Raus in die Metropole

Zwischen Lenzkirch und Köln liegen knapp 500 Kilometer und eine Differenz von über einer Million Einwohnern. Dominique-Michelle Heike (24) und Manuel Heike (37) haben im Herbst 2016 ihre Sachen gepackt und sind umgezogen – vom Dorf im Hochschwarzwald in die Großstadt im Rheinland. Protokoll eines Traums.
 

© iStock; Thilo Schmülgen

Protokoll  Beate Schwarz

Er: Ich komme aus Schwaben, meine Frau ursprünglich aus Bremen. Wir haben uns in der Werkstatt in Titisee-Neustadt kennengelernt, wo wir beide gearbeitet haben. 2012, als wir geheiratet haben, sind wir zusammengezogen in eine Wohnung in Lenzkirch.

Sie: In Lenzkirch hat mir gefallen, dass es so ruhig war. Auch die Landschaft. Es ist malerisch. Aber es gibt viele Berge. Das war sehr anstrengend für mich. Ich komme ja aus Bremen und bin das Flachland gewohnt.

Er: Irgendwann hat mich meine Frau angesprochen, dass sie gern in die Stadt ziehen möchte. Wir haben länger darüber geredet und uns dann dafür entschieden.

Sie: Ich bin nicht jemand, der nur rumsitzt. Ich wollte mehr raus, mehr ins Kino und so. Das war schwierig in Lenzkirch. In die nächste große Stadt mussten wir mit dem Bus fahren. Der fuhr nicht oft. Da hat man dann immer auf die Uhr gesehen, das war stressig.

Er: Ja, der letzte fuhr um 19.30 Uhr zurück.

Sie: Ich bin ja sehr groß. Um Kleidung zu kaufen, musste ich nach Freiburg. Mit dem Bus war man da gut eineinhalb Stunden unterwegs.

"Manchmal fühlt man sich auch beobachtet."

Er: Vor ein paar Jahren waren wir vier Tage in Köln, wegen der Gamescom. Die Reise hatten wir selbst organisiert, auch das Hotel. Die Stadt hat uns gut gefallen. Deshalb wollten wir gern nach Köln ziehen. Wir haben dann ein Jahr lang eine Wohnung gesucht. Aber das hat nicht geklappt. Dann haben wir von unserem gesetzlichen Betreuer vom Lebenshilfe-Projekt in Köln-Holweide erfahren. Wir sind nach Köln gefahren, haben uns das angeschaut, und es hat uns gefallen.

Sie: Unsere Wohnung ist hell und gut geschnitten, und wir fühlen uns wohl. Aber es ist schon etwas anderes als früher. Jetzt wohnen wir in einem Haus, in dem nur behinderte Menschen sind. Die Bilder unten im Flur, das stört mich schon.

Er: Auf der Tafel mit den Hausdiensten, meinst du? Wir sind halt sehr selbstständig, das sind aber nicht alle im Haus.

Sie: Manchmal fühlt man sich auch beobachtet. Und man hat immer mal Termine, zu denen man muss, obwohl man gerade erst von der Arbeit kommt.

Er: Ich finde es schon vorteilhaft, dass jeden Tag ein BeWo-Betreuer im Haus ist. Man kann dann manche Dinge direkt besprechen. (Anmerkung der Redaktion: BeWo steht für Betreutes Wohnen.)

Sie: Also, hier in Köln, da blühe ich richtig auf. Man kann schnell von A nach B fahren, morgens fahre ich zur Arbeit über den Rhein und sehe den Dom. Ich kann bummeln und muss nicht aufpassen, wann die nächste Bahn fährt. Wir haben aber noch nicht so viel gemacht, weil wir erst mal schauen, dass wir die Wohnung fertig haben und uns einleben.

"Köln ist für uns wie ein Neustart."

Er: Wir haben immer noch keine Küche, weil das Amt bei meiner Frau so schwierig ist. Bei mir gab es gar kein Problem mit dem Umzug, aber bei meiner Frau. Für unseren gesetzlichen Betreuer war das wirklich ein Haufen Arbeit. Kontakt nach Lenzkirch haben wir eigentlich nicht mehr, nur zu unserem gesetzlichen Betreuer. Köln ist für uns wie ein Neustart. Nur mit dem Dialekt tue ich mich noch ein bisschen schwer.

Sie: Ich weniger.

Er: Vielleicht wechsele ich auch die Stelle. Im Schwarzwald habe ich in der Montagegruppe gearbeitet und Kartonagen hergestellt. In Köln mache ich gerade ein Praktikum, beliefere ältere Leute mit Essen und nehme Bestellungen an. Der Wunsch, in diese Richtung zu gehen, war schon länger da.

Sie: Im Schwarzwald war ich auch in der Montage tätig. Jetzt mache ich digitale Archivierungen.

Er: Wir wollen hier erst mal richtig ankommen. Und dann haben wir Pläne. Wir möchten eine Familie gründen.

Sie: Ja, dafür machen wir dann einen Termin bei Pro Familia.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Gemeinschaftlich wohnen

Gemeinsam ist man weniger allein. Das gilt auch fürs Wohnen. Wer sich mit anderen die Miete teilt, spart Geld und lebt vielleicht glücklicher.

Wohnformen kennenlernen

Günstig wohnen in der Stadt?

Es wird immer schwieriger in der Großstadt eine bezahlbare barrierefreie Wohnung zu finden.Die Wissenschaftlerin und Journalistin Rebecca Maskos beschreibt, woran das liegt.

Essay über Wohnungspolitik
"Tuechtig" für den ersten Arbeitsmarkt

Großstädte haben in puncto innovative inklusive Arbeitsbedingungen einiges zu bieten: Wir zeigen Europas ersten inklusiven Coworking-Space und andere interessante Projekte.

Arbeiten mit Behinderung

Was du tun kannst

Gutes tun und gewinnen

Mit einem Los der Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

Lust auf
EXTRA-
Gewinne?

Sonderverlosung am 7.11.