Behindertenhilfe in Palästina - Der deutsche Brückenbauer

Burghardt Schunkert, der seit drei Jahrzehnten in Israel lebt und im Westjordanland arbeitet, hat dort das in dem Gebiet erste Förder- und Therapiezentrum für Menschen mit Behinderungen aufgebaut.
 

Burghardt Schunkert mit Kindern seines Förderzentrums "Lifegate"

Text Agnes Fazekas
Fotos Kathrin Harms

Wenn Burghard Schunkert sagt, er sei ein Grenzgänger, meint er nicht nur den israelischen Sperrwall mit Checkpoints und Soldaten, den er jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit passiert. Mit seiner Familie lebt der 62-Jährige im jüdischen Teil von Jerusalem, seine Wirkstätte aber liegt im palästinensischen Beit Jalla, einem christlich geprägten Vorort von Bethlehem. „Wir Ausländer können uns frei bewegen und Brücken schlagen“, sagt der Deutsche. In Beit Jalla hat Schunkert Lifegate, das erste Förder- und Therapiezentrum für junge Menschen mit Behinderung im Westjordanland aufgebaut. Dorthin ist er gerade mit seinem Van unterwegs. Mit seiner Arbeit versucht Schunkert eine Barriere zu überwinden, die nicht so offensichtlich ist wie der Sperrwall: Die zwischen Palästinensern mit und ohne Behinderung. Erstere führen im Westjordanland meist ein Leben am Rand der Gesellschaft, versteckt, missachtet, auf die Unterstützung der Familie angewiesen. Förderung, Therapie und Ausbildung mit dem Ziel, ein möglichst eigenständiges Leben führen zu können, gibt es noch kaum. Das möchte Burghard Schunkert ändern. Auch dabei sieht sich der Deutsche als Grenzgänger, oder besser gesagt als Brückenbauer.

Die Sperrmauer zwischen Israel und dem Westjordanland prägt an vielen Stellen das Straßenbild in Bethlehem.

Von Herzen Sozialarbeiter

Als Schunkert Beit Jalla erreicht, winken ihm zwei junge Männer auf der Straße zu. Die beiden haben das Tischler-Handwerk in einer der Werkstätten von „Lifegate“ gelernt, erklärt Schunkert. „Sie wurden gerade von einem Olivenholz-Tischler eingestellt. Langsam wird das mit der Akzeptanz von Menschen mit Behinderung in der Bevölkerung.“ Dass sie trotz ihres Handicaps einen Job gefunden haben, grenzt bei über vierzig Prozent Arbeitslosigkeit im Land an ein Wunder. Daran geglaubt hat Schunkert trotzdem – mit viel Gottvertrauen. Davon hat er reichlich.

Vor über dreißig Jahren kam der gelernte Erzieher aus Gießen als Sekretär des CVJM (Christlicher Verein junger Menschen) das erste Mal nach Israel. Fasziniert von dem Land kehrte Schunkert seiner Heimatstadt den Rücken, lebte eine Weile im Kibbuz und lernte schließlich einen Deutschen kennen, der ein Missions-Wohnheim für Männer mit Behinderung in Beit Jalla führte. Als dieser in die Heimat zurückkehren wollte, bot er Schunkert die Nachfolge an. „Ich bin vom Herzen Sozialarbeiter und wollte für die Menschen in diesem Land arbeiten, Israelis wie Palästinenser.“ Doch als der damals 32-Jährige kurzentschlossen zusagte, erhoben sich die Palästinenser gerade zur Ersten Intifada. „Da war es schon etwas ungemütlich.“

Im 2011 neu errichteten Zentrum von "Lifegate" befinden sich Werkstätten, medizinische Rehabilitation, Schule und Ausbilungsstätten sowie die Verwaltung des Vereins.

Heute wirkt Beit Jalla eher verschlafen; die Touristen schaffen es meist nur zur Geburtskirche im Zentrum von Bethlehem. Schunkert parkt vor einem Neubau, ein Zwitter aus Tradition und Aufbruch, mit der typischen gelblichen Fassade aus Kalkstein-Klötzen, aber auch viel Glas. Es ist sein Lebenswerk - obwohl er selbst stets von „Wir“ spricht, wenn er erzählt, wie in „vielen kleinen Schritten“ aus dem ehemaligen Wohnheim ein ganzheitliches Fördersystem wurde, dessen Herz seit 2012 in dem neuen Gebäude schlägt:

Organisch zog jeder Schritt eine neue Aufgabe nach sich. Erst ging es um die Berufsausbildung der Männer. Aber was ist mit jungen behinderten Frauen, die wegen fehlender Sozialsysteme ihr Leben lang von ihrer Familie abhängig sind? Umso enger die Zusammenarbeit wurde, umso dringlicher das Bedürfnis, etwas für die Mütter zu tun. Aus einem Müttertreff wiederum entwickelte sich die Idee, einen Kindergarten anzubieten. Aber die Kinder wurden älter: Nun klaffte eine Lücke zur Berufsausbildung. Also kam zuletzt die Förderschule hinzu.

Schulunterricht für Kinder mit Behinderung gibt es außerhalb von "Lifegate" kaum im Westjordanland.

Die Kinder von "Lifegate" hatten Glück

Derzeit werden hier 60 Schüler zwischen sechs und 16 Jahren in zehn Klassen von jeweils zwei Lehrern unterrichtet. Sie kommen vor allem aus den nahen Dörfern oder den inzwischen zu festen Stadtteilen ausgebauten Flüchtlingslagern, in denen während Israels Unabhängigkeitskrieg 1948 geflüchtete Palästinenser aus dem heutigen Israel untergekommen sind. Die Kinder von „Lifegate“ hatten das Glück, sehr engagierte Eltern zu haben oder von den Mitarbeitern der Einrichtung entdeckt worden zu sein in Bethlehem, Ramallah, Hebron oder einem der umliegenden Dörfer. Denn im Westjordanland haben Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen bislang in der Regel kaum Zugang zu schulischer Bildung. Sie werden entweder gar nicht in Regel-Schulen aufgenommen oder treffen dort auf sonderpädagogisch unqualifizierte Lehrer. „Meist ist es eher Aufbewahrung als Unterricht“, sagt „Lifegate“-Leiter Schunkert. Auch sonst gibt es von öffentlicher Seite keine Unterstützung für sie.

Viele Kinder werden zu Hause versteckt, gelten als Makel, der auf die Eltern abfärbt. Vor allem auf die Mütter, denen meist die Schuld an der Behinderung zugeschoben wird. Für das „Lifegate-Team, das aus christlichen und muslimischen Mitarbeitern besteht, grenzt es oft an Detektivarbeit, die Kinder ausfindig zu machen.

In seinen verschiedenen Werkstätten bietet "Lifegate" Ausbildungs- und geschützte Arbeitsplätze ...

Im Haus von „Lifegate“ in Beit Jalla ist dagegen alles auf Transparenz ausgelegt: Überall können Eltern und Besucher durch Glasfenster hineinschauen. Von den Therapieräumen, über die Klassenzimmer bis zu den Werkstätten. „Wir wollen ansteckend wirken in unserem Umgang mit Behinderung“, sagt Schunkert.

Statt die Eltern ihre Kinder nur abliefern zu lassen, werden sie im Zentrum mit einbezogen, ermuntert bei der Therapie mitzuhelfen. Gerade die stigmatisierten Mütter blühen dabei auf, fühlen sich endlich respektiert – und nehmen ihre Kinder selbstbewusst mit auf die Straße, zum Markt oder zu Familienfeiern.

Im Westjordanland ist es keine Seltenheit, dass Kinder mit einer schweren Behinderung zur Welt kommen. Eine Ursache könnte sein, dass oft innerhalb der Großfamilie geheiratet wird. Je enger das Verwandtschaftsverhältnis, desto höher das Risiko eines genetischen Defekts. Weil Kinder die einzige Möglichkeit zur Altersvorsorge sind, bleibt es aber oft nicht bei einem Kind. Die relativ hohe Geburtenrate von Kindern mit einer Behinderung trägt dazu bei, dass trotz einer sehr jungen Gesamtbevölkerung im Westjordanland die Zahl der Menschen mit einer schweren Behinderung vergleichsweise hoch ist. Die palästinensische Autonomiebehörde geht von 5,3 Prozent aus.

Die Bandbreite der Behinderungsarten, die die Kinder von „Lifegate“ haben, reicht von Autismus über Gehörlosigkeit bis zum Offenen Rücken. Ebenso vielfältig ist das Therapie-Angebot des Zentrums. Nur Kinder mit schwerer geistiger Beeinträchtigung könnten sie nicht aufnehmen, sagt Schunkert. Dafür ist die Zahl der Mitarbeiter zu klein. „Wir haben hier zwei Betreuer auf zehn Kinder, das ist schon Luxus für dieses Land.“

... und Expertise beim Bau von orthopädischen Hilfsmitteln, die in der ganzen region sehr gefragt ist.

Auch wenn es im Neubau an nichts zu fehlen scheint und die Werkstätten im Haus inzwischen nicht nur Möbel und Babykleidung selbst herstellen, sondern auch orthopädische Hilfsmittel und Rollstühle nach Maß anfertigen – Schunkerts große Herausforderung bleibt das Geld.

Ein voller Förderplatz kostet 400 Euro im Monat. „Wir bitten die Eltern, 30 bis 40 Euro beizutragen. Viele Familien können aber auch das nicht leisten“, sagt Schunkert.

So finanziert sich „Lifegate“ vor allem durch Spenden. Die meisten kommen aus Deutschland. Für den Hausbau konnte Schunkert Misereor und die Benefizaktion „Sternstunden“ gewinnen. Das Kinderhilfswerk der katholischen Kirche „Die Sternsinger“ half bei der Etablierung der Förderschule. Doch die meisten Spender sehen ihr Geld zwar gern in einem neuen Bus angelegt, aber nicht in den laufenden Kosten. Immerhin hat „Lifegate“ auch 70 palästinensische Angestellte zu bezahlen.

Die Erlöse, die „Lifegate“ zur Weihnachtszeit mit dem Verkauf von Stickwaren, Olivenholzfiguren und Keramik in Deutschland erwirtschaftet, finanzieren dagegen allein 40 Arbeitsplätze in den Werkstätten – für diejenigen, die keine Chance haben, im freien Markt unterzukommen.

Der Mann, dessen Lebenswerk "Lifegate" ist: Burghard Schunkert

„Die Finanzierung ist jedes Jahr eine Zitterpartie“, sagt Schunkert. Seine neueste Idee ist es, das Gebäude noch weiter auszubauen, zu einem barrierefreien Gästehaus für Pilger mit Handicap. „Sie könnten die Reise ins Heilige Land mit einer Therapie bei uns kombinieren, oder ihren Rollstuhl bei uns überholen lassen.“

Einer der Mitarbeiter streckt seinen Kopf zur Tür von Schunkerts Büro herein. Nein, bedeutet ihm der Leiter wortlos, diesmal hat es nicht geklappt mit einer Israel-Reisegenehmigung für ihn. Er sollte mit Kollegen zusammen die alljährliche Fahrt ins Schullandheim im Kloster Tabgha am See Genezareth begleiten. Schunkert hat nicht für alle Begleiter eine Reiseerlaubnis erwirken können. Bei christlichen Palästinensern sind die Israelis großzügiger. Im Kloster treffen die Kinder von „Lifegate“ eine Gruppe von israelischen Kindern und Jugendlichen mit Behinderung und feiern zusammen das jüdische Laubhüttenfest. Eine von Schunkerts kleinen Botschaften dazu, was möglich ist zwischen Israelis und Palästinensern.

Trotz aller Einschränkungen durch die Besatzung - wenn es um die Kinder von „Lifegate“ geht, zeige sich Isreal sehr hilfsbereit, betont der Deutsche. „Das darf ich hier nicht so laut sagen, aber die machen mehr als die Palästinenser.“ Vor allem, wenn Operationen oder kompliziertere Therapien anstehen, arbeitet „Lifegate“ eng mit israelischen Krankenhäusern zusammen. Die sind natürlich auch deutlich besser ausgestattet.

Manchmal gerät aber auch der Brückenbauer Schunkert emotional zwischen die Fronten: Wenn beispielsweise in Jerusalem ein Anschlag verübt wird, kann es passieren, dass er besorgt seine eigenen Kinder auf der anderen Seite des Walls anruft – während seine Schützlinge in Palästina den Widerstand gegen die Besatzung feiern.


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