Auf dem Weg

Florierende Wirtschaft, große Universität, steigende Einwohnerzahlen – Rostock und Erlangen haben einiges gemeinsam. Seit Kurzem verbindet sie noch mehr: Mit Unterstützung der Aktion Mensch wollen beide Städte in den nächsten fünf Jahren inklusiver werden.
 

Am Rostocker Hafen

Text: Dagmar Puh
Fotos: Espen Eichhöfer
und Annette Hauschild

Lebhafte Gespräche und angeregte Diskussionen erfüllen den großen Seminarraum des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben Behinderter in Erlangen. Schon nach einem kurzen Blick in den Raum wird klar: Das Koordinatorentreffen der Initiative Kommune Inklusiv, das an diesem Aprilmorgen zum ersten Mal stattfindet, kommt bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gut an. Der Austausch zwischen den Vertretern von Kommunen, Vereinen, Initiativen und Verbänden der beteiligten Städte und Gemeinden funktioniert.

Erlangen

Netzwerke knüpfen

Kommune Inklusiv ist ein Projekt der Aktion Mensch, das in den nächsten fünf Jahren fünf Städte dabei unterstützen wird, Teilhabehürden abzubauen. Neben Erlangen und Rostock sollen auch in Nieder-Olm, Schneverdingen und Schwäbisch Gmünd neue, inklusive Sozialräume entstehen – nicht nur für Menschen mit Behinderung. Im Fokus stehen auch sozial Schwache, Menschen mit altersbedingten oder psychischen Problemen und Migranten.

Ziel der Initiative ist es, ein selbstverständliches Miteinander in jedem Lebensbereich zu schaffen. Dazu sollen sich zivilgesellschaftliche Akteure in den Kommunen vor Ort miteinander und mit der lokalen Verwaltung vernetzen, gemeinsam Ziele definieren und überlegen, wie sie zu erreichen sind. Die Fäden in der Hand hält dabei in jeder Kommune eine Netzwerkkoordinatorin oder ein Netzwerkkoordinator, deren Arbeit von der Aktion Mensch finanziert wird. Der regelmäßige Austausch von Wissen und Erfahrungen der Koordinatoren wie heute in Erlangen ist ein wichtiger Pfeiler der Initiative.

Für die Aktion Mensch war eine immer wiederkehrende Beobachtung Anlass, Kommune Inklusiv zu starten: In vielen deutschen Städten gibt es großartige Ansätze, die mehr Inklusion schaffen sollen und für die viel Geld und Engagement aufgewendet wird – 2016 förderte allein die ­Aktion Mensch monatlich bis zu 1.000 Projekte, 178 Millionen Euro flossen hierhin sowie in die Aufklärung. Eine wirklich inklusive Kommune, in der alle gleich gut leben und teilhaben können, lässt dennoch auf sich warten. Woran liegt das?

 „Es gibt viele gute Netzwerke, aber oftmals fehlen klare Zielvereinbarungen, was man gemeinsam erreichen will“, sagt Carolina Zibell. Sie ist bei der Aktion Mensch für Kommune Inklusiv zuständig und aus Bonn zum Koordinatorentreffen nach Erlangen gereist. „Mit der neuen Initiative fördert die Aktion Mensch deshalb keine Einzelmaßnahmen, sondern den Auf- und Ausbau lokaler Inklusionsnetzwerke.“ Das heißt: In den Gemeinden sollen möglichst viele Menschen gewonnen werden, die sich gemeinsam für mehr Inklusion einsetzen.

Die Teilnehmer des Koordinatorentreffens begrüßen die breit angelegte Strategie. Aufgrund ihrer Erfahrung wissen sie: Kommune Inklusiv wird nur Früchte tragen, wenn es gelingt, möglichst viele Akteure in ihren Städten einzubinden. Besonders wichtig wird es sein, gut mit Verwaltung und Zivilgesellschaft, von Privatleuten über Firmen bis hin zu Vereinen, zusammenzuarbeiten – und zwar auf Augenhöhe. Der Erfolg steht und fällt außerdem damit, da sind sich die Anwesenden einig, die Zielgruppen aktiv in die Erarbeitung konkreter Maßnahmen einzubinden. Schließlich sind sie es, die ihre Lebenswelt am besten kennen. Diesen Bedürfnissen Gehör zu verschaffen, ist eine weitere Hauptaufgabe für die Koordinatoren. Um ihnen dabei zu helfen, finanziert die Aktion Mensch nicht nur die fünf Netzwerkkoordinatoren, sie sorgt auch für Schulungs-, Trainings- und Austauschmaßnahmen.

Cornelia-Basara verantwortet den Bereich Inklusion im Büro für Chancengleichheit und Vielfalt der Stadt Erlangen.

Chancengleichheit und Vielfalt in Erlangen

 „Ich war immer schon jemand, der sich lautstark über fehlende Barrierefreiheit beschwert hat“, sagt Cornelia Basara und lacht. „Jetzt mache ich das beruflich und werde auch noch dafür bezahlt.“ Die Psychologin, die blind ist, verantwortet den Bereich Inklusion im Büro für Chancengleichheit und Vielfalt der Stadt Erlangen und ist zusammen mit Ingeborg Ehrlich-Schweizer Koordinatorin von Kommune Inklusiv in Erlangen. Das Büro für Chancengleichheit und Vielfalt wurde 2015 auf Initiative von Bürgermeisterin Dr. Elisabeth Preuß gegründet und soll sicherstellen, dass die Belange von Benachteiligten bei städtischen Entscheidungen berücksichtigt werden.

Erlangen, mit rund 112.000 Einwohnern die kleinste Großstadt Bayerns, ist ein Wissenschafts- und Wirtschaftszentrum. Die Universität hat 30.000 Studierende, die Unikliniken sind renommiert. Und: Die Stadt gilt seit Jahren als Vorreiter in Sachen Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Warum, wird bei einem Spaziergang durch die barocke Altstadt schnell klar. Es ist ein warmer Abend, rund um Marktplatz und Schlossgarten herrscht reger Betrieb. Die Straßencafés sind gut besucht. Auf den Wegen in der Altstadt liegt Kopfsteinpflaster – aber überall sind Menschen mit Fahrrädern, Rollstühlen und Rollatoren unterwegs. Sie kommen auf den glatten Plattenwegen, die das Pflaster vielerorts unterbrechen, gut voran. Hohe Bordsteinkanten fehlen weitgehend, trotzdem kann sich auch Cornelia Basara, die einen Langstock nutzt, problemlos orientieren. Das durchgängige Blindenleitsystem macht es möglich. Der Spaziergang führt an vielen denkmalgeschützten Gebäuden entlang. Eins davon ist die ehemalige, im 18. Jahrhundert erbaute Brauerei Erichbräu, in der sich heute das Haus Dreycedern, ein barrierefreies Sozialzentrum und Wohngebäude, befindet.

„Erlangen hat seit den 1980er-Jahren eine starke Behindertenbewegung“, erzählt Basara. „Sie hat hier sehr früh sehr viel auf den Weg gebracht.“ Außerdem seien Politik und Verwaltung immer offen für die Belange von Menschen mit Behinderung gewesen. Seit 2001 gibt es zum Beispiel das Forum Behinderter Menschen, in dem mehr als 30 Vereine und Organisationen zusammengeschlossen sind, die eng miteinander und mit der Stadt kooperieren.

Karl-Heinz Miederer leitet das gemeinnützige Unternehmen Access in Erlangen.

Access: Zugang zum Arbeitsmarkt

StiB, die Studenteninitiative Behinderter, ist so ein Bahnbrecher gewesen. Sie brachte in den 1980er-Jahren Neuerungen auf den Weg, die nach ganz Deutschland ausstrahlten. Karl-Heinz Miederer war einer der Engagierten. „Damals gab es in den USA die ersten Busse, die auch Rollstuhlfahrer nutzen konnten“, erzählt er, der selbst schwerbehindert ist, einen Elektrorollstuhl nutzt und mit Assistenz lebt. „So etwas wollten wir hier auch. Aber bitte ohne Hublift mit nicht sicherer Umrandung.“

Kurzerhand kontaktierte die Gruppe Fahrzeughersteller von Bussen und entwickelte gemeinsam mit ihnen den Niederflurbus mit Ausklapprampe, der zuerst in Erlangen eingeführt wurde und inzwischen längst bundesweit rollt. Access, das gemeinnützige Unternehmen, das Miederer heute leitet, ist ein Tochterunternehmen des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben Behinderter, das aus der StiB hervorgegangen ist. Der Fachdienst qualifiziert und vermittelt Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt. „Wir tun viel, um potenziellen Arbeitgebern zu zeigen, welche Vorteile die Einstellung von Menschen mit Behinderung für sie hat“, erläutert Miederer.

Mit viel Erfolg. Nun ist Access für den Employment for All Award nominiert, eine europaweite Auszeichnung für inklusive Konzepte aus dem Bereich Arbeit. Auch bei Access selbst greift natürlich das inklusive Konzept. 14 der insgesamt rund 50 Access-Mitarbeiter haben eine Schwerbehinderung. Beim Rundgang durch die Firmenräume fällt vor allem eins auf: Man bemerkt die Maßnahmen zur Barrierefreiheit kaum. Sicher, es gibt breite Türen und Gänge, barrierefreie Toi­letten, ein paar Eingabehilfen auf den Schreibtischen, aber alles passt wie selbstverständlich in die Räume. Es scheint gar nicht so schwer, gute Arbeitsbedingungen für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Das bestätigt Miederer. Die Herausforderung liege anderswo. „Schwieriger ist es, die Bilder in den Köpfen und die Strukturen in der Gesellschaft zu verändern“, sagt er. „Es gibt aber viele aufgeschlossene Arbeitgeber, die Menschen mit Behinderung beschäftigen.“

Inklusion von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Das „Wabene“ ist so ein Ort, an dem das möglich werden kann. Ins Café nahe dem Stadtzentrum kommen Studierende der nahe gelegenen Universität, Angestellte aus den umliegenden Büros und Geschäften sowie Klienten und Mitarbeiter des Betreibers Wabe e. V. Die Wabe kümmert sich um die soziale und berufliche Wiedereingliederung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Der erste Arbeitsmarkt bleibt vielen von ihnen verschlossen, finanzielle und soziale Probleme sind die Folge. Stephan Eberle, Genesungsbegleiter des Vereins, weiß das aus eigener Erfahrung. Er hatte gerade sein Theologiestudium beendet, als er eine Psychose bekam. Der geplante Berufsweg als Pfarrer war damit auf einen Schlag unmöglich geworden. Nach vielen Umwegen und unbezahltem Engagement berät der Genesungsbegleiter nun psychisch Erkrankte und deren Angehörige. Bei Wabe e. V. kann er sich seine Arbeit selbst einteilen – und so Überbelastung vermeiden. „Psychische Behinderungen sind noch stark stigmatisiert“, sagt Eberle. „Außerdem bringen es viele Erkrankungen mit sich, dass die Betroffenen sich eher zurückziehen.“ Kommune Inklusiv könnte dazu beitragen, dass die Betroffenen weiter aus dem Schatten heraustreten, hofft Eberle.

Bunte Vielfalt wird in den Werkstätten der Lebenshilfe Erlangen gelebt. Hier arbeiten Menschen mit Behinderung wie Günther Hammerl und stellen unter anderem Kreisel her. Projektweise werden auch Langzeitarbeitslose für den ersten Arbeitsmarkt fit gemacht.

Aus der Werkstatt in den ersten Arbeitsmarkt

Für die Lebenshilfe Erlangen geht es gar um eine erweiterte Rolle. An den Werkbänken der Regnitz-Werkstätten stehen vor allem Menschen, die eine geistige Behinderung haben, seit einiger Zeit aber auch Kollegen mit körperlichen Einschränkungen, die zuvor lange arbeitslos waren. Im Rahmen eines Förderprogramms der Bundesagentur für Arbeit qualifizieren die Werkstätten sie für den Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt. „In Zukunft werden wir unser Know-how zunehmend neuen Zielgruppen zur Verfügung stellen“, meint Stefan Müller, der Geschäftsführer der Regnitz-Werkstätten und der Lebenshilfe Erlangen. Das bedeute zum einen, die Werkstätten für neue Personenkreise zu öffnen, zum anderen, die Kompetenz der Lebenshilfe nach außen zu tragen und weitere Gruppen – etwa Vereine und Unternehmen – fit zu machen für inklusive Angebote.

Wie das konkret aussehen kann, illustriert die Zusammen­arbeit mit dem Kreisjugendring in der Region. Seit drei Jahren bietet er mit Unterstützung der Lebenshilfe Freizeiten für Jugendliche mit und ohne Behinderung an. „Unsere eigene Freizeit konnten wir inzwischen einstellen“, sagt Müller und freut sich. „Darum geht es doch bei Inklusion: nicht immer neue Angebote schaffen, sondern schauen, was schon da ist. Und es dann für alle zugänglich machen.“

Beim Koordinatorentreffen ist die Mittagspause vorüber. Am Nachmittag sollen für jede Stadt individuelle Schwerpunkte und Strategien erarbeitet werden. „Um den Aufbau eines Netzwerks wird es in Erlangen in den nächsten fünf Jahren eher nicht gehen, dafür sind wir hier schon zu weit“, meint die lokale Koordinatorin Ingeborg Ehrlich-Schweizer. „Rund um Arbeit und Schule gibt es bei uns schon sehr viele Angebote für Menschen mit Behinderung. Wir wollen uns nun auf den Bereich Freizeit konzentrieren und neue Partner aus Kultur, Gastronomie, Erwachsenenbildung oder Sport für Inklusion sensibilisieren.“

Die Betreute Wohneinrichtung der Stadtmission in Rostock bietet ihren Bewohnern einen Schutzraum.

Rostock: Sozial Benachteiligte im Fokus

Anders ist die Lage in Rostock. Hier war Inklusion immer weit gefasst. Im Mittelpunkt stehen vor allem sozial Benachteiligte. Ziel für die nächsten fünf Jahre ist es, noch mehr für Kinder und Jugendliche zu tun. „Natürlich sind darunter auch Menschen mit Behinderung“, sagt Rostocks Netzwerkkoordinator René Tober. „Aber wir betrachten sie nicht gesondert.“

Unweit der historischen Innenstadt von Rostock ragt ein weißes Hochhaus auf. Zu DDR-Zeiten wohnten dort vor allem Kader der Staatssicherheit. Das ehemalige Stasigefängnis, heute ein Museum, liegt gleich nebenan. Diese Vergangenheit scheint weit zurückzuliegen. Rostock ist im Aufwind – und trotzt damit vielen Prognosen. Die örtliche Wirtschaft ist stark, die Infrastruktur gut, die Universität genießt einen ausgezeichneten Ruf. Der Freizeitwert Rostocks ist hoch. Wo sonst liegen zwischen Stadtzentrum und Ostseestrand nur wenige S-Bahn-Minuten? Rund 208.000 Einwohner – etwa 11.000 mehr als vor elf Jahren – hat die Stadt heute. Allein im Stadtteil Mitte, auf den sich Kommune Inklusiv zunächst konzentrieren wird, leben 95.000 Menschen. Seit 2015 gehören auch zahlreiche Geflüchtete zu den neuen Einwohnern.

 „Es freut mich natürlich, dass wir so ein Magnet sind“, sagt Steffen Bockhahn, Senator für Jugend, Soziales, Gesundheit, Schule und Sport in der Hansestadt. „Aber es bringt auch Herausforderungen mit sich.“ Die Kitaplätze sind knapp, Seniorenheime platzen aus allen Nähten. Besonders eng ist es auf dem Wohnungsmarkt. Wer von Ausgrenzung bedroht ist, hat noch schlechtere Karten. Dass dieses Problem nicht nur Menschen mit Behinderung betrifft, sondern auch solche, die wenig Geld oder viele Kinder haben oder ein Trauma erlitten haben, hat man in Rostock im Blick.

Schwierigkeiten auf der Suche nach einem eigenen Zuhause haben unter anderem die Bewohner der dreistöckigen Wohnhäuser, die die Stadtmission verwaltet. „Bei ihnen kommen oft mehrere Probleme zusammen“, sagt Hartwig Vogt, Leiter der Einrichtung. „Wohnungslosigkeit ist ein Phänomen mit vielen Ursachen. Arbeitslosigkeit und Armut, Hafterfahrung, Krankheit, Sucht, Migrationshintergrund – all das können riesige Hürden auf dem Wohnungsmarkt sein.“ Die Einrichtung versteht sich als Schutzraum für ihre rund 150 Bewohner. Als einen Ort, an dem sie keiner Ausgrenzung ausgesetzt sind. „Darum haben wir eine Weile überlegt, ob wir bei Kommune Inklusiv mitmachen“, erzählt Vogt. „Die Frage war, ob das überhaupt unser Thema ist.“ Inzwischen ist klar: natürlich! Auf dem Gelände der Betreuten Wohneinrichtung geht es jeden Tag darum, inklusive Lösungen zu finden für alle, die hier leben. Auch für diejenigen, die körperliche und psychische Behinderungen haben. „Wir möchten mehr Kenntnis über unsere Klientel vermitteln und Verständnis wecken“, sagt Vogt. Daher gibt es, trotz Schutzraumidee, Berührungspunkte mit der Außenwelt: Der Kirchenchor kommt regelmäßig aufs Gelände, es gibt einen Schrebergarten und ein Nachbarschaftsfest.

Das Stadtteil- und Begegnungszentrum Heizhaus in der Ro­stocker Südstadt ist Treffpunkt für Schüler, Senioren und Geflüchtete – ein Querschnitt des Viertels.

Das Leben mitgestalten

An jedem Tag ein beliebter Treffpunkt für die unterschiedlichsten Menschen ist das Stadtteil- und Begegnungszentrum Heizhaus in der Rostocker Südstadt, die von modernisierten Plattenbauten geprägt ist. „Zu uns kommen einfach alle“, sagt Leiterin Dagmar Dinse. „Alte, Junge, Dicke, Dünne, Menschen mit und ohne Behinderung, Deutsche und Ausländer.“ Begegnungen zwischen den verschiedenen Gruppen möglich zu machen, ist die Aufgabe des Heizhaus-Teams. Was konkret passiert, hängt wesentlich von den Nutzern ab. „Wir bieten kein fertiges Rundumprogramm an, sondern unterstützen die Ideen der Besucher“, skizziert Dinse. „Es ist wichtig, dass sie das Leben hier mitgestalten und Verantwortung dafür übernehmen.“

Viele finden das gut und sind mit großem Engagement ehrenamtlich im Haus aktiv. Ein wichtiges Feld ist die Zusammenarbeit mit Schulen. So kommen Gruppen für Naturprojekte oder Anti-Gewalt-Trainings ins Haus. „Schule und Jugendsozialarbeit gehen noch nicht so richtig Hand in Hand“, sagt Dinse. „Ich hoffe, dass wir im Rahmen von Kommune Inklusiv besser werden können.“

Die Paul-Friedrich-Scheel-Schule, gar nicht weit entfernt vom Heizhaus gelegen, ist ein leuch­tendes Beispiel für „umgekehrte Inklusion“ im Jugendbereich. Das großzügig gestaltete, begrünte Schulgelände, auf dem Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 15 Jahren unterrichtet werden, liegt am Rand der Rostocker Südstadt. Etwas abseits, wie das für Förderschulen lange üblich war. Seit rund acht Jahren können auch Kinder ohne Behinderung die Grundschule besuchen. Die Plätze sind begehrt: Kleine Klassen, gute Ausstattung und ein pädagogisches Konzept, das die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Kindes berücksichtigt, überzeugen viele Eltern. „Diese Öffnung hat das Leben für die Schüler, aber auch für uns Lehrer unglaublich bereichert“, erzählt Direktorin Andrea Hentzschel. Mit dem Ansatz der umgekehrten Inklusion ist die Scheel-Schule Vorreiter in Mecklenburg-Vorpommern und berät inzwischen andere, die das Konzept umsetzen wollen. Hentzschel und ihr Team beschäftigt auch, wie es für die Jugendlichen nach der Schulzeit weitergeht. „Wir möchten den Schülern, die eine Behinderung haben, helfen, eine sinnstiftende Tätigkeit für ihr Erwachsenenleben zu finden. Das muss keine klassische Erwerbsarbeit sein.“ „Lebenspraktischer Tag“ heißt die Idee, die das Team dafür entwickelt und im Stundenplan verankert hat. Während der letzten drei Schuljahre können die Scheel-Schüler einmal pro Woche in einem lokalen Unternehmen oder einer Einrichtung mitarbeiten und so herausfinden, welche Tätigkeit zu ihnen passen könnte. Neue Partner dafür hat Hentzschel im Rahmen der Bewerbung für Kommune Inklusiv schon kennengelernt. „Jetzt gucken wir, was wir gemeinsam umsetzen können.“  

Ingeborg Ehrlich-Schweizer vom Zentrum für Selbstbestimmtes Leben Behinderter e. V. (ZSL) koordiniert das Kommune- Inklusiv-Netzwerk in Erlangen.

Gemeinsamer Unterricht

Dass ein Netzwerk wichtig ist, um Entwicklungen erfolgreich voranzubringen, davon ist Andreas Meindl, Leiter der Ambulanten Behindertenhilfe der Caritas in Rostock, überzeugt. In den vergangenen drei Jahren hat die Caritas das von der Aktion Mensch geförderte Projekt Netzwerk Inklusion im Stadtteil Evershagen begleitet. Dabei ging es darum, gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung möglich zu machen. Das hat gut funktioniert: Gerade wurde der Schulcampus Evershagen, einer der Netzwerkpartner, für seinen inklusiven Ansatz mit dem Jakob-Muth-Preis ausgezeichnet. Meindl ist zuversichtlich, dass Rostock sich durch die Initiative Kommune Inklusiv verändern wird. In fünf Jahren seien alle Veranstaltungen und Bildungsangebote barrierefrei, blickt er in die Zukunft. Auf den Webseiten der Stadt finde jeder leicht und verständlich aufbereitete Infos, wo er sich eine Induktionsschleife oder eine ­mobile Rampe ausleihen könne und was das koste. „Außerdem haben sich dann alle, die sich in der Stadt mit Teilhabe beschäftigen, gegenseitig auf dem Schirm und kooperieren eng“, sagt Meindl. „Die Stadt pulsiert, alle sind offen für neue Ideen, wollen etwas voranbringen. Gerade im Bereich Teilhabe.“

Nächste Schritte

In Erlangen ist es Abend geworden. Die Teilnehmer des Koordinatorentreffens sitzen in einem Erlanger Restaurant zusammen. Eine geeignete Gaststätte zu finden, die große Gruppen bewirten kann, zentral liegt und dazu noch barrierefrei ist, war selbst in Erlangen nicht leicht. Alle sind erschöpft, aber zufrieden. Im Laufe des Tages haben die Aufgaben für die nächsten Monate und Jahre klarere Konturen bekommen, erste Schwerpunkte sind umrissen, die nächsten Schritte festgelegt. Der Austausch hat für alle Teilnehmer viele neue Impulse gebracht. „Es wird auf jeden Fall ein Abenteuer, aber ich freue mich darauf“, sagt Ingeborg Ehrlich-Schweizer. Auch René Tober ist zuversichtlich: „Wir werden das schon wuppen.“


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