Stadtluft macht frei

In Städten entstehen viele Initiativen, die die Welt ein bisschen besser machen sollen. Denn in Städten finden die Menschen leichter Gleichgesinnte und die nötige Hilfe, um ihre Idee umzusetzen. Vier Beispiele
 

Protokolle: Christina Nerea Burger und Dagmar Puh
Fotos: Marina Rosa Weigl


Lea Rudoph ist Pädagogin, Sozialarbeiterin mit Schwerpunkt Suchtprävention und Foodsharing-Botschafterin im Stadtteil Köln-Ehrenfeld. Foodsharing ist ein ehrenamtliches Netzwerk, das Lebensmittel weitergibt, bevor sie in der Mülltonne landen.

Foodsharing - Essen vor der Mülltonne retten

Lea Rudolph lebt in Köln und verteilt in ihrer Freizeit Essen, wie zum Beispiel Brot, Gemüse oder Reis. Viele andere Menschen in ganz Deutschland machen das auch. Der Verein Foodsharing e.V. organisiert diese ehrenamtliche Arbeit. Foodsharing ist Englisch und bedeutet „Essen teilen“. Seit drei Jahren ist Lea Rudolph bei Foodsharing dabei. Sie und alle anderen Mitglieder wollen verhindern, dass Lebensmittel verschwendet werden. Bäckereien, Supermärkte oder Cafés werfen am Ende des Tages Essen oft weg, weil sie es am nächsten Tag nicht mehr verkaufen können. Das Brot oder das Gemüse ist dann den Kunden nicht mehr frisch genug. Mitglieder von Foodsharing holen diese Lebensmittel ab und verteilen sie. Keiner bekommt Geld dafür oder muss etwas zahlen. Auf der Internetseite von Foodsharing kann jeder lesen, wie alles funktioniert.

Es gibt bei Foodsharing grob gesagt drei Arten von Mitgliedern: Die Foodsaver holen Essen bei den Bäckereien und Supermärkten ab und verteilen es. Foodsaver ist Englisch und bedeutet so viel wie Lebensmittel-Retter. Retter deswegen, weil diese Mitglieder das Essen vor der Mülltonne retten. Dann gibt es noch Mitglieder, die das Gemüse oder Brot abholen und selbst essen. Die 3. Gruppe von Mitgliedern kümmern sich um Aufgaben, die nicht direkt mit den Lebensmitteln zu tun haben. Bin ihrem Stadtteil zu verbreiten. Die Botschafter müssen viel organisieren: 1. Sie arbeiten neue Foodsaver ein. 2. Sie organisieren Treffen für alle Foodsharing-Mitglieder. 3. Können sich Mitglieder, Bäckereien oder Supermärkte bei den Botschaftern melden, wenn es Probleme gibt. In einer großen Stadt wie Köln haben die Botschafter oft sehr viel zu tun. Der Kölner Stadtteil Ehrenfeld hat zum Beispiel 1.300 Personen, die sich auf der Foodsharing-Internetseite angemeldet haben. Manchmal wechseln die verschiedenen Mitglieder auch ihre Aufgaben bei Foodsharing.

In den Städten funktioniert die Idee von Foodsharing leichter als auf dem Land. Denn je mehr Menschen mitmachen, desto besser. Jeder von ihnen kann Essen abholen, bevor es weggeworfen wird. Auch wenn einmal eine Person ausfällt, kann eine andere aushelfen. In der Stadt hat man noch einen weiteren Vorteil: Die Wege zum Supermarkt oder Bäcker sind kurz. Außerdem kann man auch mit dem Bus oder der Bahn das Essen gut abholen oder verteilen.

Im Kölner Stadtteil Ehrenfeld haben die Mitglieder sehr guten Kontakt zueinander. Wenn zum Beispiel ein Foodsaver Essen von einem Supermarkt abgeholt hat, dann kann er es auch schnell verteilen. Dafür gibt es Sammelstellen: Der Foodsaver bringt das Brot und Gemüse dort hin, die Foodsharing-Mitglieder holen es ab. Oft ist das Essen schon nach zehn Minuten verteilt. Schließlich soll das Essen auch sofort gegessen werden und nicht am Ende doch im Müll landen.

In Köln wissen immer mehr Menschen von Foodsharing und wollen mitmachen. Gerade die neuen Mitglieder wollen sofort Essen abholen und verteilen. Das ist auch gut so, denn in der Stadt gibt es viele Supermärkte, Cafés und Bäckereien, die Essen abgeben. So haben alle etwas zu tun.

Foodsharing gibt es seit 2012. Seit dem haben Foodsaver in ganz Deutschland schon sehr viel Essen gerettet.


Mario Parade ist einer der Gründer des Wissenschaftsladens und der machBar in Potsdam. Hier können Menschen Produkte entwickeln und selbst herstellen. Das nächste Projekt: Menschen mit ­Behinderung machen ihre Hilfsmittel selbst.

Die Selbsthilfewerkstatt

Mario Parade ist von Beruf Physiker und hat lange an der Uni geforscht und gearbeitet. Irgendwann hat er von besonderen Werkstätten gehört. Dort bauen oder reparieren Menschen gemeinsam Dinge. Mario Parade war sofort von dieser Idee begeistert. Deswegen hat er auch so eine Werkstatt in Potsdam gegründet und sie machBar genannt. „In unserer machBar kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen“, sagt Mario Parade. Sie können dort ihre Ideen mit anderen Leuten besprechen und dann selbst versuchen zu bauen. Für viele ist es das erste Mal, dass sie von Anfang bis Ende eine Sache bauen. Oft müssen sie erst lernen, wie etwas funktioniert. Zum Beispiel wie man eine Säge bedient. Einige Werkzeuge oder Maschinen sind sehr modern. Normalerweise nutzen nur besonders ausgebildete Menschen solche Maschinen, wie zum Beispiel Ingenieure. In der machBar kann jeder lernen, wie man diese Maschinen benutzt. Aber es gibt auch einfache Werkzeuge, wie Hammer und Schraubenzieher.

„Ich arbeite auch als Lehrer an einer inklusiven Schule. Dabei erlebe ich oft, dass Kinder unpraktische Hilfsmittel nutzen“, sagt Mario Parade. Hilfsmittel sind zum Beispiel ein Lesegerät für blinde Menschen, ein Rollstuhl oder Gehhilfen. Viele Hilfsmittel funktionieren nicht richtig oder sind sehr teuer. In der machBar kann jeder ausprobieren, ob er sein Hilfsmittel verbessern kann. Hier gibt es auch die richtigen Werkzeuge und Menschen, die handwerkliche Erfahrung haben. Zusammen kann es funktionieren. Man muss es einfach ausprobieren.

Mario Parade hat in Potsdam Menschen gefunden, die beim neuen Projekt mitmachen wollen: Menschen mit Behinderung bauen ihre eigenen Hilfsmittel. Werkstätten für Menschen mit Behinderung, die Uni Potsdam und Sanitätshäuser aus der Gegend sind Projekt-Partner. Mario Parade hofft, dass er mit diesen Partnern eine gute Lösung für alle findet. Menschen mit Behinderung können ihre Hilfsmittel verbessern und müssen dafür wenig Geld ausgeben. Die Sanitätshäuser können lernen, warum manche Hilfsmittel unpraktisch sind. Und wie man sie verbessern kann. So können auch andere Menschen neue Ideen nutzen. Die Uni Potsdam kann junge Menschen mit guten Ideen für die Forschung begeistern. „Es geht aber auch gar nicht darum, etwas ganz neu zu erfinden“, sagt Mario Parade. Sie wollen zum Beispiel einen Rollstuhl besser machen. So kann man zum Beispiel eine Steckdose oder einen Anschluss für einen USB-Stick an den Rollstuhl bauen.

So eine gemeinsame Werkstatt kann man in der Stadt wahrscheinlich besser aufbauen. Aber Mario Parade und seine Partner wollen das ändern. Sie überlegen schon, wie man so eine Werkstatt auch auf dem Land gründen kann. „Mal sehen, was uns noch so alles einfällt.“


Lu Autenrieb ist Inklusionsbotschafterin der Interessengemeinschaft Selbstbestimmt Leben, ehrenamtliche Integrationslotsin und Gründerin des Internationalen Frauen- und Familien-Forums in Bonn.

Ein Gesprächs-Forum für die Leute im Viertel

Lul Autenrieb ist Gründerin des Internationalen Frauen- und Familienforums Bonn-Tannenbusch. Das Frauen- und Familienforum ist ein Ort, wo sich Menschen mit verschiedenen Problemen treffen können. Dort können Sie über ihre Probleme sprechen und sich gegenseitig helfen. Lul Autenrieb arbeitet schon lange mit Menschen. Sie berät und hilft Menschen mit Behinderung, Menschen aus verschiedenen Ländern und Menschen, die geschlagen oder gequält worden sind. „Ich habe viele Frauen kennengelernt, die Hilfe brauchten“, sagt Lul Autenrieb. Deswegen ist sie auf die Idee gekommen, einen Ort der Begegnung zu gründen. Damit Frauen über ihre Probleme und Ängste sprechen und sich in schwierigen Situationen unterstützen können.

Lul Autenrieb kann die Probleme von manchen Frauen sehr gut verstehen. Denn sie hat selbst Gewalt erlebt: „Ich bin in Somalia geboren. Mit sechs Jahren wurde ich beschnitten. Mit 17 musste ich heiraten, obwohl ich es nicht wollte“, berichtet Lul Autenrieb. Eine Beschneidung bei Mädchen und Frauen ist sehr brutal. Oft bekommen die jungen Frauen bei der Beschneidung kein Schmerzmittel. Und auch nach der Beschneidung haben sie beim Wasser lassen und beim Sex starke Schmerzen. Lul Autenrieb erlebte diese Schmerzen und Qualen am eigenen Körper. Außerdem hat ihr Ehemann sie geschlagen und zwar so schlimm, dass sie heute eine Gebehinderung hat und einen Rollstuhl braucht. Jahrelang konnte sie über all diese Erfahrungen nicht sprechen. Irgendwann merkte Lul Autenrieb aber, dass sie darüber reden musste: Damit sie die schlimmen Erfahrungen verarbeiten konnte. Sie merkte, dass es ihr besser ging, nachdem sie darüber gesprochen hatte. Genau deswegen hat sie das Internationale Frauen- und Familienforum Tannenbusch gegründet. Damit auch andere Frauen über Probleme reden können und es ihnen danach besser geht.

Jeder kann zu den Treffen in Bonn Tannenbusch vorbei kommen. Im Forum sprechen die Frauen und Männer aber nicht nur über ihre Probleme. Genauso oft reden sie über Familie, Gesundheit, Schule oder Politik. Deshalb ist das Forum für alle geöffnet – auch für Männer. Wenn man über Probleme spricht, kann man auch Dinge verbessern. Manche Frauen denken zum Beispiel, es ist normal, wenn sie geschlagen oder beschnitten werden. Im Forum erfahren sie, dass das nicht normal ist. Dass es sogar in Deutschland und vielen anderen Ländern gesetzlich verboten ist. Am Anfang waren diese Themen für einige sehr unangenehm. Sie waren nicht gewohnt, darüber zu sprechen. Aber nach einiger Zeit haben viele diese Probleme viel besser verstanden.

Seit 2015 gibt es das Forum jetzt in Bonn-Tannenbusch. Mit der Zeit sind viele Menschen gekommen und haben miteinander gesprochen. Das ist ein großer Erfolg. Im Bonner Stadtteil Tannenbusch leben viele Menschen in Hochhäusern und haben wenig Geld. Oft kommen sie aus fernen Ländern, manche haben schlimme Erfahrungen gemacht. Doch die Leute reden viel miteinander. Gibt es etwas Neues wie das Forum, spricht sich das schnell herum. Für das Forum sind der häufige Kontakt und Freundschaften unter den Teilnehmern sehr wichtig. Denn die Menschen im Viertel sollen sich auch so treffen und miteinander sprechen können. Nicht nur im Forum. Mit der Zeit haben sich schon viele Nachbarn kennengelernt und sind zu Freunden geworden. „Es macht mich glücklich, zu sehen, dass die Menschen im Stadtteil zu Freunden werden“, sagt Lul Autenrieb.


„Wir feiern uns so, wie wir sind.“ Sven, Aaron und Matej gehören zum Organisationsteam der Pride Parade Berlin, die 2017 zum vierten Mal stattfindet

Demonstrieren und dabei feiern

Sven, Aaron und Matej organisieren zusammen mit anderen eine Demonstration in Berlin: die Pride Parade Berlin. „Behindert und verrückt feiern“ heißt das Motto der Demonstration. Die Pride Parade Berlin gibt es seit 2013. Zu dieser Zeit war es die einzige Demonstration dieser Art in ganz Europa. Und die erste überhaupt, bei der Menschen mit Behinderung und mit psychischen Erkrankungen gemeinsam demonstrierten und feierten.

Der Weg der Demonstration geht durch eine Gegend, wo viele Menschen unterwegs sind. Viele bleiben stehen und schauen zu. Manche Demonstrations-Teilnehmer tragen Schilder mit Sprüchen oder Forderungen. Es gibt Wagen, auf denen Menschen stehen, wie beim Karneval oder bei der Loveparade. Die meisten Demonstrations-Teilnehmer laufen, rollen oder tanzen den Weg entlang. Man muss schon Mut haben, so offen seine körperliche oder psychische Behinderung zu zeigen. Denn manche Menschen denken, dass Behinderungen oder eine psychische Erkrankung Schwächen sind. Wenige Menschen trauen sich, ganz normal darüber zu sprechen. Sven, Aaron und Matej finden aber, dass es ein tolles Gefühl ist zu zeigen: Wir sind gut, genau so wie wir sind! Die drei denken nicht, dass sie schwach sind. Sie wollen mit der Demonstration zwei Dinge erreichen. 1. Dass jeder sehen kann, dass Behinderungen oder psychische Erkrankungen keine Schwächen sind. Und 2. dass es noch viele Barrieren gibt, die abgeschafft werden müssen.

Die Pride Parade organisieren ganz verschiedene Menschen: Es sind Menschen aus der Behinderten-Politik, Feministinnen und viele mehr. Es sind auch einige dabei, die die Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in Deutschland schlecht finden. Zum Beispiel die Behandlung in psychiatrischen Kliniken. Sven, Aaron, Matej und die anderen Organisatoren wünschen sich, dass jeder Mensch verschieden sein darf. Egal ob man eine Behinderung oder eine psychische Erkrankung hat. Dafür demonstrieren Sven, Aaron und Matej. Und sie wollen Spaß haben.

2017 findet die Demonstration am 15. Juli statt. Das Organisations-Team muss schon im Februar mit den Vorbereitungen anfangen. Sven, Aaron und Matej verteilen die Aufgaben. Denn man muss für eine Demonstration viele Dinge erledigen: Genehmigungen beantragen, Technik organisieren, für Barrierefreiheit sorgen und vieles mehr. Auf einer Bühne gibt es einen Preis für schlechte Entscheidungen in der Politik. Wer diesen Preis bekommt hat also keinen Grund, stolz zu sein.

Damit man so eine Demonstration organisieren kann, braucht man Menschen, die mitmachen. Machen zu wenige mit, klappt das nicht. Berlin ist super für so eine Demonstration. Viele Menschen interessieren sich hier für Politik und wollen mehr über Menschen mit Behinderung und psychische Erkrankung wissen. Außerdem kommt man auch mit Behinderung gut durch die Stadt. Und es gibt Stellen, die sich mit Demos auskennen. Sie können bei Fragen und Problemen helfen. All das macht die Sache leichter.

Natürlich könnte man auch einfach nur demonstrieren und nicht feiern. Aber das Feiern gehört dazu. Denn damit können alle zeigen, dass sie selbstbewusst sind. Das feiern zeigt, dass diese Demo eine gute Sache ist. Viele Menschen wundern sich, wenn die Demonstranten so locker mit den Themen Behinderung und psychische Erkrankung umgehen. Dadurch schauen viele auch erst richtig hin oder hören, was die Demonstranten zu sagen haben. Der wichtigste Grund: Demonstrieren und dabei feiern macht einfach mehr Spaß.


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