Barriere:Zonen: Fotografie ohne Voyeurismus

Krieg ist meist weit weg. Das Grauen auszublenden, fällt oft allzu leicht. Die Fotos und Texte von Till Mayer verdeutlichen, was Kriege mit den Menschen machen. Gefühlvoll, voller Hochachtung, ohne Voyeurismus. Seine Ausstellungen und Bücher zeigen Menschen, die im Krieg eine Behinderung erworben haben. Die Bilder des Projekts „Barriere:Zonen“ machen das Hinschauen einfach - und das Wegschauen unmöglich.

Eine Streubombe riss Phongsavath Manithong in Laos beide Hände ab und ließ in erblinden. Heute setzt er sich für die Ächtung der Bomben ein und tanzt Hiphop.

22.500 Vertriebene leben im Camp Lac Vert  im Kongo in erbärmlichen Hütten. Eine von ihnen ist Jeannette Lubira. "Es schmerzt, wenn man unterschätzt wird", sagt sie.

Su Gyi Na ist behindert. Ihr Vater Kwan Kyi macht sich Sorgen: Was passiert, wenn das Flüchtlingslager in Thailand aufgelöst wird? Er fürchtet eine Rückkehr ins Ungewisse nach Myanmar.

Text: Anne-Nikolin Hagemann
Fotos: Till Mayer

In seinem aktuellen Buch- und Ausstellungsprojekt „Barriere:Zonen“ erzählt der Journalist und Fotograf von Menschen mit Behinderung, die in Umgebungen leben, wo es schon für Nichtbehinderte schwer ist, sich durchzuschlagen. Seine Texte und Fotos handeln davon, wie diese Menschen dennoch die Barrieren in ihrem Umfeld überwinden, Tag für Tag, um sich so ihre persönliche Freiheit zu erkämpfen, immer wieder. Für die 14 Porträts in Text und Bild ist Till Mayer in die Kriegs- und Krisengebiete dieser Welt gereist und hat sich einem oft vernachlässigtem Thema gewidmet: Wie leben Menschen mit Behinderung an diesen Orten?

Branislav Kapetanovic aus Serbien riss die eine Nato-Streubombe Hände und Beine ab. Heute kämpft der ehemalige Bombenentschärfer  für die weltweite Ächtung von Streubomben.

 

Von der Lokalzeitung ins Kriegsgebiet

Mayer findet: Die Geschichten dieser Leute müssen erzählt werden. „Das sind diejenigen, die unter Krieg und seinen Folgen am meisten leiden“, sagt er, „obwohl sie eigentlich am unschuldigsten daran sind.“ Es ist nicht das erste Projekt dieser Art, das er gestartet hat. Seit mehr als 20 Jahren kämpft er dafür, das Thema Krieg und seine Folgen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen.

Eigentlich ist Mayer festangestellter Redakteur beim "Obermain-Tagblatt", einer kleinen Regionalzeitung im fränkischen Lichtenfels, und berichtet über Dorffeste, den Bau von Umgehungsstraßen und Goldene Hochzeiten. Aber mehrmals im Jahr verlässt er seinen Schreibtisch in der Redaktion und bricht dahin auf, wo andere nicht hinreisen würden: Wo es wehtut, hinzuschauen, zuzuhören, nicht zu vergessen. Meist sind es Gebiete, wo die Schüsse verstummt, die Fernseh-Teams abgezogen sind. Und wo die Zurückgebliebenen unbeachtet von der Weltöffentlichkeit mit den Folgen der Konflikte leben müssen. In seinen Reportagen gibt Till Mayer den Kriegen dieser Erde Gesichter. Oft arbeitet er dabei mit verschiedenen Hilfsorganisationen zusammen. Aus seiner Arbeit sind nicht nur mehrere Bildbände und Ausstellungen, sondern auch Spendenaktionen für Bedürftige in aller Welt hervorgegangen. In seiner fränkischen Heimat hat Till Mayer zu diesem Zweck die Aktion "Helfen macht Spaß" gegründet. Für sein soziales Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Abdi Karshe und der FC Bayern München: In Mogadischu war er schon als Junge Fan des Münchner Fußballclubs. Dann kam der Krieg. Als er 18 Jahre alt war, traf ihn eine Kugel - er ist seitdem querschnittsgelähmt.

Till Mayer hört den Menschen zu

Mitleid, sagt er, sei ein furchtbares Wort, eines, das Menschen klein mache. Wenn seine Protagonisten erzählen, spüre er etwas anderes: Respekt. Seine Bilder und Texte stellen Menschen mit Behinderung nie als Opfer da. Mayer zeigt die Grauen des Krieges, ohne voyeuristisch die Kamera darauf zu richten: Jeannette Lubira aus dem Kongo fotografiert er nicht, wie sie über Geröll robbt und ihre gelähmten Beine hinter sich herzieht – sondern mit sanftem Lächeln und aufrechtem Sitz vor einer Zeltwand. Er stellt nicht scharf auf die Arm- und Beinstümpfe von Branislav Kapetanović aus Serbien – sondern auf das Porträt an der Zimmerwand, das ihn als Löwenbändiger zeigt. Und der Rollstuhl des fünfjährigen Nour Al Batran aus Gaza fällt erst auf den zweiten Blick auf. Vorher springt das verschmitzte Grinsen ins Auge, das er mit seinen Brüdern gemeinsam hat. Den begleitenden Texten ist anzumerken: Mayer hört den Menschen zu, wenn sie von ihrer Angst, ihrem Leid, ihren dunklen Erinnerungen erzählen. Und fragt dann nach den Träumen, den Plänen, der Zukunft. Er richtet den Fokus nicht auf die Traumata seiner Gesprächspartner – sondern auf die Freiheit, die sie sich erkämpft und bewahrt haben.

In „Barriere:Zonen“ erzählt Till Mayer die Barrieren als Doppelpunkt: Sie sind da, sie trennen, sie halten auf. Aber sie sind durchlässig, sie sind nicht unüberwindbar. Ein Doppelpunkt heißt: Da kommt noch was, die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Es gibt Hoffnung.


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