"Tuechtig" für den ersten Arbeitsmarkt

Die Großstadt lockt. Das war schon immer so und ist in Zeiten der digitalen Moderne nicht anders. Denn je größer die Stadt, desto besser die Infrastruktur, desto mehr Jobs.
 

© bildbeute/Kopf, Hand + Fuß

In den ehemaligen Osram-Höfen in Berlin wurde kürzlich Europas erster inklusiver Coworking Space eröffnet.

Text  Astrid Eichstedt

In der Großstadt bieten sich Arbeitnehmern und Selbstständigen mit und ohne Behinderung mehr Chancen, aber auch mehr Wettbewerb. Der öffentliche Personennahverkehr – und damit oft der Weg zum Arbeitsplatz – ist schneller getaktet und häufig barrierefreier organisiert als im ländlichen Raum. Theoretisch ermöglicht die digitale Technik zwar viele orts- und mobilitätsunabhängige Arbeitsplätze, doch bislang ziehen Arbeitgeber nur zögerlich mit, sodass der Standort nach wie vor eine Rolle spielt. Die regionale Verteilung von Integrationsbetrieben ist branchenspezifisch verschieden. CAP-Lebensmittelmärkte beispielsweise, die je zur Hälfte Menschen mit und ohne Behinderung beschäftigen, finden sich eher im ländlichen Bereich, die überwiegende Zahl der integrativen Embrace-Hotels hingegen in Städten. Auch innovative inklusive Arbeitsprojekte gedeihen vorwiegend im urbanen Umfeld.

Die Arbeit von "Tuechtig" könnte wegweisend sein

Ein Beispiel aus Berlin: In den ehemaligen Osram-Höfen wurde kürzlich Europas erster inklusiver Coworking Space eröffnet, das ­"Tuechtig". Coworking Spaces sind eine neue urbane Form der Arbeitsorganisation, mit der auf die zunehmende Flexibilisierung der Arbeitswelt reagiert wird. Da sie oft ausgediente Industrieanlagen nutzen, machen sie den Strukturwandel auch nach außen deutlich: Wo früher Fließbänder und Maschinen standen, werden heute Schreibtische an Menschen vermietet, die als Selbstständige tätig sind. Das "­Tuechtig", ein Projekt der Kopf, Hand + Fuss gGmbH, bietet genügend Platz für 50 selbstständig Arbeitende mit und ohne Behinderung, doch bislang sind es erst elf, zwei davon sind gehörlos.

Gründerin Stefanie Trzecinski sagt: „Die 200 Euro Monatsmiete entsprechen dem Standard. Leider stellen wir fest, dass sie für Menschen mit Behinderung oft zu hoch ist. Es gibt Interessenten, die hier gerne einen Platz mieten würden, doch dazu eine finanzielle Unterstützung bräuchten. Deshalb müssen wir erst mal Stipendien für sie ­einwerben.“ Die Arbeit von "Tuechtig" könnte wegweisend sein: Der Zugang ist ebenerdig, die Schreibtische höhenverstellbar. Blinden Nutzern werden Brailletastaturen und schwerhörigen Teilnehmern für Teamsitzungen eine frequenzmodulierte Funksignalanlage zur Verfügung gestellt. Zum Angebot gehören auch Assistenzleistungen wie Übersetzungen in Gebärdensprache, Unterstützung bei der Erstellung von Businessplänen oder Hilfestellung durch Fremdsprachenkenntnisse.

Dem inklusiven Ansatz von "­Tuechtig" entspricht es, dass die Unterstützungsleistungen nicht nur Menschen mit Behinderung zugutekommen. So könnten auch Senioren, die sich selbstständig machen wollen, Hilfe im Umgang mit Twitter, Facebook und Co. erhalten. Geplant sind auch Mentoringprogramme, Expertensalons und Vernetzung mit der Wirtschaft. „Im Grunde“, so Stefanie Trzecinski, „bietet eine Großstadt wie Berlin perfekte Bedingungen – einfach, weil hier so viele Menschen mit und ohne Behinderung leben. Das Teilen von Assistenzleistung funktioniert ja nur dann, wenn genügend Personen da sind, die es in Anspruch nehmen wollen.“ Stefanie Trzecinski würde auch gern Menschen mit kognitiven Einschränkungen mitnehmen. „Was nicht funktioniert, könnten wir kompensieren, sodass jeder seine Idee umsetzen kann. Denn die Maxime von "Tuechtig" ist: Jeder soll arbeiten können und sein eigenes Geld verdienen."

"Wir erleben stetig wachsende kognitive Herausforderungen und immer mehr Arbeitsaufgaben, die gleichzeitig zu erledigen sind"

Angesichts des Wegfalls einfacher Arbeiten und der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt stellt die Beschäftigung von Menschen mit psychischer oder geistiger Behinderung eine der größten Herausforderungen für die Zukunft der Arbeit dar. Der Organisations- und Wirtschaftspsychologe Bertolt Meyer von der Technischen Universität Chemnitz bestätigt das: „Wir erleben stetig wachsende kognitive Herausforderungen und immer mehr Arbeitsaufgaben, die gleichzeitig zu erledigen sind, und eine immer stärkere Entgrenzung von Freizeit und Arbeit. Menschen, die kognitiv eingeschränkter oder weniger stressresistent sind, werden es durch die zunehmende Geschwindigkeit und Komplexität der Arbeit nicht leichter haben.“ Hier sind also mehr kreative Ideen gefragt.

Bereits bewährt haben sich die sogenannten Selbsthilfe- oder Zuverdienstfirmen. Schon Ende der 1970er-Jahre entstanden die ersten von ihnen in Freiburg, Münster und Gütersloh im Rahmen von gemeinnützigen GmbHs. Mittlerweile bieten sie in vielen deutschen Städten Arbeitsplätze für Menschen, die aufgrund einer psychischen Behinderung sonst auf dem ersten Arbeitsmarkt wenige Chancen haben. Vorbild waren die im Zusammenhang mit der italie­nischen Psychiatriereform entstandenen Kooperativen, die die ehemals in geschlossenen Anstalten untergebrachten Psychiatriepatienten Italiens zu aktiven Arbeitnehmern machten. Im Status einer geringfügigen Beschäftigung können Menschen mit psychischer Behinderung in Selbsthilfe- oder Zuverdienstfirmen etwa in der Gastronomie, im Garten- und Landschaftsbau, im Handel, im Handwerk oder in der Verwaltung im ­Rahmen ihrer individuellen Möglichkeiten in der freien Wirtschaft arbeiten und reell entlohnt werden.

Daniela Buchholz

Teilnehmerinnen des Modellprojekts "KompeTanz".

Tanz trainiert die Teamfähigkeit

Einen eher unkonventionellen Weg für den Übergang junger Erwachsener mit Förderbedarf auf den ersten Arbeitsmarkt verfolgt die Tanzbar Bremen. Mit ihrem Modellprojekt KompeTanz wollen die Initiatoren durch Tanz- und Körpertrainings Fertigkeiten vermitteln, die für die Arbeitswelt wichtig sind. In täglichen Proben werden Körperbewusstsein, Frustrationstoleranz, Selbstdisziplin, Konfliktfähigkeit, Motivation, Selbstbeobachtung und Teamfähigkeit trainiert. Durch Sprach- und Stimmtrainings sollen die Teilnehmer in der Kommunikation sicherer werden, durch Gebärdensprache ihre kognitiven Fähigkeiten schulen und Augenkontakt üben. Parallel dazu praktizieren die Teilnehmer Alltagsroutinen, wie selbstständiges Telefonieren, Einkaufen, ein Wegetraining und den Umgang mit Stress. Einen Höhepunkt der Maßnahme bildet die Mitwirkung an einer Bühnenproduktion. Nach Ende des Modellprojekts soll KompeTanz 2018 in ein kreativwirtschaftliches Integrationsprojekt übergehen.

Aktiv auf Unternehmen zugehen und auf unkomplizierte Weise erste Bewerbungsgespräche trainieren, das ermöglichen sogenannte Job-Speeddatings, die seit einigen Jahren von der Industrie- und Handelskammer und der Agentur für Arbeit zusammen mit verschiedenen Firmen veranstaltet werden. Neuerdings gibt es solche Speeddatings auch, um Schüler mit Behinderung und potenzielle Arbeitgeber zusammenzubringen. Diese speziellen Job-Kontaktbörsen bieten einen Rahmen für kurze Informations- und Bewerbungsgespräche zwischen Schülern mit Behinderung und Großkunden der Bundesagentur für Arbeit. In Köln, Düsseldorf, Essen und Aachen fanden bereits solche Job-Kontaktbörsen statt, ebenso in Cottbus. Inzwischen haben auch andere Bundesländer Interesse an diesem Format.

Glaubt man den meisten wissenschaftlichen Prognosen, dann können gut ausgebildete Menschen mit körperlicher und Sinnesbehinderung der Zukunft der Arbeit vorsichtig optimistisch entgegensehen. „Für sie werden die Chancen durch die Digitalisierung eher steigen“, schätzt Bertolt Meyer. „Dank der Verbesserung der technischen Hilfsmittel, Onlinefortbildungen und wegen des Wegfalls vieler körperlich schwerer Arbeiten werden körperliche und Sinneseinschränkungen immer weniger ins Gewicht fallen.“ Bleibt zu hoffen, dass die urbanen Kreativen dafür weiterhin den Weg ebnen.

Weitere Informationen:

Infos zu den im Beitrag genannten Projekten gibt es unter:
www.tuechtig-berlin.de/tuechtig
www.mehrzuverdienst.de
www.kompetanzbremen.de
www.das-jobspeeddating.koeln

Integrationsunternehmen

Auf der Webseite der Bundesarbeitsgemeinschaft Integrationsfirmen gibt es Informationen zu rund 850 Integrationsunternehmen in Deutschland:
www.bag-if.de


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