Unfreiwillig im Dienst der Forschung

Dürfen Mediziner an Menschen forschen, die nicht einwilligungsfähig sind und denen die Versuche auch nichts nutzen? Darüber entscheidet nun der Bundestag.
 

Paragraphenzeichen

Noch ist die deutsche Rechtslage klar: Die sogenannte fremdnützige Forschung an Menschen, die nicht wirksam eingewilligt haben, ist nicht erlaubt. Das Verbot ist eine Reaktion auf die verbrecherischen Versuche von Medizinern im nationalsozialistischen Deutschland. Dahinter steht der Gedanke, dass Menschen unter keinen Umständen als Mittel zum Zweck benutzt werden sollen.

Manche Wissenschaftler meinen, dass das Verbot zu weit geht. Wenn die Forschung nur geringe Belastungen und Gefahren für die Patienten mit sich bringt und gleichzeitig vielen Menschen helfen kann, so argumentieren sie, sollte man sie erlauben.

Zwei Einschränkungen

Die Bundesregierung sieht das ähnlich. In dem Gesetzentwurf, den sie dem Parlament vorgelegt hat, werden zwei zusätzliche Einschränkungen gemacht. Die Forschungsvorhaben müssen gruppennützig sein, also geeignet sein, die Behandlungsmöglichkeiten für Menschen zu verbessern, die die gleiche Krankheit haben wie der Proband. Zudem müssen die Betroffenen irgendwann einmal eine Patientenverfügung unterzeichnet haben, in der sie sich bereit erklären, an Forschungsvorhaben teilzunehmen, auch wenn sie zu dem Zeitpunkt nicht mehr wirksam einwilligen können.

Menschen, die bereits als Kind schwere geistige Behinderungen hatten, könnten also auch in Zukunft nicht zu fremdnütziger Forschung herangezogen werden. Sie waren nämlich nie in der Lage, eine entsprechende Patientenverfügung zu unterzeichnen. Menschen dagegen, die in jungen Jahren fit und forschungsfreundlich waren, könnten demnach  als ältere Menschen mit Demenz oder Wachkomapatient in klinische Studien einbezogen werden.

Ein bisschen Freiwilligkeit?

Aber wie relevant ist eine zehn oder 20 Jahre zuvor gegebene pauschale Einwilligung in medizinische Studien, wenn etwa ein MRT durchgeführt werden soll, in dessen Verlauf ein dementer Mensch plötzlich Panik verspürt? Und was ist, wenn auf eine als wenig riskant eingestufte Punktion eine Entzündung folgt? Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen hat auf diese Fragen eine klare, wenn auch schroffe Antwort: In Artikel 15 verbietet sie in einem Atemzug Folter, grausame Behandlung und medizinische Versuche ohne freiwillige Zustimmung. Daran sollte sich der Gesetzgeber gebunden fühlen. Ein bisschen Freiwilligkeit gibt es nicht, und auch ein geringes Risiko kann sich als fatal erweisen, wenn es sich verwirklicht.


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