Reisen für Menschen mit geistiger Behinderung

Das Unternehmen Stern-Reisen bietet Urlaubsfahrten für Menschen mit geistiger Behinderung an. Die jungen Veranstalter aus Hamburg schließen mit den individuellen Reisen eine Versorgungslücke.
 

Text: Thomas Röbke
 

Julian Uhlig und Tove Selzam haben Stern-Reisen gegründet.

Im vergangen Jahr mieteten sie ein Floß auf der Müritz. Für einen Tagesausflug. Zwölf Personen, darunter zwei mit Rollstuhl. Viel los war nicht auf dem mecklenburgischen See und so durfte jeder Mal steuern. „Am Abend sind alle glücklich wieder vom Floß runter, das war auch zu Hause noch lange Gesprächsthema“, erzählt Julian Uhlig. „Sich nicht einfach nur fahren zu lassen, sondern selbst das Steuer in die Hand zu nehmen, das war eine riesige Erfahrung.“

Julian Uhlig, 34, und Tove Selzam, 33, Freunde aus Schulzeiten, haben vor zwei Jahren eine Reise- und Freizeitagentur für Menschen mit geistiger oder Lernbehinderung gegründet. Weil sie genau solche Erlebnisse vermitteln wollen. Weil sie erleben, wie die Teilnehmer durch die Reisen gefördert und gefordert werden. „In 80 Prozent der Fälle sind sie fitter als sie auf den Anmeldebögen beschrieben werden“, ergänzt Tove Selzam, „einfach weil sie aus ihrer Routine herauskommen.“

Mit ihrer Firma Stern-Reisen reagieren die beiden Jungunternehmer auf eine Marktlücke, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn während es für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen zahlreiche spezialisierte Veranstalter gibt, sucht man ein entsprechendes Angebot für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen nahezu vergebens. Und das, obwohl die Nachfrage steigt.

Urlaub am Meer: Für viele Teilnehmer ein unvergessliches Erlebnis.

Wohngruppenreisen werden seltener

Zu den Kunden von Julian und Tove zählen nicht nur Einzelreisende, die zu Hause betreut werden, sondern auch immer öfter solche, die in Wohngruppen leben. Wohngruppenreisen werden nämlich immer seltener. „Vor 20 Jahren wären sie noch zwei Wochen verreist, vor zehn Jahren eine – und heute ist der Urlaub auf ein langes Wochenende zusammengeschrumpft“, erzählt Julian. Die Budgets seien geringer geworden, die Betreuer überlastet, sie könnten keine zusätzlichen Überstunden mehr leisten. Darüber hinaus wollen die beiden aber „auch dieses ,Ich fahre mit meinen Leuten in den Urlaub‘ aufbrechen“, so Tove, „Da wir Menschen aus verschiedenen Einrichtungen zusammen bringen, geben wir ihnen die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen.“

Noch ist das Angebot mit sechs Reisen für 2016 überschaubar. Tove und Julian ist es wichtig, dass das Wachstum des Unternehmens nicht zulasten der Qualität geht. Stets ist einer von ihnen bei den angebotenen Reisen mit dabei. Neben dem eigentlichen Beruf. Denn solange bis sie eines Tages von Stern-Reisen leben können, arbeitet der Sozialpädagoge Julian zwei Tage in der Woche an einer Schule mit Psychomotorik-Weiterbildungsangebot und Tove, gelernter Assistent für Freizeitwirtschaft, assistiert im Schichtdienst einem Querschnittgelähmten. Außerdem sind beide vor kurzem Familienväter geworden.

Als Städtereise ist zum Beispiel Berlin im Angebot.

Finanzierungshilfen

Die Idee zu einem solchen Reiseunternehmen hatten die beiden schon länger. Julian war für ein Mönchengladbacher Unternehmen mit ähnlichem Konzept tätig gewesen. Erst als Betreuer, dann als Reiseleiter. Tove, damals noch Student der Tourismus- und Freizeitwirtschaft, kam irgendwann als Betreuer mit. So wie die Betreuer, die heute bei Stern-Reisen mitfahren. Zumeist Studenten sozialer Fächer, die sie in einer Schulung mit allem erforderlichen Wissen ausstatten. 

Wer an den betreuten Reisen teilnehmen möchte, kann unter Umständen eine Finanzierungshilfe in Anspruch nehmen. Tove: „Entweder die Einrichtungen treten direkt an uns heran und stellen den Kontakt her – die Reise zahlen müssen die Teilnehmer aus den Gruppen selbst. Diejenigen, die nicht in einer Einrichtung leben, können eventuell mit der Krankenkasse abrechnen. Das ist dann der Fall, wenn die Angehörigen, die sonst pflegen, verhindert sind. Darum nennt sich das Verhinderungspflege.“ Das Mindestalter für die Reisen liegt bei 18 Jahren, nach oben hin gibt es keine Begrenzung. Auch sonstige Ausschlusskriterien gibt es nur wenige, wie starke Weglauftendenzen und regelmäßiges Einnässen. "Wir können keine Nachtwache leisten und somit keine 24-Stunden-Betreuung bieten“, sagt Julian.

Vor jeder Reise werden Wünsche und Besonderheiten mit allen Teilnehmern und Betreuern bei einem vorbereitenden Treffen in einem Café besprochen. Schon diese Treffen sind ein Grund, weshalb der Markt für Reiseanbieter in diesem Sektor regional ist und sein sollte. Die Kunden von Stern-Reisen kommen vor allem aus Hamburg, Lübeck und Lüneburg.

In die Zukunft ihres kleinen Unternehmens blicken die beiden Inhaber optimistisch. Tove: „Wir setzen uns immer ein Jahresziel und das haben wir bisher auch immer gut erreicht."


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