Bürger machen Stadt

Mitunter träumen Stadtplaner von früher. Als sie mit Achsen, Alleen und Parks die ideale Stadt aus einem Guss planten. So entstanden Athen und Rom, später Sankt Petersburg, Teile von Paris, Barcelona und viel später BrasÍlia. Doch mit dem schönen Neuen verschwand das Alte und mit ihm die Land- und Nachbarschaften, für viele Bewohner auch das Gefühl von Heimat.
 

Nils Theurer/Gabriella Seemann

Text Rose Grewe

Heute ruft ein Stadtumbau viele Beteiligte auf den Plan. Bewohner, Vereine und Initiativen oder auch die Gewerbetreibenden vor Ort mischen sich ein. Ein langer und sensibler Bürgerbeteiligungsprozess beginnt, der eigentlich weit über die „Bürger“-Beteiligung hinausgeht. Gruppen mit unterschiedlichsten Interessen arbeiten daran, den verschiedenen Lebensentwürfen einer heutigen Stadtgesellschaft gerecht zu werden. Ein Prozess voller Konflikte, Kompromisse und Diplomatie. Susanne Jungkunz von der Fachstelle Inklusion Oldenburg sagt: „Der aktive Bürger ist für die Verwaltung eine Herausforderung. Wir von der Verwaltung wollen Zukunftsthemen zusammen mit der aktiven Bürgergesellschaft angehen, dazu müssen alle lernen, ihre Stärken anzuerkennen und einzubringen.“ Und der Stadtplaner? Der stöhnt mitunter über diesen mühsamen Prozess der Stadtentwicklung. Denn er sitzt heute nicht mehr vor Papier, sondern vor einer Menschenmenge. Deren Ideen muss er zusammenführen, einarbeiten, entwickeln, erklären, überarbeiten, weiter entwickeln – und immer wieder Wogen glätten.

Bürger übernehmen Verantwortung

Zahlreiche Projekte entstehen durch spontanes Bürgerengagement. Meist sind es Nachbarn und Nutzer, die Probleme in ihrem Umfeld zuerst entdecken, wie fehlendes Grün oder eine defekte Kinderschaukel. Bürgerengagement beginnt oft im Kleinen, im eigenen Lebensumfeld. Viele Initiativen entstehen, noch bevor die Stadtverwaltung das Problem überhaupt kennt. Kleine Gemüsegärten, barrierefreie Zuwege, Abenteuerspielplätze, Quartiertreffs und Straßenfeste – die lebenswerte Stadt entsteht durch motivierte Nachbarn, ­Gewerbetreibende oder Vereine. Doch in dicht bewohnten Stadtvierteln überschneiden sich die Lebensbereiche und -vorstellungen der Menschen, und damit wachsen teils gegensätzliche Wünsche: nach mehr Fahrradstraßen, Spielstraßen, Tempo-30-Zonen, schnellen Busstrecken, barrierefreien Bürgersteigen, mehr Parkplätzen und mehr Bäumen.

Nils Theurer/Gabriella Seemann

Die Bürgerbeteiligung hilft, gegensätzliche Interessen transparent und fair gegeneinander abzuwägen, Konflikte zu lösen und Entwicklungen gemeinsam vorwärtszubringen. Das bedeutet vor allem, Menschen einzubinden, die abseits der lokalpolitischen Bühne agieren und die im planungspolitischen Umfeld bisher weniger vertreten waren. Das können Minderheiten sein oder Menschen mit Sprach- oder Kommunikationsbarrieren, resultierend aus einem Migrationshintergrund oder einer Behinderung. Dafür müssen die Moderatoren einer Bürgerbeteiligung die Fragen und Inhalte zu einem Projekt möglichst einfach und nachvollziehbar erläutern, in mehreren Sprachen, anhand von Bildern und Modellen und in unterschiedlichen, persönlichen Gesprächen. Diese Gespräche gleichen bei großen Projekten einem Staffellauf: Bürgerversammlungen, Expertenrunden und kleine Arbeitskreise wechseln sich ab. Man nähert sich etappenweise dem Ziel, etwa dem Bau eines Quartiersplatzes oder der Verbesserung eines ganzen Stadtteils als inklusiver Lebensort.

Der persönliche Austausch: Arbeitskreise

Besonders in den Arbeitskreisen wird darauf geachtet, dass die Inhalte das Arbeitstempo und die Kommunikationsweise jedes Einzelnen in der Gruppe berücksichtigen. Hier treffen ausgewählte Akteure der zu berücksichtigenden Parteien zusammen. So können zum Beispiel Menschen mit Behinderung direkt oder über einen Vertreter ihre Interessen und Anforderungen im Planungsprozess einbringen. Sie finden Gehör und Unterstützung bei politischen Entscheidern, die mit am Tisch sitzen. Die Auswahl der Beteiligten einer Arbeitsgruppe ist eine der Hauptaufgaben der Moderatoren und bestimmt den Erfolg der Planung. Die sich ergänzenden Akteure können durch den direkten Austausch Projekte schneller auf den Weg bringen, etwa wenn sozial ausgerichtete Stiftungen, Stadtverantwortliche und Vertreter von Menschen mit Behinderung in einem Arbeitskreis zusammen ein inklusives Wohnprojekt umsetzen.

Außerdem können die Beteiligten im Rahmen eines kleinen Arbeitskreises ihre verschiedenen Perspektiven besprechen und zu neuen Lösungen finden. Den Bau einer barrierefreien Bushaltestelle beispielsweise verantworteten bisher vor allem Verkehrs- und Stadtplaner und Busbetreiber. Bei einer inklusiven Stadtentwicklung erarbeiten nun Betreiber, ­Planer und Nutzer, insbesondere Menschen mit Gehbehinderung, gemeinsam eine Lösung. In vielen Gemeinden sind die Vertreter der Menschen mit Behinderung politisch sehr aktiv und gut vernetzt. Der Arbeitskreis unterstützt das. Er ­ist also ein gutes Hilfsinstrument, um fokussiert und individuell zu inklusiven Lösungen zu kommen.

Die große Runde: Bürgerversammlungen

Aber nicht nur im „Hinterzimmer“, auch bei einer Bürgerversammlung findet Inklusion statt. Dabei geht es unter anderem um die Einflussnahme bei der Planung, viel mehr aber noch um Respekt vor der Vielfalt einer Stadtgesellschaft. Denn werden im Rahmen einer Bürgerversammlung die Anforderungen an eine Stadtplanung etwa von Menschen mit Behinderung sichtbar, verändert das auch die Sichtweise auf den eigenen Nachbarn und den Umgang miteinander und die Konsensbereitschaft. Sichtbar machen heißt konkret: Die Moderatoren müssen die Einladungen zu Veranstaltungen, die Präsentationen und alle Ideen so aufbereiten, dass sie möglichst viele Menschen erreichen, in verschiedenen Sprachen, mit einfacher Ausdrucksweise, mit Gebärdendolmetscher und mit Ansprechpartnern vor Ort für individuelle Rückfragen.

Auch in der Bürgerversammlung lassen sich kleine Arbeitskreise einrichten, sogenannte Bürgerwerkstätten, wie in Freiburg-Dietenbach. Hier können Nachbarn mit und ohne Behinderung oder Sprachbarrieren gemeinsam ein Thema in einem individuellen Arbeitstempo und mit unterschiedlicher Intensität bearbeiten.

Informationen veröffentlichen: das Internet

Genauso transparent und vielsprachig muss dann die Reaktion auf und die Weiterent­wicklung von Ideen aus den Versammlungen stattfinden. Etappe für Etappe können übers Internet, multimedial und in verschiedenen Sprachen alle Informationen und Abstimmungen der Versammlungen zum Gros der Bürger fließen. Auch hier gibt es die Möglichkeit einer gezielten Mitbestimmung von Menschen, die wegen einer Behinderung oder aus anderen Gründen weder in den Arbeitskreisen noch in den Bürgerversammlungen mitwirken können. Einige Gemeinden praktizieren zum Beispiel den Bürgerhaushalt via Internet, wo Bürger über Investitionen der Gemeinde digital abstimmen können. Es gibt verschiedene Wege, alle Bürger zu beteiligen. Die moderierenden Stadtplaner managen diesen komplexen, inklusiven Austausch. Auch deswegen spricht man nun von Stadtentwicklungsmanagement.


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