Die 9-jährige Halla Ghattas ist eines der Kinder, die im Lifegate-Zentrum in einem Vorort von Bethlehem, gefördert werden. Abends kehrt sie zurück zu ihrem Vater und ihren Geschwistern, mit denen sie in einem der jahrzehntealten Flüchtlingslager von Bethlehem lebt.
 

Halla Ghattas wir von einer Betreuerin des Förderzentrum "Lifegate", Maggi Zaidan, nach Hause gebracht. Sie wohnt mit ihrem Vater und ihren Geschwistern im Flüchtlingslager Dheisheh südlich von Bethlehem.

Text Agnes Fanzeska
Fotos Kathrin Harms

In der Tobe-Stunde, wenn die ganze Klasse wild durch den lichten Pausenraum hüpft und tanzt, steht Hallas Rollstuhl im Mittelpunkt. Alle mögen die 9-Jährige. Ständig hängt jemand an ihrem Arm – meist ihr bester Kumpel Adam. Nur wenige ihrer Mitschüler sitzen im Rollstuhl. Einige haben eine Form von Autismus, andere das Down-Syndrom, viele sind gehörlos.

Für Halla Ghattas bedeutet der Unterricht nicht nur ein paar unbeschwerte Stunden in geschützter Atmosphäre, sondern auch harte Arbeit: Gerade lernt sie schwierige arabische Wörter zu schreiben. „Lieber male ich oder mache Puzzles“, seufzt sie, während sie die Bögen und Punktierungen für „farashatan“ setzt: Schmetterling. Zwischendurch kommen immer wieder Therapeuten in die Klassen und nehmen Kinder zur Einzelarbeit mit: Je nach Bedarf, kann das Physio- und Ergotherapie sein, Sprach- und Musik- oder Hydrotherapie.

Halla hatte Glück. Bereits im Alter von drei Jahren brachten ihre Eltern sie ins Förderzentrum "Lifegate".

Körperlich ist nicht gleich geistig behindert

Die Vormittage in der Förderschule sind intensiv. Halla kennt es nicht anders. Sie hatte Glück und ist bereits im Alter von 3 Jahren im Kindergarten von Lifegate aufgenommen worden. Mehr als ein Drittel der 15-Jährigen, die im Westjordanland mit Behinderung aufwachsen, haben nie an einer Schulbank gesessen. An die Zeit davor kann sich Halla nicht mehr erinnern. „Sie lebte auf dem Arm ihrer Mutter, die sie ständig umher trug“, erzählt Burghard Schunkert, Leiter von „Lifegate“, der jedes Einzelschicksal kennt.

Halla wurde mit Spina bifida geboren, einem offenen Rücken. Deshalb kann sie nicht laufen, ihre Beine liegen angewinkelt auf der Sitzfläche des Rollstuhls. Außerdem ist sie sehr zierlich für eine 9-Jährige. Wegen ihres Äußeren halten viele Menschen Halla auch für geistg behindert. Das bekommt sie regelmäßig zu spüren, wenn sie nach der Schule in der engen Gasse vor ihrem Haus auf Kinder aus der Nachbarschaft stößt. „Kann die reden?“, fragen die Jungen. Es auch vor, dass sie sie auslachen oder mit Steinchen bewerfen. Dann presst sie tapfer die Lippen zusammen.

Ihr Vater muss ihr oft entgegenlaufen und einen Nachbarjungen auffordern, sich zu entschuldigen. Aber das hilft wenig. „Es sind die Eltern hier. Die sind verrückt“, schimpft Vater Naib Ghattas. Hallas Familie lebt im Flüchtlingslager Dheisheh, südlich von Bethlehem. Dass es sich dabei um ein ehemaliges Zeltlager für Palästinenser handelt, die vor über sechzig Jahren, während Israels Unabhängigkeitskrieg, aus ihren Häusern flohen, daran erinnert nur noch das Eingangstor, auf dem die riesige Skulptur eines Schlüssels montiert ist. Dieses Symbol erinnert die 8000 Bewohner an ihre Hoffnung, irgendwann einmal in ihre Häuser zurückzukehren. Zwar ist aus dem Lager längst ein Stadtviertel mit Gassen und festen Häusern geworden, zwar unterstützt das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten auch die Nachkommen der Flüchtlinge. Aber die Straßen sind hier besonders eng, die Häuser besonders klein, die Menschen besonders arm.

Ein Nachbarsjunge entschuldigt sich bei Halla, weil er mit Steinchen auf sie geworfen hatte.

Wenn Hallas Vater sich über die Situation aufregt, meint er nicht nur die Nachbarskinder, sondern auch die Gesellschaft. Menschen mit Behinderung sind hier oft noch ein Tabuthema. Man lacht sie aus, meidet sie, oder sieht sie gar als Unglücksbringer. Er meint aber auch die palästinensische Regierung, die Eltern wie ihn kaum unterstützt. Als kürzlich der Sozialdienst vorbeischaute, inspizierte die Beamtin nur schnell das Wohnzimmer und sagte: „Ihr habt doch einen Fernseher!“. Als ob Halla damit schon geholfen sei.

Der Vater meint auch die israelische Regierung, die den Palästinensern mit Soldaten, Checkpoints, und dem Sperrwall das Leben schwer macht. Und nicht zuletzt meint er das Schicksal, das ihm vor einem Jahr seine Frau und Hallas Mutter genommen hat. Zuvor kam die Familie ganz gut über die Runden, Naib arbeitete als Bauarbeiter illegal in Israel. Sein Haus ist eng für acht Kinder, aber gemütlich, am liebsten sitzt die Familie im Garten unter dem Zitronenbaum. Doch als Hallas Mutter an Krebs starb, verlor Naib den Boden unter den Füßen. Er will jetzt für seine Tochter da sein, statt die illegale Fahrt über den Sperrwall zu riskieren, findet aber in der Nähe keinen Job. Seine ganze Hoffnung liegt nun auf seinem Sohn Ahmad. Der 28-Jährige hat mit einem Stipendium in Marokko Medizin studiert. Für die Familie ist er zurückgekommen, sucht jetzt hier nach Arbeit. Doch das ist selbst als Arzt nicht leicht in Palästina.

Hallo auf den Armen ihres Bruders Ahmad.

Bei Ahmad darf Halla alles

„Wir lernen früh, Opfer für unsere Familie zu bringen“, sagt Ahmad und hebt die kleine Schwester aus dem Rollstuhl. Neckend flüstert sie ihm Frechheiten ins Ohr. Bei Ahmad darf Halla alles. In ihrem winzigen Kinderzimmer übernachtet jetzt oft die große Schwester Natalia auf einer Matte am Boden. Die 16-Jährige hat die Mutterrolle übernommen, wäscht Halla, zieht sie an und hilft ihr mit der Toilette.

Gerade war Halla wegen einer schlimmen Blasenentzündung im Krankenhaus, zwei Wochen lang hat jeden Tag jemand aus der Familie bei ihr übernachtet. „Sie soll nicht allein sein“, sagt Vater Naib. Wenn sie nach der Mutter fragt, wechselt er das Thema. Er schafft es nicht, ihr zu sagen, dass sie nicht mehr kommen wird. „Halla ahnt es natürlich. Sie ist ja schlau“, sagt Naib und lächelt hilflos.

Bald wird die Familie wieder um Halla herum an ihrem israelischen Krankenhausbett sitzen. „Lifegate“ hat das Geld für eine komplizierte Operation gesammelt, bei der Hallas verdrehte Beine gestreckt werden sollen, damit sie künftig besser im Rollstuhl sitzen kann, das Kleidungswechseln nicht mehr so ein Stress ist – und vielleicht auch die Nachbarn nicht mehr so blöd gucken.


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