Brauchen wir Spielzeug mit Behinderung?

Sigrid Sohlmann (65) ist Psychotherapeutin in Wien mit besonderem Schwerpunkt für Kinder und Jugendliche mit Behinderung und deren Eltern. Sie ist zudem Autorin des Buchs „Behinderung bei Kindern und Jugendlichen. Hilfe für Eltern, Therapeuten und Pädagogen“.
 

Sigrid Sohlmann

Aktivisten setzen sich für Spielzeug ein, das Behinderung positiv vermittelt. Aber wollen Kinder mit Behinderung überhaupt mit Puppen und Figuren spielen, die dieselbe Behinderung darstellen?

Ich arbeite seit 18 Jahren mit Kindern und Jugendlichen, die eine Behinderung haben. Meiner Erfahrung nach, ist es für ein Kind im Rollstuhl gar nicht so wichtig, ob z.B. die LEGO-Figur auch im Rollstuhl sitzt. Wie alle Kinder greifen sie in der Spielzeugkiste sehr wahrscheinlich nach der gewöhnlichen Prinzessin, dem Astronauten oder dem Cowboy.

Woran liegt das?

Kinder erkennen Behinderung nicht so wie Erwachsene. Natürlich hängt es vom Kind ab und auch, ob es eine körperliche oder kognitive Behinderung ist. Eine Rolle spielt zudem, ob jemand von Geburt an behindert ist oder zum Beispiel durch einen Unfall. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass Kinder ihre Behinderung erst dann wirklich wahrnehmen, wenn sie darin eine Einschränkung oder ein Verbot erkennen. Ein Junge im Rollstuhl etwa ist dann besonders traurig, wenn er nicht mit anderen Kindern Fußballspielen kann. Daran kann auch eine LEGO-Figur im Rollstuhl nichts ändern.

Sie halten „Spielzeug mit Behinderung“ also für unnötig?

Nein, überhaupt nicht, ich halte es sogar für sehr wichtig. Aber vor allem wegen des Effekts auf Kinder, die keine Behinderung haben. Ich kenne viele Eltern von „gesunden Kindern“, die sich solches Spielzeug wünschen. So lernen alle Kinder auf spielerische Art, dass es völlig normal ist, wenn jemand im Rollstuhl sitzt oder eine Brille oder ein Hörgerät trägt. Derartiges Spielzeug trägt also dazu bei, zu einer echten Inklusion zu kommen.

Wünschen sich Eltern von Kindern mit Behinderung auch derartiges Spielzeug?

Das hängt natürlich vom Einzelfall ab. Aber es kommt oft vor, dass Eltern die Behinderung ihres Kindes nicht annehmen und wahrhaben wollen. Die würden solches Spielzeug nie kaufen. Ob eine LEGO-Figur im Rollstuhl ihnen dabei helfen würde, die Behinderung des eigenen Kindes zu akzeptieren, kann ich nicht sagen.

Worauf müssen Eltern von Kindern mit Behinderung beim Spielen in der Praxis achten?

Das Spielzeug sollte dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechen und es nicht überfordern. Man muss bei kognitiver Behinderung ganz besonders aufpassen, dass sie kleine Figuren nicht verschlucken und sich nicht an scharfen Kanten oder Reißzwecken verletzen können. Diese Kinder brauchen beim Spielen viel Aufmerksamkeit. Das kann aber auch mit Spaß für die Erwachsenen verbunden sein. Ich selbst bin zum Beispiel bin immer wieder überrascht, wie gut kognitiv behinderte Kinder beim Memory sind, weil sie sich sehr gut konzentrieren können Da habe ich kaum eine Chance!

Wir danken für das Gespräch.


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