Abgeschoben in die Provinz

Künftig sollen alleinreisende junge Flüchtlinge auch in ländlichen Gegenden untergebracht werden. Dort fehlt es meist an Unterstützungsstrukturen. Engagierte Vereine springen ein.

Für Gul (17) aus Afghanistan ist jeder Weg aus Zarnekau, einem kleinen Dorf inmitten der Holsteinischen Schweiz, in die nächst größere Stadt umständlich und weit.

Text: Michaela Ludwig
Fotos: Isadora Tast

Gul legt die Paprikastreifen fein säuberlich nebeneinander und schneidet sie in kleine Würfel. Die schiebt er in die Schüssel zu den anderen Zutaten für den Couscous-Salat. Neben ihm schmeckt Hauswirtschafterin Anja Bode die Bolognese aus Hühnerfleisch ab. „Ich bin gerne in der Küche und helfe“, sagt der 17-Jährige und lächelt schüchtern. Nach fünf Jahren allein auf der Flucht genießt er noch immer jede warme Mahlzeit.

Gul lebt in einer Kinder- und Jugendwohnung im kleinen Dorf Zarnekau.

Seit einem halben Jahr lebt er zusammen mit anderen jungen Flüchtlingen in der Kinder- und Jugendwohnung in einem großzügigen Haus in Zarnekau, einem kleinen Dorf inmitten der Holsteinischen Schweiz. Zum Mittagessen versammeln sich die sieben Jungen aus dem Iran, Ägypten, Afghanistan und Schleswig-Holstein um die lange Tafel im Wintergarten. Gul ist einer von ihnen. Während die anderen in ihrer einzigen gemeinsamen Sprache, auf Deutsch, flachsen und lachen, hört Gul aufmerksam zu. Der Blick durch die Fenster fällt auf gelb blühende Rapsfelder.

Zuhause, das war für Gul Afghanistan. Und „bibi“, die Großmutter, in deren Haus er lebte. Die Mutter starb früh, und der Vater verschwand. Die Taliban verbreiteten Angst und Schrecken, zur Schule ging er selten, aus Angst vor Überfällen auf dem langen Fußweg. Nach seinem zwölften Geburtstag entschied die Familie, dass auch er sich auf den Weg nach Europa machen sollte, wie schon der ältere Bruder zuvor. Fünf Jahre hing Gul in der iranischen Hauptstadt Teheran fest und jobbte auf Baustellen, um die nächste Etappe in die Türkei zu finanzieren. Immer wieder wurde er nach Afghanistan abgeschoben. Doch irgendwann ging es weiter, über die Türkei, Griechenland und Ungarn nach Kiel. Zu seinem Bruder.

Zu gerne wäre Gul in dessen Nähe geblieben. Doch in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt ist in den Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kein Platz mehr. Daher schickt das Jugendamt die Neuankömmlinge in die benachbarten Landkreise. In seinem neuen Zuhause auf dem Land hat Gul keinen Internetzugang, um mit Freunden zu Skypen, das Mobilfunknetz bricht immer wieder zusammen und der Bus in die nächstgelegene Stadt fährt nur dreimal am Tag. „Als ich hier ankam, fühlte ich mich wie ein „Vogel im Käfig“, erzählt er.

In einem Schulprojekt in der Kreisstadt Eutin lernt Gul lesen und schreiben.

Dabei hatte Gul noch Glück. Träger der Kinder- und Jugendwohnung in Zarnekau ist der Kinderschutzbund Ostholstein, der auch ein kleines Schulprojekt in der Kreisstadt Eutin aufgebaut hat, wo Gul lesen und schreiben lernt, - als Vorbereitung auf die Regelschule. Im äußersten Norden Schleswig-Holsteins haben Vereine wie der Kinderschutzbund Erfahrung in der Arbeit mit Flüchtlingskindern. Das ist ungewöhnlich für einen ländlichen Kreis und liegt an dessen geografischer Lage: Hier verläuft die Fluchtroute nach Skandinavien. Die jugendlichen Flüchtlinge, die die Bundespolizei bei Kontrollen in Zügen und Fernbussen festnimmt, muss  das Jugendamt in den Kinder- und Jugendeinrichtungen im Kreis unterbringen.

Dennoch fehlt es an Therapiemöglichkeiten für die Traumatisierten unter ihnen, an Dolmetschern und Beratungsstellen. Eine Schule mit Deutschklassen für jugendliche Flüchtlinge gibt es nur in der Kreisstadt.

Keine Unterstützungsstruktur

Bisher lebten die alleinreisenden Flüchtlingskinder vorwiegend in Großstädten. Hier ist über die Jahrzehnte eine Unterstützungsstruktur gewachsen. Trotz der unzureichenden Bedingungen in den ländlichen Regionen will der Gesetzgeber nun auch die jungen Flüchtlinge über eine Quotenregelung wie Erwachsene bundesweit verteilen. Experten aus der Praxis kritisieren das Vorhaben. „Die Kinder und Jugendlichen sollen dort untergebracht werden, wo sie eine bedarfsgerechte Infrastruktur vorfinden. Dabei muss das Kindeswohl Vorrang vor einer Quotenregelung haben“, fordert Thomas Berthold vom Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Der Aufbau pädagogisch geeigneter Hilfsstrukturen habe dort, wo es sie heute gibt, Jahre gedauert. Es mache keinen Sinn, sie nun andernorts in kürzester Zeit aus dem Boden zu stampfen, weil es die Quotenzuweisung erfordert.

Um Gul das Ankommen zu erleichtern, kümmert sich Klaus Bischoff um den Jungen. Er ist Vorsitzender des Kieler Vereins lifeline, der Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge vermittelt. Für Gul konnte er keine Vormundschaft übernehmen, da dieser bald 18 wird. So versteht er sich vielmehr als „Bildungspate“: Gemeinsam üben sie lesen und schreiben und unterhalten sich „über Gott und die Welt“ – zur Not auch mit Händen und Füßen. „Ich versuche ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er angenommen und respektiert wird“, erzählt Klaus Bischoff. „Das ist für die Jugendlichen besonders in der ersten Zeit wichtig, bis sie Freunde gefunden und sich in ihr neues Zuhause eingelebt haben.“

Das Projekt "klar kimming" von lifeline unterstützt rund 400 Jugendliche aus Kiel und den Nachbarkreisen, die älter als 16 Jahre alt sind. Sie werden vom Gesetzgeber im Asylverfahren wie Erwachsene behandelt und erhalten keinen rechtlichen Beistand. Mit dem 18. Geburtstag enden in der Regel auch die pädagogische Begleitung und der Anspruch auf einen Schulplatz. Hier springt lifeline ein und unterstützt die jungen Frauen und Männer für die Dauer ihres Asylverfahrens.

Vor zwei Jahren stellte Asiya einen Asyantrag, doch noch wurde er nicht bearbeitet.

Von Somalia nach Eutin

Asiya ist eine dieser alleingelassenen jungen Menschen. Vor zwei Jahren wurde die Somalierin an der deutsch-dänischen Grenze festgenommen. Sie wohnte in verschiedenen Einrichtungen im gesamten Bundesland, bis sie an ihrem 18. Geburtstag vor einigen Monaten in eine Gemeinschaftsunterkunft in Eutin zog. Kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland hatte Asiya einen Asylantrag gestellt, doch der wurde bis heute nicht bearbeitet. Derzeit werden Anträge von Flüchtlingen aus Ländern wie Syrien vorgezogen. Solange über ihren Antrag nicht entschieden ist, darf Asiya keinen Integrationskurs besuchen. Auch für sie ist lifeline die buchstäbliche Rettungsleine, denn es gibt keinen Betreuer, keine andere Stelle, an die sie sich wenden kann. Wenn sie Fragen hat oder einfach jemanden zum Quatschen braucht, besucht sie das Kieler Büro, auch wenn es eine Stunde Zugfahrt entfernt ist. Zudem bezahlt der Verein einen Deutschkurs an der Volkshochschule. „Wenn ich genug Deutsch kann, melde ich mich an der Schule an“, erzählt Asiya. „Mein Traum ist es, Krankenschwester zu werden.“ 

Wenn die junge Frau am Wochenende zwischen Lernen, Wäsche waschen und Kochen etwas Zeit findet, geht sie spazieren. Dafür zieht sie ihren gelb leuchtenden Dirra, das traditionelle somalische Kleid, an und drapiert ein ebenso farbenfrohes Tuch um den Kopf. Sie legt auch ein wenig perlmuttschimmernden Lippenstift auf. Asiyas Ausflüge enden meist in einem Bäckereicafé am Eutiner Marktplatz, bei einer Tasse Kaffee. Mit viel Zucker, wie der Morgenkaffee damals in Somalia.

Statt in Eutin würde Asiya gerne in Hamburg leben. In der Provinz richtet sie sich ein, so gut es geht.

„Ich wäre so gerne in einer großen Stadt wie Hamburg“, erzählt sie mit sehnsuchtsvollem Blick. Sie möchte Neues erleben und Menschen kennen lernen, sich mit ihnen unterhalten. 

Doch wenn sie von ihrer Familie erzählt, stockt die Stimme und die Augen füllen sich mit Tränen. „Ich vermisse meine Mutter und Schwester“, erzählt sie leise. Der Vater wurde von den islamistischen Milizen ermordet, ebenso der Bruder. „Es war die Hölle.“ Das Leben war schwer für die drei Frauen. Zumal Asiya sich nicht den Traditionen, wie einer frühen Heirat, beugen wollte. Als ihre Tante sich auf den Weg nach Europa machte, entschied die Mutter, sie mitzuschicken. 

Über den Sudan zog der Flüchtlingstreck durch die libysche Wüste, dort nahmen Schlepper sie als Geisel und erpressten noch mehr Geld. An der Küste angelangt, ging es mit dem Boot nach Malta, wo sie die Tante verlor. Was ihr noch auf der Flucht widerfuhr, darüber schweigt sie. Die kleinen, kreisrunden Narben auf ihren Händen lassen einen Teil davon erahnen. Trotz allem: „Ich bin froh, hier zu sein. In Somalia könnte ich nicht mehr leben“, sagt sie mit fester Stimme. 

Asiya und Gul versuchen sich ihr Leben abseits der Großstädte und getrennt von ihren Landsleuten so gut es geht einzurichten. Experten befürchten jedoch, dass viele Jugendliche, die künftig in ländliche Gegenden untergebracht werden, zurück in die Stadt gehen und bei Bekannten unterschlüpfen. Dann sind sie für die Jugendhilfe verloren. Integration sieht anders aus.


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