Studieren mit Behinderung

Sieben Prozent aller Studierenden sehen sich durch eine gesundheitliche Beeinträchtigung im Studium benachteiligt. Mit baulichen Änderungen ist es nicht getan. Viele Uni­versitäten bieten konkrete Unterstützung für Studierende mit Einschränkungen.
 

Text: Eva Keller
Illustration: Marie-Louise Emmermann

Auf dem Campus fallen die rund 200.000 Studierenden mit Behinderung nicht unbedingt auf – denn die wenigsten sitzen im Rollstuhl. Die meisten haben nicht sichtbare Beeinträchtigungen wie psychische Probleme, Teilleistungsstörungen wie Legasthenie und Dyskalkulie oder chronische Erkrankungen.

Was die 20. Sozialerhebung von 2012 und die Sondererhebung „beeinträchtigt studieren“ 2011 des Deutschen Studentenwerks (DSW) in Zahlen festhalten, kommt allmählich auch in den Präsidien und Rektoraten der Hochschulen an: „Die Unis haben die Vielfalt der Beeinträchtigungen besser im Blick als noch vor ein paar Jahren“, sagt Dr. Christiane Schindler, Leiterin der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) beim DSW. Das mag auch daran liegen, dass die Studierenden heute stärker Beratung und Unterstützung suchen. Denn viele stoßen im getakteten und an Prüfungen reichen Bachelor-Master-System an ihre Grenzen. Individuelle Planung wird immer schwieriger.

Eine Hochschule für alle

Zweifellos haben die Konvention der Vereinten Nationen von 2008 sowie die Empfehlung „Eine Hochschule für alle“ der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) von 2009 dem Thema Inklusive Hochschule Schubkraft verliehen. Grundsätzlich haben Studierende das Recht, das Fach ihrer Wahl an der Hochschule ihrer Wahl zu studieren. Die Hochschule ist dann verpflichtet, für entsprechende Studienbedingungen zu sorgen. Trotzdem entscheiden sich viele Studierende mit Beeinträchtigung für einen bestimmten Studienort, weil dort die räumliche Barrierefreiheit besser ist als anderswo, weil es schon bestimmte Beratungsangebote oder Hilfsmittel gibt – oder viel Erfahrung mit bestimmten Gruppen von Studierenden.

Dass sich die Hochschulen in den vergangenen Jahren besonders um räumliche Barrierefreiheit gekümmert haben, lässt sich auch aus einer Evaluation der HRK ablesen: 98 Prozent schätzen zumindest Teile ihres Campus als barrierefrei für mobilitätsbeschränkte Personen ein. Mit Blick auf Studierende mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung sagen das nur 58 beziehungsweise 51 Prozent der Hochschulen.

Denkmalschutz und Barrierefreiheit

Gleichzeitig aber stehen die vielen Altbauten und der Denkmalschutz einer Umsetzung von Barrierefreiheit im Weg. Weil zudem ein festes Budget für Nachrüstungen (zum Beispiel den Einbau eines Aufzugs) fehlt, wird das Thema Barrierefreiheit immer erst bei Neubauten oder Umbauten aktuell. Und obwohl es zahlreiche DIN-Normen zum barrierefreien Bauen gibt, sind bei der Planung die Beauftragten für die Belange von Studierenden mit Behinderung gefragt, um die Architekten mit ihrer Sachkenntnis zu begleiten.

Zweischneidig ist aus Sicht der IBS die Verbreitung digitaler Medien an den Hochschulen: Sie ermöglichen es zwar Studierenden mit körperlichen Beeinträchtigungen, orts- und zeitunabhängig zu lernen, andererseits wird häufig nicht darauf geachtet, dass Internetseiten, Lehrmaterialien oder Onlinekataloge für Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen zugänglich sind.

Gute Beispiele

Nichtsdestotrotz: Christiane Schindler vom DSW weiß von vielen guten Beispielen aus der deutschen Hochschullandschaft. Drei stellen wir vor: die Technische Universität Dortmund, die sich schon in den 1970er-Jahren um Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung bemüht hat, die Universität Würzburg, die als „legasthenie-freundliche Hochschule“ gilt, und die Universität Hamburg, die mit ihren Angeboten auf die große Zahl Studierender mit psychischen Problemen reagiert.


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