Günstig barrierefrei wohnen in der Großstadt?

Bezahlbar, zentral und barrierefrei wohnen in der Großstadt? Ein frommer Wunsch! Der städtische Wohnungsmarkt sorgt immer mehr dafür, dass Mieter aussortiert und umverteilt werden. Dabei wäre eine andere Wohnungspolitik möglich. Österreichs Hauptstadt macht es vor.
 

© Sozialhelden

Essay von Rebecca Maskos

In den Jahren 2000 und 2001 war ich Studentin in Chicago. Ich wohnte in einem 20-stöckigen Hochhaus. Für rund 500 US-Dollar im Monat, was damals rund 1.000 D-Mark entsprach. Etwas Günstigeres, Rollstuhlgerechtes hatte ich nicht finden können. Gleich vor der Haustür begann eine Bad Neighborhood – so nennen die US-Amerikaner Viertel, in denen Kriminalität verbreitet ist und in die Weiße möglichst keinen Fuß setzen. Die Stadt war komplett unterteilt – in Viertel für Weiße, Schwarze, Latinos. In Chicago sah ich ganz deutlich, was passiert, wenn die Stadt entscheidet, dass ein Viertel nicht mehr lukrativ für Investoren ist, und sie nicht dafür sorgt, dass dort saniert wird. Auch in vielen anderen Gegenden dort sah es aus, wie wir es aus sogenannten Entwicklungsländern kennen: Menschen, die auf der Straße schlafen, Müllberge, die keine Stadtreinigung entsorgt, überbelegte Häuser, die kurz vor dem Einsturz stehen. Dass ich in einem dieser Viertel wohnte, machte etwas mit mir. Zum einen entwickelte ich ein Gefühl großer Solidarität mit den „Armen und Abgehängten“, durch deren Straßen man durchaus rollen konnte, ohne „als Weiße gleich erschossen“ zu werden, wie warnende Stimmen argwöhnten. Zum anderen hatte auch ich das Gefühl, abgehängt zu sein. Niemals zuvor wurde ich mir – trotz Mittelklassehintergrund und Studienstipendium – so stark meiner Zugehörigkeit zur „randständigen“ Bevölkerung bewusst.

17 Jahre später bin ich auf Wohnungssuche in Berlin. Zusammen mit zwei oder drei Freunden möchte ich eine Wohngemeinschaft gründen. Noch vor zehn Jahren wäre das vermutlich kein Problem gewesen. Heute ist es offenbar ein uneinlösbarer Anspruch: große Wohnung, WG-geeignet, schwellenfreier Zugang. Und bitte bezahlbar. Wenn wir monatlich 2.500 Euro kalt hinlegen könnten, würden wir problemlos in einem der Luxusneubauten unterkommen, die gerade an jeder Ecke gebaut werden, nicht selten mit barrierefreiem Zugang. Barrierefreiheit scheint neben Fußbodenheizung, Sonnenterrasse und Gästebad ein Kennzeichen des gehobenen Wohnstandards geworden zu sein. Dennoch gibt es in Deutschland noch viel zu wenige barrierefreie Wohnungen. Schätzungen zufolge sind es derzeit etwa 500.000 – bei einem Bedarf, der mindestens doppelt so hoch ist, wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung herausfand.

Leider sind wir keine Großverdiener.

Leider sind wir keine Großverdiener. Um Wohngeld zu bekommen, darf man sich jedoch mit seinem Einkommen gerade mal knapp über der Hartz-IV-Grenze bewegen. Kein Wunder, dass deutschlandweit derzeit nur rund 800.000 Haushalte Wohngeld beziehen – und dass ihnen auch dies angesichts der steigenden Mieten kaum weiterhilft. 2015 lag die Inflationsrate bei 0,3 Prozent, Mietwohnungen verteuerten sich sechs Mal schneller. München ist mit seinen durchschnittlich rund elf Euro pro Quadratmeter die teuerste Stadt, gefolgt von Frankfurt, Stuttgart und Köln. In Berlin wohnt man im Bestand mit rund sechs Euro pro Quadratmeter zwar noch vergleichsweise günstig, doch Neuvermietungen liegen auch hier bei rund elf Euro pro Quadratmeter.

Die meisten meiner potenziellen Mitbewohner hätten sogar Anspruch auf eine Sozialwohnung. Doch deren Zahl sinkt kontinuierlich: 50.000 gehen laut Deutschem Mieterbund Jahr für Jahr verloren. Um Zuschüsse der öffentlichen Hand zu bekommen, müssen sich Bauinvestoren zwar verpflichten, einen Teil ihrer Wohnungen mit einer Sozialpreisbindung anzubieten. Wenn diese Bindungen jedoch nach 15 bis 30 Jahren auslaufen, können die Mieten kräftig angehoben werden. Öffentliche Wohnungsbaugesellschaften gibt es zudem immer weniger – in fast allen deutschen Städten wurden deren Immobilien in den letzten Jahren im großen Stil privatisiert. Und von 250.000 Wohnungen, die hierzulande im Jahr 2015 neu gebaut wurden, waren gerade mal 15.000 Sozialwohnungen.

Ganze Blocks werden aufgekauft, saniert und hochpreisig neu vermietet.

Die Behörden haben sich verkalkuliert, sagt Ulrich Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbunds. „Man dachte jahrelang: Wir sind wohnungsmäßig gut versorgt, weil die Bevölkerung schrumpft. Doch nun gibt es einen hohen Bevölkerungszuwachs und Zuwanderung aus den Ländern der Europäischen Union – diese Menschen ziehen in die Städte.“ Wegen fehlender Infrastruktur träumten zudem immer weniger Familien vom Einfamilienhaus auf dem Land. Auch ältere Menschen blieben in der Stadt oder zögen dorthin. In Städten und Kommunen werde zwar neu gebaut – aber eben kaum Sozialwohnungen. „Wenn die Leute Schlange stehen für teure Wohnungen, wird ein Investor keine Sozialwohnungen anbieten“, sagt Ropertz. Wie andere europäische Metropolen wird auch Berlin seit einigen Jahren überrannt von Spekulanten und Mietern, die bereit sind, horrende Preise zu zahlen. Ganze Blocks werden aufgekauft, saniert und hochpreisig neu vermietet. Mieter mit geringen oder mittleren Einkommen bleiben außen vor. Waren die innerstädtischen Bezirke früher durchmischt und inklusiv, werden sie nun zunehmend von gut verdienenden Singles und Familien bewohnt, seltener von Menschen mit Behinderung – schließlich sind diese überdurchschnittlich oft ohne Job oder im Niedriglohnbereich beschäftigt.

Vielleicht könnte ein Blick ins Nachbarland Österreich helfen. Dort hat der öffentlich geförderte Wohnungsbau Tradition. Seit dem „Roten Wien“ der 1920er-Jahre errichtet man dort günstige, aber komfortable und architektonisch innovative „Gemeindebauten“. Heute leben rund 60 Prozent aller Einwohner der österreichischen Hauptstadt in öffentlich geförderten Wohnungen, 220.000 davon gehören der Stadt. Die kauft kontinuierlich Bauland auf, um es unter ökologisch und sozial orientierten Auflagen an meist gemeinnützige Bauträger zu veräußern. Wien zeigt allen Skeptikern eine Nase, die meinen, ökologisch, barrierefrei und sozial zu bauen sei zu teuer und nicht machbar. Geht es für mich also nach Chicago und Berlin jetzt ab nach Wien? So sehr ich Sachertorte und Palatschinken mag, hoffe ich doch darauf, dass ich in meinem Berliner Kiez bleiben kann. Und dass sich auch hierzulande die Einsicht durchsetzt, dass nur eine inklusive, diverse und soziale Stad lebenswert für alle ist.


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