Jugendarbeit heute

Junge Menschen haben starke, eigene Vorstellungen zur Gestaltung ihres Lebensumfeldes. Und sie haben ganz eigene Probleme. Dr. Christian Lüders vom Deutschen Jugendinstitut schildert, vor welchen Herausforderungen die Jugendarbeit im urbanen Raum steht.
 

Interview: Miriam Moser
Foto: Fritz Beck

In den Städten gibt es sehr unterschiedliche Jugendkulturen und Gruppierungen. Wie sind die aktuellen Entwicklungen und wie passt sich die Jugendarbeit an?

Der Erziehungswissenschaftler Dr. Christian Lüders leitet seit 1994 die Abteilung Jugend und Jugendhilfe des Deutschen Jugendinstituts. Zudem ist er Mitglied in zahlreichen Gremien, so auch im vorbereitenden Ausschuss „Kinder- und Jugendhilfe“ der Aktion Mensch e. V. und Vorsitzender des Bayerischen Landjugendhilfeausschusses.

Bei Jugendlichen in Städten beobachten wir seit Längerem eine Ausdifferenzierung in unterschiedliche Szenen und Lebensformen. Neben den klassischen Formen von offener und verbandlicher Jugendarbeit sind in den letzten zehn Jahren verstärkt neue Angebotsstrukturen entstanden, die zwischen den Institutionen angesiedelt sind, beispielsweise verschiedene Varianten der Schulsozialarbeit, der Jugendsozialarbeit, der kulturellen Jugendarbeit oder die Erweiterung der mobilen Jugendarbeit. In Städten hat es also eine Ausdifferenzierung des Feldes mit neuen Mischformen gegeben.

Wo sehen Sie Herausforderungen in der städtischen Jugendarbeit?

Wir haben in den Städten massive Ungleichheiten. Es gibt „abgehängte“ Stadtteile mit jungen Menschen, die es erst mal deutlich schwerer haben, in der Gesellschaft Fuß zu fassen, als andere. Natürlich ist dort auch die Jugendarbeit eine andere. Es ist ja ein Unterschied, ob ich Jugendarbeit in Form einer Pfadfindergruppe in einem gutbürgerlichen Viertel betreibe, ehrenamtlich von einem fast Gleichaltrigen geleitet. Oder ob ich in einem Viertel mit einem hohen Anteil benachteiligter Jugendlicher lebe, wo es ein Freizeitheim mit mobilen Angeboten gibt, das von Fachkräften initiiert wird. Dort wird eine andere Jugendarbeit geleistet, beispielsweise in Form von Alltagsbegleitung oder zur beruflichen und gesellschaftlichen Integration. Das heißt, wir haben im urbanen Raum große soziale Spaltungen, große Differenzen und sehr unterschiedliche Angebote. In Städten ist die Jugendarbeit also sehr in Bewegung.

Heißt das, dass Jugendliche aus benachteiligten und gut situierten Stadtteilen gar nichts zusammen unternehmen?

Wenn sie sich nicht in bestimmten Szenen treffen, zum Beispiel bei Musik oder Sport, oder gemeinsame Interessen teilen, dürften – aufs Ganze gesehen – gemeinsame Aktivitäten zwischen den unterschiedlichen Gruppen von Jugendlichen eher die Ausnahme sein.

Wie sieht es mit dem bildungspolitischen Aspekt in der städtischen Jugendarbeit aus?

Jugendarbeit in allen ihren Varianten ist zunächst immer ein Bildungsangebot. Dieses unterscheidet sich deutlich von den schulischen Bildungsformaten. Zugleich entsteht mit dem Ausbau ganztägiger schulischer Angebote ein neues Feld. Auf dem Gelände von Schulen entstehen neue Mischformen zwischen Ganztagsschule und Jugendarbeit: Freizeitangebote, Förderangebote, Qualifizierungsangebote, AGs unterschiedlicher Art und so weiter. Dies bietet sich an, führt aber an bestimmten Stellen schnell an die Grenzen und zu einem Strukturwandel der Jugendarbeit – zum Beispiel im Bereich der weit­gehend ehrenamtlich ermöglichten Jugendverbandsarbeit.

Was unterscheidet die Jugendarbeit in der Stadt von der auf dem Land?

Da gibt es viele wichtige Unterschiede – zum Beispiel in Bezug auf die Breite und Vielfalt des Angebots, aber auch in Bezug auf die Nachfrage. Vor allem auf dem Land spüren wir die Folgen des demografischen Wandels. Dort leben immer weniger Jugendliche, sodass Angebote nicht mehr aufrechterhalten werden können. Zugleich sind wir in den Städten mit neuen Adressaten konfrontiert, zum Beispiel durch zugezogene Migranten oder Flüchtlinge, sodass wir auch die Angebote der Jugendarbeit weiterentwickeln müssen.

Viele Herausforderungen also. Gleichzeitig klagen die Träger der Jugendarbeit über Fachkräftemangel.

Ja. Tatsache ist, dass wir in den Städten große Probleme haben, die Arbeitsplätze im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe zu besetzen. Und dabei ist die Kinder- und Jugendarbeit fast noch ein privilegiertes Feld. In Bereichen, in denen es härter und konfliktträchtiger wird, wo auch Nachtschichten notwendig sind, wo Mitarbeiter auch schwierige Entscheidungen treffen müssen – zum Beispiel im Kontext von Kindeswohlgefährdungen – wo Multiproblemkonstellationen nicht selten sind – dort haben wir besonders große Schwierigkeiten, die Stellen qualifiziert zu besetzen. Es gibt aber auch Probleme im Bereich der Kindertagesbetreuung.

Ist Jugendkriminalität ein typisches Stadtproblem?

Ja und nein. Jugenddelinquenz ist erst mal zu weiten Teilen ein alterstypisches Phänomen, das sich in der weit überwiegenden Zahl der Fälle auswächst. Das ist keine Verharmlosung von Kriminalität, sondern Faktum. Zugleich gilt, dass selbst wenn die Belastung von Jugenddelinquenz auf dem Land genauso hoch ist wie in der Stadt, haben wir es in der Stadt mit einer Verdichtung der Phänomene zu tun. Das hat auch Auswirkungen, wie sicher man sich selbst fühlt. Zugleich muss man zugeben, dass wir es in den Städten mit Problemen zu tun haben, die – auch in Bezug auf ihre Dichte und Heftigkeit – auf dem Land eher die Ausnahme darstellen.

Spricht die Jugendarbeit in Städten Jugendliche mit und ohne Behinderung gleichermaßen an?

Diese Frage kann man so gar nicht richtig beantworten. Man müsste sie nach Angebot, Art der Behinderung, Städten und so weiter differenzieren. Ich kenne viele offene Freizeiteinrichtungen, für die es ganz selbstverständlich ist, dass Jugendliche aus den benachbarten Förderschulen dort ihre Freizeit verbringen. Ebenso Jugendliche mit schlechtem Seh- oder Hörvermögen. Daraus aber zu schließen, dass Jugendliche mit Behinderung überall gleichberechtigt teilnehmen können, ist natürlich falsch.

Weshalb?

Nach wie vor gibt es eine Ausgrenzung, die von beiden Seiten ausgeht. Zum einen sind die Einrichtungen und Angebote nicht darauf eingestellt, alle Jugendlichen aufzunehmen. Aber es geht auch umgekehrt darum, dass beeinträchtigte Jugendliche ihre Einrichtungen nicht so leicht verlassen. Zugleich halte ich es für eine sehr abstrakte und allgemeine Forderung. Wir machen uns zu wenig bewusst, welche unterschiedlichen Bedürfnisse existieren und welche Strukturänderungen die Einbeziehung voraussetzen würde. Mir wäre es lieb, wenn man die Forderung der Inklusion deutlich konkretisieren würde. Wenn man das tut, sieht man, dass einiges schon auf den Weg gebracht worden ist. Es ist ein Prozess, der angelaufen ist, der sich aber noch durchsetzen muss.

Wie sieht die Integrationsarbeit in Städten bezogen auf Jugendliche mit Migrationshintergrund aus?

Viele Jugendliche haben die erfreuliche Fähigkeit, sich selbst zu organisieren. Es muss ja nicht sein, dass alle Jugendlichen mit Migrationshintergründen in die öffentlichen Jugendeinrichtungen gehen. Wenn sie einen Ort haben, an dem sie sich treffen können, bin ich ganz zufrieden. Migrantenselbstorganisationen sind für mich ebenfalls integrative Angebote, einige werden öffentlich gefördert. Unabhängig davon ist die Jugendarbeit gefordert, allen Jugendlichen, die dies wünschen, Zugang zu den Angeboten zu eröffnen – was leichter formuliert als realisiert ist. In Städten bewegt sich aber einiges.

Wie sind die Perspektiven für die kommenden Generationen? Welche Probleme müssen angegangen werden?

Auf der einen Seite gilt es, jungen Menschen, die aus benachteiligenden und belastenden Konstellationen kommen, Chancen und Perspektiven zu eröffnen. Das ist eine Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe und anderer Akteure. Auf der anderen Seite muss sie sich wie alle gesellschaftlich Handelnden der Frage stellen, wie sie auf die Verlängerung von Prozessen der Qualifizierung, Positionierung und Verselbstständigung antwortet. Sicher muss man nicht jedem 20-Jährigen eine sozialpädagogische Fachkraft zur Seite stellen. Aber der Bedarf an punktueller Unterstützung wächst. Es ist nicht überraschend, dass der Ausbau der Angebote für junge Volljährige sehr umstritten ist. Die einen befürworten sie, die anderen haben nicht zu Unrecht Sorge, dass die Kosten steigen.


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