Auf dem Weg

Die Städte Rostock und Erlangen haben einiges gemeinsam: Sie haben genug Geld und in beiden gibt es eine große Universität. Außerdem wohnen immer mehr Menschen dort. Jetzt haben beide Städte auch das gleiche Ziel: Sie wollen mehr Inklusion. Inklusion bedeutet: Jeder Mensch in der Stadt soll überall dabei sein und mitmachen können. Egal ob man arm oder reich ist, ob alt oder jung. Oder ob man eine Behinderung hat oder nicht
 

Am Rostocker Hafen

Text: Dagmar Puh
Fotos: Espen Eichhöfer
und Annette Hauschild

Die Aktion Mensch hat ein Projekt gestartet. Das Projekt heißt: Kommune Inklusiv. 5 Städte nehmen daran teil: Erlangen, Rostock, Nieder-Olm, Schneverdingen und Schwäbisch-Gmünd. Das Projekt dauert 5 Jahre und hat ein Ziel: Mehr Inklusion in allen Bereichen des Lebens. Zum Beispiel in der Schule, bei der Arbeit, in der Freizeit und beim Wohnen.

Damit das Ziel erreicht wird, arbeiten viele verschiedene Leute zusammen: Mitarbeiter der Stadt-Verwaltung, Mitglieder in Sportvereinen, Lehrer und Arbeitgeber. Zusammen überlegen sie, wie sie mehr Inklusion in ihrer Stadt erreichen können. In jeder Stadt gibt es eine Person, die mit den Leuten spricht und ihre Ideen sammelt. Die Person nennt man Netzwerk-Koordinator. Die Aktion Mensch bezahlt die Arbeit der 5 Koordinatoren. Und sie organisiert Schulungen für die Koordinatoren, damit sie ihre Arbeit besser machen können. Die 5 Netzwerk-Koordinatoren aus den 5 Städten treffen sich regelmäßig. Bei den Treffen berichten sie, was sie schon erreicht haben und wo es noch Probleme gibt.

Erlangen

Eine Stadt für alle Menschen

Die Aktion Mensch unterstützt viele Projekte für mehr Inklusion in Deutschland. Dafür gibt sie sehr viel Geld aus. Im Jahr 2016 waren es 178 Millionen Euro. Trotzdem gibt es bisher noch keine Stadt, in der alle Menschen gleich gut leben und teilhaben können. Woran liegt das? "Viele Leute arbeiten schon für mehr Inklusion. Aber was fehlt, sind klare Ziele." Das sagt Carolina Zibell. Sie arbeitet bei der Aktion Mensch und leitet dort das Projekt Kommune Inklusiv. "Wir wollen, dass noch mehr Menschen zusammenarbeiten, um Inklusion zu schaffen. Und sie sollen klare Ziele vereinbaren."

Erlangen hat eine starke Behinderten-Bewegung

Eine der 5 Netzwerk-Koordinatoren ist Cornelia Basara. Sie sagt: "Ich habe mich schon immer über Barrieren beschwert und das auch laut gesagt. Jetzt mache ich das beruflich und bekomme Geld dafür." Cornelia Basara ist Psychologin und sie ist blind. Sie arbeitet für die Stadt Erlangen und leitet den Bereich Inklusion. Das Büro für Inklusion gibt es in Erlangen seit 2015. Es hilft zum Beispiel Ausländern, Menschen mit wenig Geld oder Menschen mit Behinderung. Erlangen liegt in Bayern und hat 110.000 Einwohner. Die Stadt ist bekannt dafür, dass sie viel tut für Menschen mit Behinderung. Warum das so ist, zeigt sich bei einem Spaziergang durch die Altstadt. Die Wege in der Altstadt sind aus Kopfstein-Pflaster. Aber daneben gibt es auch glatte Wege aus Steinplatten. Das ist gut für Menschen mit Fahrrädern, Rollstühlen und Rollatoren. Hohe Bordsteine gibt es nicht. Aber es gibt ein Blinden-Leitsystem. Das sind Platten mit Rillen oder Noppen auf dem Boden. Blinde Menschen mit einem Blindenstock finden so besser ihren Weg.

Cornelia-Basara arbeitet im Büro für Chancengleichheit und Vielfalt der Stadt Erlangen.

 "Erlangen hat seit vielen Jahren eine starke Behinderten-Bewegung", erzählt Cornelia Basara. "Die Bewegung hat hier sehr viel erreicht." Seit 2001 gibt es zum Beispiel das Forum Behinderter Menschen. Es besteht aus mehr als 30 Vereinen und arbeitet mit der Stadt-Verwaltung eng zusammen. Die Politiker in der Stadt hören schon lange darauf, was Menschen mit Behinderung wollen.

Gute Ideen für Deutschland

Da ist zum Beispiel die STIB. STIB ist die Abkürzung für: Studenten-Initiative behinderter Menschen. Die Gruppe hatte schon viele gute Ideen, die dann in ganz Deutschland übernommen wurden. Karl-Heinz Miederer war in den 1980er-Jahren Mitglied und erinnert sich: „Damals gab es in den USA die ersten Busse, die auch Rollstuhlfahrer nutzen konnten. So etwas wollten wir hier auch. Aber bitte ohne lebensgefährlichen Hublift.“ Die Gruppe baute zusammen mit einem Bus-Hersteller ein neues Fahrzeug. Einen Bus mit niedrigem Boden und einer Rampe zum Ausklappen. Diese Busse fuhren zuerst in Erlangen. Jetzt fahren sie in ganz Deutschland.

Karl-Heinz Miederer leitet heute ein Unternehmen. Es heißt Access. Das bedeutet auf Deutsch Zugang oder Einstieg. Das Unternehmen hilft Menschen mit Behinderung, eine Arbeit auf dem Ersten Arbeitsmarkt zu finden. Miederer sagt: „Wir zeigen Arbeitgebern die vielen Vorteile, wenn sie Menschen mit Behinderung einstellen.“ Mit Erfolg! Das Unternehmen soll einen europäischen Preis für Inklusion bei der Arbeit bekommen.

Access ist selbst ein gutes Beispiel: Von den 50 Mitarbeitern haben 14 eine Schwerbehinderung. Die Räume der Firma sind barrierefrei. Es gibt zum Beispiel breite Türen und Toiletten und Eingabe-Hilfen auf den Schreibtischen. Gute Arbeitsbedingungen für Menschen mit Behinderung zu schaffen, ist nicht so schwer. Karl-Heinz Miederer sagt: „Schwieriger ist es, die Vorurteile in den Köpfen von Menschen abzubauen. Vorurteile, die sie haben über Menschen mit Behinderung.“

Selbsthilfe-Café in Erlangen

Im Café „Wabene“ baut man solche Vorurteile ab. Das Café liegt in der Nähe der Uni Erlangen. Studierende und Leute aus der Umgebung kommen hierher. Das Café gehört dem Verein Wabe. Der Verein hilft Menschen mit psychischen Erkrankungen wieder eine Arbeit zu finden. Viele von ihnen finden keinen Job auf dem Ersten Arbeitsmarkt. Deshalb haben sie wenig Geld und andere Probleme.

Stefan Eberle arbeitet für den Verein und hatte selbst Probleme. Nach dem Studium bekam er eine Psychose. Eine Psychose ist eine Krankheit, bei der man die Wirklichkeit anders wahrnimmt. Zum Beispiel hört man manchmal Stimmen, die andere nicht hören. Oder man fühlt sich bedroht oder verfolgt. Heute hilft Eberle selbst Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihren Angehörigen. Beim Verein Wabe kann er seine Arbeit selbst einteilen. Wenn ihm die Arbeit zu viel wird, kann er eine Pause machen. Stefan Eberle sagt: „Viele Menschen denken schlechter über Menschen mit psychischen Erkrankungen als über Menschen mit anderen Behinderungen. Und viele Menschen mit psychischen Erkrankungen bleiben lieber zuhause. Sie wollen keinen Kontakt zu anderen.“ Eberle möchte, dass sich das ändert. Und er hofft, dass das Projekt Kommune Inklusiv dabei helfen kann.

Günther Hammerl arbeitet  in den Werkstätten der Lebenshilfe Erlangen

Angebote für alle schaffen

In den Werkstätten der Lebenshilfe Erlangen arbeiten Menschen mit Lernbehinderung. Und seit einiger Zeit auch Kollegen mit körperlicher Behinderung. Diese waren vorher lange Zeit arbeitslos. Die Werkstätten helfen ihnen dabei, wieder eine Arbeit auf dem Ersten Arbeitsmarkt zu bekommen. Die Arbeits-Agentur unterstützt das mit Geld. Stefan Müller leitet die Werkstätten der Lebenshilfe Erlangen. Er sagt: „In Zukunft geben wir unsere Erfahrungen an andere Arbeitgeber weiter.“

Viele verschiedene Menschen sollen dann in den Werkstätten arbeiten können. Außerdem will die Lebenshilfe anderen Vereinen dabei helfen, inklusive Angebote zu machen. Zum Beispiel Freizeit-Angebote für Jugendliche mit und ohne Behinderung. „Man muss nicht immer neue Angebote schaffen“, sagt  Stefan Müller. „Manchmal muss man nur schauen, was es schon gibt. Und dann die Angebote so verändern, dass alle mitmachen können.“

Ingeborg Ehrlich-Schweizer ist die Koordinatorin von Kommune Inklusiv für Erlangen. Sie sagt: „Bei der Inklusion sind wir in Erlangen schon recht weit. Es gibt schon sehr viele Angebote für Menschen mit Behinderung in den Bereichen Schule und Arbeit. Jetzt wollen wir noch mehr im Bereich Freizeit tun. Zum Beispiel im Theater, in Kinos, in Restaurants und Kneipen, oder im Sport.“

Inklusion in Rostock

In Rostock gibt es andere Ziele. Beim Thema Inklusion denkt man hier vor allem an Menschen mit wenig Geld. Rostocks Absicht für die nächsten fünf Jahre ist es, noch mehr für Kinder und Jugendliche zu tun. Rostocks Koordinator Rene Tober sagt: „Es geht bei uns auch um Menschen mit Behinderung. Aber sie sind für uns keine Sonder-Gruppe.“

Der Stadt Rostock geht es gut. Die Wirtschaft ist stark. Straßen und Internet-Verbindungen sind in gutem Zustand. Die Universität ist sehr beliebt und in der Stadt gibt es viele Freizeit-Angebote. Rostock hat mehr als 200.000 Einwohner. Seit 2015 leben auch viele geflüchtete Menschen in der Stadt. Das Projekt Kommune Inklusiv findet im Zentrum statt. Dort leben 95.000 Menschen.

Steffen Bockhorn leitet in Rostock das Amt für Jugend, Soziales, Gesundheit, Schule und Sport. Er sagt: „Es freut mich, dass viele Menschen nach Rostock kommen und hier leben möchten. Aber das bringt auch Probleme mit sich.“ Die Plätze in Kitas und Altenheimen sind knapp. Es gibt kaum noch freie Wohnungen. Besonders schwierig ist es für Menschen mit wenig Geld, für Ausländer und für Menschen mit Behinderung.  

In der der Stadtmission in Rostock.

„Wir bringen Menschen zusammen“

Ein besonderer Ort für diese Menschen ist die Stadtmission. Die Stadtmission ist ein Verein, der sich um Menschen kümmert. Sie verwaltet auch Wohnhäuser, in denen 150 Menschen wohnen. Hartwig Vogt leitet die Stadtmission. Er sagt: „Wir haben überlegt, ob wir bei Kommune Inklusiv mitmachen sollen. Ob das überhaupt unser Thema ist.“ Inzwischen ist klar: natürlich ist Inklusion das richtige Thema. Bei der Stadtmission geht es jeden Tag um Inklusion. Um inklusive Lösungen für alle, die hier leben. Auch für Menschen mit körperlicher und psychischer Behinderung. „Wir wollen Verständnis für einander schaffen“, sagt Hartwig Vogt. „Deshalb bringen wir viele verschiedene Menschen zusammen. Wir laden den Kirchenchor ein. Es gibt einen Schreber-Garten, in den jeder kommen kann. Und wir machen ein Nachbarschaftsfest.“

In der Rostocker Südstadt gibt es auch einen beliebten Treffpunkt:  das Stadtteil- und Begegnungszentrum Heizhaus. „Zu uns kommen einfach alle“, sagt Leiterin Dagmar Dinse. „Alte, Junge, Dicke, Dünne, Menschen mit und ohne Behinderung, Deutsche und Ausländer.“ Die Aufgabe der Heizhaus-Mitarbeiter ist es, Begegnungen zwischen den verschiedenen Menschen möglich zu machen. Dagmar Dinse sagt: „Wir bieten kein fertiges Programm an. Wir fragen die Besucher einfach, welche Ideen sie haben. Und dann unterstützen wir sie dabei. Die Besucher entscheiden mit und übernehmen Verantwortung. Das ist uns wichtig.“ Viele Besucher finden das gut und arbeiten mit viel Lust und Energie mit. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit Schulen. Es gibt zum Beispiel Naturprojekte und Anti-Gewalt-Kurse für Schülerinnen und Schüler. Dagmar Dinse möchte die Angebote für Jugendliche noch verbessern. „Ich hoffe, dabei hilft uns das Projekt Kommune Inklusiv.“

Am Begegnungszentrum Heizhaus in Rostock.

Schule für Kinder mit und ohne Behinderung

Nicht weit vom Heizhaus entfernt steht die Paul-Friedrich-Scheel-Schule. Hier gehen Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 15 Jahren zum Unterricht. Eigentlich ist die Schule eine Förderschule für Kinder mit Behinderung. Aber seit 8 Jahren besuchen auch Kinder ohne Behinderung die Schule. Viele Eltern möchten ihre Kinder hierher schicken. Denn es gibt kleine Klassen und die Schule hat eine gute Ausstattung. Die Lehrer achten auf die Stärken und Schwächen jedes Kindes. Die Direktorin Andrea Hentzschel sagt: „Unsere Schule ist offen für Kinder mit und ohne Behinderung. Das hat uns alle voran gebracht, die Schüler und auch uns Lehrer.“ Weil die Schule so ein gutes Beispiel für Inklusion ist, beraten die Lehrer auch andere Schulen.

Für Andrea Hentzschel ist es wichtig, dass die Schüler mit Behinderung nach ihrer Schulzeit eine sinnvolle Beschäftigung finden. Sie sagt: „Das muss nicht unbedingt eine normale Arbeitsstelle sein.“ Zusammen mit den Lehrern an der Schule hatte sie eine Idee. Die Idee heißt: „Lebenspraktischer Tag“. Nach ihrem Schul-Abschluss sollen die Schüler in einer Firma mitarbeiten können. Und zwar einmal pro Woche für ein Jahr lang. So können die Schüler herausfinden, welche Arbeit sie gerne machen wollen. Den ersten Kontakt zu Firmen in der Nähe der Schule hat Andrea Hentzschel schon gemacht. Das ist ein Schritt auf dem Weg zur Kommune Inklusiv. „Jetzt gucken wir, ob wir das gemeinsam schaffen“, sagt Andrea Hentzschel.

Zusammen für mehr Inklusion

Andreas Meindl leitet die Behindertenhilfe bei der Caritas in Rostock. Er glaubt auch, dass man mit anderen zusammenarbeiten muss, um mehr Inklusion zu schaffen. So eine Zusammenarbeit nennt man Netzwerk. Im Rostocker Stadtteil Evershagen gibt es ein Projekt mit dem Namen „Netzwerk

Inklusion“. Die Caritas arbeitet mit daran und die Aktion gibt Geld für das Projekt. Dabei geht es um den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung. Das funktioniert gut. Gerade hat das Schul-Zentrum Evershagen einen Preis für die Inklusion bekommen.

Andreas Meindl glaubt, dass das Projekt Kommune Inklusiv ganz Rostock verändert. Er sagt: „In fünf Jahren sind alle Veranstaltungen und Bildungs-Angebote barrierefrei. Auf der Internet-Seite von Rostock findet dann jeder leicht Informationen. Zum Beispiel wo man eine mobile Rampe ausleihen kann. Alle die Teilhabe und Inklusion wollen, arbeiten dann zusammen. In Rostock gibt es jede Menge neue Ideen. Viele Leute wollen die Inklusion voranbringen.“

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