Mehr Studenten mit Behinderung

Elf Prozent der Studierenden haben eine gesundheitliche Beeinträchtigung, die ihr Studium erschwert. Das geht aus der neuen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks hervor. Vor fünf Jahren lag der Wert bei 7 Prozent. Kommen wir dem Ziel einer inklusiven Hochschule also langsam näher? Über diese und andere Fragen hat Heike Hucht mit Dr. Christiane Schindler gesprochen, die seit 2009 die Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks in Berlin leitet.

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Ende Juni wurden die Ergebnisse der neuen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks veröffentlicht. 11 Prozent der Befragten gaben an, dass sie gesundheitlich beeinträchtigt sind. Wie erklären Sie sich den Anstieg um vier Prozentpunkte?

Darüber kann ich nur mutmaßen. Eine Erklärung für den höheren Wert könnte sein, dass Studierende mit Beeinträchtigungen sich heute vielleicht eher trauen, diese sichtbar zu machen. Sie fühlen sich hierzu durch die UN-Behindertenrechtskonvention ermutigt, die für viel Öffentlichkeit und Sensibilisierung für das Thema Beeinträchtigung und dessen Facetten gesorgt hat. Ebenso könnte eine Rolle spielen, dass Schulen inklusiver und damit durchlässiger werden. Mehr junge Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen erlangen die Hochschulreife. Das gilt nach unserer Wahrnehmung zum Beispiel für junge Frauen und Männer mit Autismus.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Meilensteine auf dem Weg zur inklusiven Hochschule seit der Gründung des IBS im Jahr 1982?

Entscheidende Wegmarken zu mehr Teilhabe und Chancengleichheit liegen noch vor Einrichtung der IBS im Jahr 1982: Da ist zum einen das Hochschulrahmengesetz, das es den Hochschulen bereits 1976 zur Aufgabe machte, die besonderen Bedürfnisse behinderter Studierender zu berücksichtigen. Zum anderen gab es eine Empfehlung der Kultusministerkonferenz von 1982 zur „Ausbildung Behinderter im Hochschulbereich“, die in vielem auch heute noch hochaktuell ist. Nur ein Jahr nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention verabschiedete die Hochschulrektorenkonferenz 2009 die Empfehlung ‚Eine Hochschule für alle‘. Sie hat für viel Aufmerksamkeit und Schubkraft gesorgt. Ein weiterer Meilenstein ist in meinen Augen die ‚Datenerhebung zur Situation Studierender mit Behinderung und chronischer Krankheit‘ die das Deutsche Sudentenwerk 2011 herausgegeben hat.

DSW

Christiane Schindler, die Leiterin der Informations- und Beratungsstelle Studieren mit Behinderung des Deutschen Studentenwerks

Wieso ausgerechnet eine Studie?

Weil mit der Erhebung erstmals detaillierte Daten über die heterogene Gruppe der Studierenden mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen vorlagen. Wir wissen seither genauer, wie sich diese Gruppe zusammensetzt, auf welche Schwierigkeiten die Studierenden aufgrund ihrer Beeinträchtigungen stoßen, wo die größten Probleme liegen, welche Rolle Nachteilsausgleiche und Beratung spielen und vieles mehr. Mit diesen Fakten lässt sich gut argumentieren.

Was waren die wichtigsten Erkenntnisse?

Allen voran, dass Hochschulen mit ihrem Fokus auf körperliche und damit zumeist sichtbare Beeinträchtigungen nur eine sehr kleine Gruppe im Blick haben. Denn die Mehrheit der beeinträchtigten Studierenden hat eine psychische Beeinträchtigung oder eine chronische Erkrankung. Diese Beeinträchtigungen bleiben zumeist verborgen. Lediglich bei 6 Prozent der Studierenden mit Beeinträchtigungen ist diese auf den ersten Blick sichtbar. Inklusion erfordert also sehr viel mehr, als bauliche Barrieren in den Hochschulen zu beseitigen. Darüber hinaus hat die Studie gezeigt, dass viele beeinträchtigte Studierende die speziellen Beratungs- und Informationsangebote entweder nicht kennen oder nicht nutzen, weil sie sich davon nicht angesprochen fühlen oder vor Stigmatisierung und Diskriminierung fürchten, wenn sie sich outen. Gleiches gilt für das Instrument der Nachteilsausgleiche.

Was heißt das genau?

Nachteilsausgleiche - auch das zeigte die Erhebung – sind ein sehr wirksames Instrument, um individuell und situationsbezogen Benachteiligungen zu kompensieren und damit gleiche Chancen zu sichern. Bei der Vergabe von Nachteilsausgleichen wird im Einzelfall geprüft, wie sich eine Beeinträchtigung im Kontext der jeweiligen Lehrveranstaltungs- oder Prüfungsbedingungen studienerschwerend auswirkt. So kann für einen Rollstuhlnutzer die Verlegung einer Vorlesung in einen zugänglichen Raum notwendig werden, für eine sehbeeinträchtigte Studierende der Ersatz einer praktischen durch eine theoretische Leistung oder für einen chronisch-kranken Studierenden die Unterbrechung der Prüfung durch mehrere Pausen. Die Beratungsstellen der Hochschulen beraten und unterstützen die Studierenden dabei, geeignete Nachteilsausgleiche zu finden und zu beantragen.

Roland Baege / TU Dortmund

Die Braillezeile gibt den Text auf dem Bildschirm in Punktschrift aus.

Welche weitere Unterstützung können Studierende von Beratungsstellen erwarten?

Studierende können sich mit all ihren Fragen zu einem Studium mit Behinderung an die Beauftragten und Beratenden wenden – egal ob es sich um die Schwierigkeit handelt, das vorgesehene Leistungspensum zu schaffen, Anwesenheitspflichten zu erfüllen oder Praktika in der vorgegebenen Zeit zu absolvieren. Die Beauftragten informieren aber auch über die Barrierefreiheit in den Hochschulgebäuden und entsprechende Unterstützungsangebote: Ob es beispielsweise in der Bibliothek speziell ausgestattete Arbeitsplätze für Sehbehinderte gibt oder ob Hörbehinderte eine Mikroportanlage ausleihen können. Beratende können auch bei Konflikten mit Lehrenden vermitteln oder bei der Organisation von Studienassistenten unterstützen.

Wie muss man sich Ihre Zusammenarbeit mit den Beratungsstellen vorstellen?

Zum einen beraten wir Beauftragte und Beratende bei konkreten Fragen und Einzelfällen, zum anderen versuchen wir, zum Klären von allgemeinen Problemen beizutragen. Momentan ist es zum Beispiel in einigen Hochschulen Praxis, Studierenden mit psychischen Erkrankungen pauschal den Nachteilsausgleich in Prüfungen zu verweigern. Ein zentrales Gremium unserer Zusammenarbeit ist der Beirat. Er vernetzt uns neben den Beraterinnen und Beratern auch mit den Verbänden der studentischen Behindertenselbsthilfe sowie mit Vertretern der öffentlichen Verwaltung. Im Beirat tauschen wir unser Wissen aus, sprechen über aktuelle Entwicklungen und Probleme.

Schätzen Sie die derzeitige Entwicklung auf dem Weg zur inklusiven Hochschule eher skeptisch oder eher zuversichtlich ein?

Zahlreiche Hochschulen haben sich schon vor langer Zeit auf den Weg gemacht, Teilhabe zu ermöglichen und zu fördern. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe guter Beispiele, von Bremen über Dresden und Dortmund bis nach Marburg und Potsdam. Viele Hochschulen machen gerade einen großen Sprung, indem sie Aktionspläne zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention erarbeiten. Auf Länderebene passiert ebenfalls viel. Beispielsweise hat Sachsen erst vor kurzem eine eigene Studie zur Situation Studierender mit Behinderungen beauftragt und eine Landes-Fachstelle für Inklusion eingerichtet. Einerseits ist in der Vergangenheit also schon viel passiert, um Barrieren abzubauen. Andererseits besteht immer wieder die Gefahr, dass neue Barrieren entstehen, zum Beispiel durch die Digitalisierung der Lehre.

Roland Baege / TU Dortmund

Aber durch die Digitalisierung wird es Studierenden mit gesundheitlicher Beeinträchtigung doch erleichtert, orts- und zeitunabhängig zu lernen …

Das funktioniert aber nur, wenn die digitalen Angebote der Hochschulen barrierefrei zugänglich sind. Das gilt sowohl für die digitale Infrastruktur als auch für Aufbereitung und Abruf von Lerninhalten. Konkret bedeutet das: Damit Hörbehinderte beispielsweise Videos nutzen können, müssen diese untertitelt werden, während Sehbehinderte Bildbeschreibungen benötigen. Motorische Einschränkungen lassen sich über die Navigation via Tastatur statt Mouse kompensieren. Barrierefreiheit muss von Beginn an mitgedacht werden, ansonsten werden neue Ausschlüsse produziert. Und nur so lässt sich aufwendiges Nachjustieren vermeiden.


Wo sehen Sie die größten Baustellen auf dem Weg zur inklusiven Hochschule?
Das weite Feld der Lehre ist wohl eine der größten Baustellen. Viele Lehrende sind sich unsicher, wie sie mit den Bedürfnissen beeinträchtigter Studierender umgehen sollen. Schuld daran ist vor allem fehlendes Wissen, unter anderem zu Nachteilsausgleichen. Es existieren nur wenige Fortbildungsangebote für Lehrende, um sich über Inklusion zu informieren – die Hochschuldidaktik hat das Thema kaum im Blick. Nicht unterschätzen sollte man außerdem, dass einige Hochschulen noch immer behaupten: Studierende mit Beeinträchtigung gibt es bei uns gar nicht – deshalb müssen wir uns auch nicht kümmern.


Bitte ergänzen Sie: Unser Ziel, die inklusive Hochschule, werden wir erreichen …
… wenn Studierende mit Beeinträchtigung die Möglichkeit haben, das Fach oder die Fächer ihrer Wahl an der Hochschule ihrer Wahl zu studieren und dafür die optimalen Bedingungen und notwendige Unterstützung vorfinden. Ob und wie viel wir diesem Ziel seit 2011, also der Erhebung ‚beeinträchtigt studieren – best1‘, näher gekommen sind, wird sich im Frühjahr 2018 zeigen. Dann sollen die Ergebnisse der best2 vorliegen, für die gerade wieder bundesweit Studierende mit Beeinträchtigungen befragt wurden.

 

Interview Heike Hucht


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