Städte im Aufbruch

Wie können sich Städte nachhaltig und inklusiv entwickeln, statt nur notdürftig Symptome zu bekämpfen? Die New Urban Agenda der Vereinten Nationen zeigt ihnen Wege auf.
 

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Text: Stefanie Wulff

Am 18. Oktober 2016 versammelten sich am Rand der Siedlungskonferenz der Vereinten Nationen (UN), Habitat III, in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito rund 300 Menschen in einem Park. Darunter waren Stadtplaner, Architekten und Diplomaten aus aller Welt, Rollstuhlfahrer, Kinder mit geistiger Behinderung und Behindertenrechtsaktivisten. Sie hielten farbige Regenschirme über ihre Köpfe und bildeten Menschenketten, die aus der Luft betrachtet das Wort „Inclusion“ formten. Mit der bunten Kunstaktion wollte das globale Netzwerk Global Network on Disability Inclusive and Accessible Urban Development (DIAUD) darauf hinweisen, dass es mit der Abschlusserklärung der UN-Konferenz, der New Urban Agenda, erstmalig gelungen ist, das Thema Inklusion in einer internationalen Vereinbarung zur Stadtentwicklung zu verankern. Städte, so die Botschaft der Agenda, sollen künftig zugänglich und inklusiv für alle sein – für Menschen mit Behinderung ebenso wie für ältere Bürger, für Kinder und für Menschen, die in Armut leben.

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An sauberem Wasser und sanitären Anlagen mangelt es nicht nur in den Favelas von Rio de Janeiro, Brasilien, sondern auch in vielen Entwicklungsländern. Umweltbelastungen, Mangelernährung und schlechte medizinische Versorgung sind mögliche Ursachen von Behinderungen. 80 Prozent der Menschen mit Behinderung leben in Entwicklungsländern.

Die Menschheit zieht um

Die Städte stehen weltweit vor großen Herausforderungen – allein deshalb, weil sie sehr stark wachsen. „Die Menschheit zieht um“, so beschreibt der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen die gegenwärtige Situation. Starben die meisten Menschen im 19. Jahrhundert noch im selben Ort, in dem sie geboren wurden, so wechseln sie heute – oft mehrmals im Leben – den Wohnort. Angetrieben vom Streben nach Glück, aus wirtschaftlichen Gründen oder auf der Flucht vor Gewalt, Not und Chancenlosigkeit verlassen immer mehr Menschen rund um den Globus ihre Heimatorte. Vor allem zieht es sie in die Städte. Schon jetzt lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, 2050 könnten es nach Schätzungen der Vereinten Nationen zwei Drittel der Menschheit sein. Damit steigt auch der Anteil der Städtebewohner mit Behinderung.

Wie sollen die Städte mit der rasant wachsenden Bevölkerungszahl umgehen? Wie ausreichend angemessenen Wohnraum schaffen? Wie mit Verkehrschaos, Umweltproblemen und dem Thema Barrierefreiheit umgehen? Wie können sich Städte nachhaltig und inklusiv entwickeln? In der internationalen Politik lautet die Antwort: nachhaltige Urbanisierung. 2015 hat sich die Staatengemeinschaft mit der Agenda 2030 und den Sustainable Development Goals (SDGs) hehre Ziele gesetzt. Ausdrücklich werden im elften von insgesamt 17 Zielen die Städte angesprochen. Sie sollen in den nächsten 15 Jahren inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig werden. Mit einigem Pathos fasste es der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki Moon so zusammen: „Städte sind die Orte, an denen der Kampf für nachhaltige Entwicklung gewonnen oder verloren wird.“

Das Recht auf Stadt

Konkretisiert wurde das Städteziel SDG 11 auf eben dieser Siedlungskonferenz Habitat III in ­Quito. Bei dem Megaereignis mit mehr als 40.000 Politikern, Stadtplanern, Vertretern von UN und Nichtregierungsorganisationen sowie erstmals auch Bürgermeistern aus aller Welt, wurde die New Urban Agenda beschlossen. Sie betont das „Recht auf Stadt“ für alle Menschen und zeigt Wege auf, wie Städte und Siedlungen nachhaltig geplant, finanziert, entwickelt und regiert werden können.

Der beharrliche und ausdauernde Einsatz der Aktivisten und Vereinigungen aus der Behindertenbewegung bei der Konferenz zahlte sich aus: Die New Urban Agenda bezieht ausdrücklich an mehreren Stellen Menschen mit Behinderung ein. In insgesamt 15 Paragrafen werden Menschen mit Behinderung erwähnt. Außerdem beinhaltet die Agenda einen eigenen Paragrafen, in dem gefordert wird, dass alle Aspekte der New Urban Agenda die Belange von Menschen mit Behinderung berücksichtigen sollen.

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Mexiko-Stadt ist dicht besiedelt. Industriebauten, Wohngebäude, Straßen lassen wenig Platz für Grünanlagen. Nun werden Brachflächen zunehmend als – auch barrierefreie – Freizeitbereiche gestaltet. Selbst wenn Reifen- und Motorengeräusche die meiste Zeit des Tages das Rauschen des Winds in Bäumen und Sträuchern übertönen: Grün ist Erholung.

„Ein enormer Erfolg“, urteilt Victor Pineda, US-amerikanischer Aktivist und einer der Initiatoren des Netzwerks DIAUD, nach der Konferenz. Die New Urban Agenda unterstütze den Gedanken der Vielfalt. „Außerdem zeigt sie lokalen Regierungen viele Wege auf, wie sie die Rechte von Menschen mit Behinderung berücksichtigen sollten“, so Pineda in seinem Blog. Mit der Unterzeichnung des Abschlussdokuments der Habitat-III-Konferenz stehen die Staaten nun in der Pflicht, „geeignete Maßnahmen“ zu ergreifen, um unter anderem Barrierefreiheit in öffentlichen Räumen, bei öffentlichen Verkehrssystemen, im Gesundheitswesen und in Bezug auf Informationen und Technologie zu gewährleisten.

Noch sieht die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Behinderung in den Städten – und auch außerhalb – allerdings anders aus. 80 Prozent der rund eine Milliarde behinderter Menschen weltweit leben in Entwicklungsländern. Das ist kein Zufall, denn Armut und Behinderung hängen oft unmittelbar zusammen. So verursachen etwa Ernährungsmängel, falsche oder fehlende ­Behandlung und Umweltbelastungen ­Behinderungen. In armen Ländern sind Barrieren, um am Bildungssystem und Arbeitsleben teilnehmen zu können, für Menschen mit Behinderung besonders hoch. Auch in Industrieländern wie Deutschland ist die Situation nicht rosig: Die Arbeitslosenquote von Menschen mit Schwerbehinderung ist mit 13,4 Prozent hier fast doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Behinderung. Eine Behinderung zu haben, ist für Menschen in Deutschland noch immer mit großem Risiko verbunden, ins finanzielle Abseits zu geraten. Barrieren beim Zugang zu Gesundheitssystemen, Bildung, Mobilität und Berufsleben sind weitverbreitet. Internationale Vereinbarungen wie die nachhal­tigen Entwicklungsziele oder die New Urban Agenda ändern daran zunächst einmal wenig.

Inklusion und Nachhaltigkeit gehören zusammen

Warum internationale Beschlüsse trotzdem äußerst wichtig sind, erklärt Gabriele Weigt vom Essener Verein Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e. V. (bezev) so: „Wer nicht erwähnt wird, läuft Gefahr, vergessen zu werden.“ Deshalb hat bezev gemeinsam mit internationalen Initiativen und Netzwerken wie DIAUD bei der Habitat-III-Konferenz so intensiv für das Sichtbarmachen von Menschen mit Behinderung gekämpft.

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Rollstuhlfreundlich sind die Wege in Gardens by the Bay, einem rund 100 Hektar großen Parkgelände im Zentrum Singapurs, das auf künstlich aufgeschüttetem Land angelegt wurde. Das gilt auch für den Rundweg, der in 22 Metern Höhe um die Supertree Towers führt. Abends werden die Kunstbäume spektakulär beleuchtet.

„Die Vereinten Nationen haben verschiedene Partizipationsformate für Interessengruppen eingeführt, die es uns ermöglicht haben, uns bei der Entwicklung der SDGs und der New Urban Agenda einzubringen. Ein aufwendiger Prozess, aber wir haben die Möglichkeiten genutzt“, sagt Weigt. Inklusion und nachhaltige Entwicklung in den Städten gehören unmittelbar zusammen, sagt sie. Zusammen mit der UN-Behindertenrechtskonvention von 2008 bietet die New Urban Agenda den Akteuren einen Bezugsrahmen, mit dem sie den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft in Erinnerung rufen können: „Wir haben unterschrieben und stehen in der Pflicht, unsere Städte und Gemeinden nachhaltig und inklusiv zu gestalten.“ Das gilt für deutsche Städte ebenso wie für die Entwicklungszusammenarbeit, die in allen Vorhaben und Krediten zur Stadtentwicklung die Belange von Menschen mit Behinderung berücksichtigen sollte. Deshalb tourt der Verein derzeit durch deutsche Städte und kommt über eine multimediale Installation zu den SDGs mit kommunalen Akteuren ins Gespräch.

Nicht alles wird sich von heute auf morgen ändern können, das weiß auch Victor Pineda. In Quito gehörte er zu den Initiatoren der Menschenbild-Kunstaktion und feuerte die Teilnehmer auf Englisch und Spanisch an, mitzumachen beim Visualisieren seiner zentralen Botschaft: Mehr Inklusion in den Städten! Wegen einer Polioerkrankung als Kind ist der in Venezuela geborene Pineda schwerbehindert und auf Rollstuhl und Beatmung angewiesen. Er ist überzeugt: „Der einzigartige Aspekt der New Urban Agenda besteht darin, wie stark sie betont, dass Menschen mit Behinderung beteiligt und involviert werden sollten in alle Aspekte städtischer Entwicklung.“ Wichtige Voraussetzungen für eine inklusive Entwicklung der Städte weltweit wurden also geschaffen. In den kommenden Jahren wird es darum gehen, diesen Gedanken in möglichst vielen Orten mit Leben zu füllen.


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