So ticken Nutzer der Trucify-App beim Thema Behinderung

Die Umfrage-App Trucify fördert ungeschönte Wahrheiten zutage – Denn anonym unter dem Deckmantel eines animierten Avatars fällt die Wahrheit leicht. Was Trucify-Nutzer zum Thema Behinderung denken, förderte nun eine Zusammenarbeit zwischen den Machern der App und dem Verein Sozialhelden zutage.
 

Die Umfrage unter den Trucify-Nutzern zum Umgang mit Behinderung erbrachte unter anderem dieses Ergebnis.

Text: Elisabeth Wicher

In der App Trucify des Softwareunternehmens Thoughtfish wird dem Anwender eine Bandbreite an Fragen gestellt – von unterhaltsam bis moralisch anspruchsvoll. Zu beantworten, ob man in Farbe träumt oder sich selbst für liebenswert hält, fällt sicher leichter, als zu Verfehlungen wie Untreue, Lug und Betrug zu stehen, oder einzuräumen, intolerant oder rachsüchtig zu sein. Sobald der Nutzer die Fragen mit Ja oder Nein beantwortet hat, präsentiert die App ihr Dankeschön fürs Mitmachen: die Antworten der anderen Nutzer. Diese sind in Tortendiagrammen aufbereitet und nach verschiedenen Kriterien gefiltert. Dadurch werden Unterschiede offenbar, beispielweise zwischen den Antworten von Männern und Frauen, von Gottesgläubigen und Atheisten, von Konservativen und Liberalen, von Allesessern und Vegetariern.

Im Oktober 2015 präsentierte Trucify seinen Nutzern drei Wochen lang Fragen zum Thema Behinderung. Die Fragen stammten von den Sozialhelden, einem Verein, der mit kreativen Ideen auf soziale Probleme aufmerksam macht und sich besonders für die Inklusion von Menschen mit und ohne Behinderung einsetzt. Über die Hintergründe, die Resonanz und die Ergebnisse der Umfrage per App hat MENSCHEN. das magazin mit Andi Weiland, dem Pressesprecher der Sozialhelden, gesprochen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Trucify?
Andi Weiland: Die Macher von Trucify hatten uns angesprochen, ob wir nicht Lust auf eine Kooperation mit der App hätten. Wir haben sofort zugesagt. Uns beschäftigen Fragen zum Thema Inklusion. Da bei Trucify Fragen anonym beantwortet werden, haben wir hier eine Möglichkeit gesehen, um wirklich ehrliche Antworten zu bekommen. Viele Menschen haben Fragen zum Thema Behinderung, die sie sich aber nicht zu stellen trauen.

 

Wie war die Resonanz?
Insgesamt haben wir 666 Antworten bekommen, was uns sehr freut.

 

Welche Fragen habt ihr gestellt?
Es gab grundsätzliche Fragen wie: „Kennst du Menschen mit Behinderung?“, „Weißt du, was inklusiver Unterricht bedeutet?“ bis hin zu Gewissensfragen wie: „Lachst du heimlich über Behinderte?“.

 

Von wem stammten die Fragen?
Die Fragen haben wir über unsere Internetplattformen www.leidmedien.de und www.sozialhelden.de gesammelt. Wir haben verschiedene Leute gefragt, was sie zum Thema Behinderung schon immer wissen wollten und sich vielleicht nie getraut haben zu fragen. Die Schwierigkeit war, dass jede Frage mit Ja oder Nein zu beantworten sein muss. Es kamen 50 Fragen zusammen, von denen wir 15 Fragen ausgewählt haben, die ein möglichst breites Feld abdecken.

Mittlerweile liegen die Auswertungsdaten von Trucify vor. Welche Ergebnisse gibt es?
Die Auswertung hat zum Beispiel ergeben, dass mehr Männer als Frauen angeben, Menschen mit Behinderung zu meiden, nämlich 30 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen.

 

Kann man ablesen, welche Einstellung die Teilnehmer zu Menschen mit Behinderung haben?
Eine Frage war: „Nutzt du ‚behindert‘ als Schimpfwort?“. Darauf haben über 67 Prozent mit Ja geantwortet, wieder mehr Männer als Frauen. Eine andere Frage lautete: „Lachst du heimlich über Behinderte?“. Über 85 Prozent antworteten darauf mit Nein. Daraus schließen wir, dass die meisten Nutzer das Wort „behindert“ nicht in Zusammenhang mit „Behinderung“ bringen. Solche Antworten sind interessant für uns.

 

Wie helfen die Ergebnisse eurer Arbeit?
64 Prozent der Antwortenden sprachen sich dafür aus, dass Kinder mit und ohne Behinderung auf die gleichen Schulen gehen. Allerdings wusste fast die Hälfte der Antwortgeber, nämlich 46 Prozent, nicht, was inklusiver Unterricht ist. Das heißt, sie wissen nicht, was mit „Inklusion“ überhaupt gemeint ist. Das zeigt uns, wo wir ansetzen müssen. So können wir praktischer und praxisbezogener arbeiten.

 

War die Aktion ein Erfolg?
Wir sind mit dem Ergebnis der Zusammenarbeit sehr zufrieden. Schließlich haben über 600 Menschen unsere Fragen beantwortet. Durch die verschiedenen Kriterien, die die Nutzer von sich preisgegeben haben, wissen wir, dass ein ziemlich breites Spektrum an Menschen unsere Fragen beantwortet hat. Unsere Hoffnung ist, dass Nutzer zum Nachdenken angeregt werden und sich zum Beispiel darüber klar werden, dass sie „behindert“ als Schimpfwort nutzen. Vielleicht googelt der eine oder andere nun auch „Inklusion“ oder andere Themen in Zusammenhang mit Behinderung.


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