Anders normal

Mode von und für Menschen mit und ohne Behinderung: Ein kleines Esslinger Textilunternehmen setzt auf Verschiedenheit, sowohl bei den Kunden, als auch bei den Mitarbeitern.
 

Text  Astrid Eichstedt
Fotos  Christoph Püschner

Manche Kunden, die zu Nadine Feist in den Laden kommen, sagen solche Sätze, wie: "Das finde ich aber toll, dass Sie hier arbeiten." Nadine Feist, 23, ist als gelernte Schneiderin und Modedesignerin bei dem Modelabel wasni angestellt. Samstags arbeitet sie öfter im unternehmenseigenen Laden, der sich neben der Modewerkstatt in der Esslinger Fußgängerzone befindet. Nadine Feist ist 1.30 Meter groß. "Ja und?", möchte man meinen. Doch gut gemeinte, aber letztlich herablassende Bemerkungen, wie die oben zitierte, zeigen, dass Inklusion immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, dass es viele immer noch irritiert, wenn Menschen, die nicht der üblichen Norm entsprechen, einem ganz "normalen" Job nachgehen.

Firmengründer Daniel Kowalewski

Für Daniel Kowalewski, 41, dem Geschäftsführer von wasni, war dies einer der Gründe, seine Firma im Sommer 2015 ins Leben zu rufen: „Zu zeigen, dass ein Unternehmen, das zu 50 Prozent Menschen mit Behinderung –  sozialversicherungspflichtig –  beschäftigt, auf dem Markt erfolgreich sein kann.“ Nach 13 Jahren als Betriebswirt in der Industrie hatte Daniel Kowalewski etwas ganz anderes machen wollen, etwas, bei dem er mehr Kontakt mit Menschen hatte. 36-jährig begann er als Bufdi in einer Schule für Kinder mit geistiger Behinderung und merkte bald, dass manche von ihnen später in einer Werkstatt unterfordert wären. Er stellte fest, dass die meisten Integrationsbetriebe im Dienstleistungsbereich angesiedelt sind und fasste den Plan, selbst ein integratives Textilunternehmen auf die Beine zu stellen, das es seinem Wissen nach in Deutschland noch nicht gab.

So entstand die Idee zu wasni. Der Name leitet sich ab aus dem Motto der Firma: „Wenn anders normal ist“. Eine Maxime, die das Esslinger Modeunternehmen in doppelter Hinsicht verkörpert. Zum einen durch die inklusive Belegschaft: Neben Nadine Feist arbeiten hier ihre Kolleginnen Yaprak Cucorova, 24, die gehörlos ist, und Rosi Stoll, 55, deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit über 50 alles andere als rosig waren. Zum Team gehört auch Rebecca Peters, 18, die am Berufsbildungswerk Waiblingen eine Ausbildung zur Modenäherin macht und ihren praktischen Teil bei wasni absolviert.

Kritischer Blick: Mitarbeiterin Yaprak Cucorova probiert ein Teil aus der neuen Damenkollektion.

"Anders normal" ist aber auch die Mode, die hier erdacht, geschneidert und verkauft wird. Der genormten Konfektionsware setzt wasni ein Baukastensystem entgegen, mit dem sich jeder vor Ort oder online seinen Hoodie oder seine Sweatjacke individuell zusammenstellen kann. Angeboten werden etwa verschiedene Ausschnittvarianten, wie Kapuze, Rundhals oder Schalkragen und auch die Farben für Stoff, Kordeln und Reißverschlüsse bleiben dem Geschmack der Käufer überlassen. Darüber hinaus sind auch Maßänderungen möglich, um zum Beispiel die Ärmellänge oder Schulterbreite an den Kunden anzupassen. Bislang gibt es Jacken, Pullis und T-Shirts für Kinder und Erwachsene, doch bald sollen auch andere Kleidungsstücke, wie Hosen, ins Programm aufgenommen werden. Die Preise bleiben im Rahmen. So kostet etwa ein Rundhalspullover für Erwachsene 59 Euro und eine Jacke 79 Euro, Maßanpassungen inbegriffen.

Bisher verkauft wasni seine Mode fast ausschließlich über den eigenen Laden. Das soll jedoch demnächst anders werden. „Ab dem Sommer wollen wir einen online-shop anbieten – inklusive Konfigurator für den Baukasten", sagt Daniel Kowalewski. Nicht zuletzt, um diesen zu finanzieren, hat er Ende März eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.
Als integratives Start-up-Unternehmen bekam wasni auch Zuschüsse von der Arbeitsagentur, etwa für die ergonomische Einrichtung von Nadines Arbeitsplatz durch höhenverstellbare Nähmaschinen und der Sonderanfertigung eines Bügelbretts. Die Kosten für eine Gebärdensprachdolmetscherin wurden ebenfalls übernommen. Von den ursprünglich bewilligten 100 Stunden hätten die Mitarbeiter jedoch nur einen geringen Teil gebraucht. "Das meiste", so Daniel Kowalewski, "lernt man durch den täglichen Umgang miteinander." Auch dadurch wird anders nämlich sehr schnell normal.


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