Mann,
der Vater, das Oberhaupt der Familie.

Normal sitzt der Vater beim Essen
immer an derselben Stelle. Am Kopf des Tisches.
Da, wo man den ganzen Raum übersehen kann.
Da, wo man alles im Blick hat.
Da, wo man alles kontrollieren kann.
Da, wo kein anderer sitzen darf.

Nur das Oberhaupt der Familie darf da sitzen.
Und das Oberhaupt ist immer der Vater.
Das Oberhaupt ist immer der Mann.

Bei uns ist das anders:
Bei uns sitzt Benno am Kopf des Tisches.
Benno ist der Älteste von uns drei Kindern.
Benno ist schon 18.
Er ist fast schon fast ein Mann.

Benno lässt sich nicht mehr alles sagen.
Auch nicht von unserer Mutter Christa,
die ihm am Tisch gegenüber sitzt.
Am anderen Ende des Tisches sitzt sie.

Da hätte sich unser Vater Richard
niemals hingesetzt.
Damals, als er noch nicht verschwunden war.
Damals, als Richard noch das Oberhaupt der
Familie war.
Jetzt sitzt sein Sohn Benno auf seinem Platz.

Unsere Schwester Ingrid
hört noch auf unsere Mutter.
Obwohl Ingrid auch schon fast 17 ist.
Ingrid ist verdammt hübsch.
Sie sieht überhaupt nicht mehr aus wie ein Kind.

Ingrid Lubanski sieht so klasse aus, dass die Kerle
sich nach ihr umdrehen.
Und dann ist da noch der Kleinste: Matthias
Lubanski. Bei allen heißt er nur Matthes.
Mit seinen elf Jahren sieht er die Welt noch mit
Kinder- Augen.

Anders als sein Bruder Benno oder seine Schwester
Ingrid. Und ganz anders als seine Mutter Christa.

Matthes hat noch Träume. Matthes liebt Fußball.
Rot-Weiß Essen. Das ist seine Mannschaft.

Bei Rot-Weiß spielt Helmut Rahn.
Für Matthes ist der ein Fußball-Held.
Matthes darf ihm die Tasche mit seinem Sport-Zeug
tragen.

Dann, wenn es zum Training geht.
Bei uns in Essen wird Rahn nur „der Boss“ genannt.
Der kann nämlich richtig guten Fußball schießen.
Der ist der Fußball-König vom Ruhr-Pott.

Für Matthes ist Fußball alles! Und wenn Rot-Weiß
Essen verliert, darf keiner von uns eine blöde
Bemerkung machen.
So wie heute beim Abend-Essen:

Mama betet mit uns das Tisch-Gebet,
und wir fangen an zu futtern.
Nur Matthes nicht.
Der reibt mit dem Finger auf dem Tisch herum.

„Matthes, du musst was essen“, sagt Mama.
„Hab keinen Hunger“, flüstert Matthes.
„Rot-Weiß hat verloren.“

Mama lacht: „Die verlieren doch immer.“
Das ist zu viel für Matthes. Er steht auf, geht hinaus.
Hinaus in den kleinen Garten, zum Kaninchen-Stall.
Da krabbelt er hinein und erzählt seinen beiden
Kaninchen von seinem Kummer:
„1:0. Wir haben verloren. So werden wir nie
deutscher Meister.“

Die beiden Kaninchen, Atze und Blacky,
gehören auch zu unserer Familie.
Für Matthes sind sie wie Seelen-Tröster.
Wenn er traurig ist, kriecht er zu ihnen in den Stall.
Dann futtert er mit ihnen die alten Möhren.
Und wenn er mit ihnen spricht, geht es ihm gleich
viel besser.

 

Die Kneipe

Unsere Mutter Christa versucht, unsere Familie
über die Runden zu bringen.
Vier Köpfe ernähren, das ist kein Pappen-Stiel.

Als der Krieg vorbei war, hat unsere Mutter eine alte
Eck-Kneipe gekauft.
Dunkel und ungemütlich war die Kneipe damals.
Alles hat gestunken, nach altem Bier und
altem Rauch.

Unsere Mutter Christa hat erst mal Ordnung
geschaffen. Sie hat die Kneipe entrümpelt,
gestrichen, geputzt, gewischt und dann die Gläser
blank poliert. Seitdem ist „Das Eck“ ein Treffpunkt
für alle.

Für alle, die bei uns um die Ecke wohnen.
Und für alle, die um die Ecke arbeiten.
Zum Feierabend ein frisches Pils trinken! Lecker!
Zusammen an der Theke sitzen und quatschen,
das gefällt den Leuten hier. Vor allem jetzt,
kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft 1954.

„Dat schaffen wir nie bis dahin“, sagt Paule an der
Theke.„Da muss man dran glauben“, meinen die
anderen. „Sonst wird dat nämlich nix.

Christa mach mal noch` n Pils für den Paule!“
Christa zapft das Bier und bedient.
Ingrid hilft dabei.

Benno nicht. Der macht Musik in einer Band.
Band“ heißt das nämlich jetzt und nicht mehr
Musik-Kapelle. Wie zu der Zeit, als Vater Richard
noch das Oberhaupt der Familie war.

Benno spielt Gitarre. Elektro-Gitarre. Fetzige Musik:
Boogie-Woogie.
Heiße Musik. Amerikanische Musik! Das ganze
Zeug, das im Krieg verboten war, das spielt er jetzt
mit seiner Band.

Solche Musik durfte man damals nicht mal im Radio
hören. Dann ging es ab in den Knast! Oder sonst
wo hin. Auf jeden Fall stand das unter Strafe, alles
Amerikanische, alles Englische, alles Ausländische.

Damals war nur alles Deutsche gut. Damals unter
den Nazis.
Deutsche Ordnung, deutscher Gehorsam, deutsche
Mütter, deutsche Musik.

Benno verachtet alles, was mit den Nazis zu tun hat.
Einmal hat Mama beim Nachbarn gefragt,
ob Benno bei ihm eine Lehre machen kann.
Zum Elektriker. „Dann soll er mal kommen“,
hat der Nachbar geantwortet.

„Warst du heute auf deiner Lehr-Stelle?“,
fragt Mama beim Essen.

„Da gehe ich nicht hin“, sagt Benno.
„Ich mache keine Lehre bei einem Nazi.
Außerdem bin ich Musiker.
Wir spielen alles, was ihr früher Neger-Musik
genannt habt.
Was wir spielen, ist richtige Musik. Und mit der
Band kann ich auch Geld verdienen.“

„Am Wochenende musst du in der Kneipe helfen“,
sagt Mama zu Benno.
„Geht nicht. Da spiele ich mit der Band.“
Mama sagt weiter nichts.
Sie weiß: Benno macht sowieso, was er will.


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