Spielzeug wie wir

In Großbritannien macht sich eine Initiative für Spielzeugfiguren stark, die eine sichtbare Behinderung haben. Dass solche Figuren etwas Besonderes sind, zeigt eine Neuheit des dänischen Herstellers Lego.
 

© LEGO Group

Sorgte für viel Medienwirbel: Legos erste Figur im Rollstuhl.

Text: Markus Huth

Dass eine kleine Spielzeugfigur im Rollstuhl so viel Aufmerksamkeit erregen würde, hatte die Marketingabteilung von Lego nicht erwartet. Seit der Plastikjunge im vergangenen Winter auf der Spielwarenmesse in Nürnberg zu sehen war, folgte Anfrage auf Anfrage von internationalen Medien. Kein Wunder, schließlich ist es eine kleine Sensation. Für Millionen von Kindern aus der ganzen Welt gehören die gelben Minifiguren seit Generationen zum Aufwachsen dazu. Und obwohl es Schätzungen zufolge weltweit rund 150 Millionen Kinder mit Behinderung gibt, wird das dänische Unternehmen erst 84 Jahre nach seiner Gründung ab diesem Juli eine Minifigur im Sortiment führen, die eine Behinderung hat.

© Beth Moseley Photography

Nicht handelsüblich: Diese Figuren haben die Aktivisten von #ToyLikeMe gebastelt.

Legofigur im Rolli

Und so sieht sie aus: ein lässig gekleideter Junge im Rollstuhl, im coolen Hoodie und grauer Mütze auf dem Kopf. Warum er im Rollstuhl sitzt? Wegen einer temporären Verletzung oder dauerhaft? Darüber erfährt der Käufer nichts. Nur dass zu der Figur des neuen Sets „Stadtbewohner“ ein kleiner Plastikschäferhund gehört, lässt die Pressestelle mitteilen. Offenbar aber kein Blindenhund. Denn der Junge hat die Augen weit offen und grinst verschmitzt. Überhaupt scheint man bei Lego, immerhin der größte Spielwarenhersteller der Welt, die erste eigene Figur mit Behinderung für nichts Besonderes zu halten. In einer Pressemitteilung wird aus dem Set vielmehr die „allererste Baby-Minifigur“ herausgehoben.

Dass Lego die ganze Aufregung nicht versteht, muss keine schlechte Nachricht sein. Zumindest wenn man der Soziologin Katie Ellis von der aus­tralischen Curtin University folgt. „Spielzeug ist ein Spiegelbild der Werte jener Gesellschaft, die es produziert“, schreibt sie in ihrem Buch „Disability and Popular Culture“ (Behinderung und Popkultur). Wenn also ein Spielwarengigant ohne viel Aufsehens einen coolen Jungen im Rollstuhl auf den Markt bringt, bedeutet es aus dieser Perspektive: Eine Behinderung ist heute keine große Sache mehr.

Figuren eine Behinderung verpasst

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn noch immer ist es keine Selbstverständlichkeit, wenn Spielzeug das Thema Behinderung aufgreift. „Dass die Spielzeugindustrie das Thema jetzt entdeckt, liegt nicht zuletzt an unserer Kampagne“, sagt die britische Aktivistin Rebecca Atkinson. Sie hat im vergangenen Jahr mit anderen Aktivisten die Initiative #ToyLikeMe (Spielzeug wie ich) gestartet.

Sie nahmen herkömmliches Spielzeug, verpassten Figuren und Puppen eine Behinderung und veröffentlichten die Fotos in sozialen Netzwerken, darunter eine blinde Playmobil-Prinzessin und ein einbeiniger Spiderman. „Wir wollten der Spielzeugindustrie zeigen, dass es nicht in Ordnung ist, Behinderung zu marginalisieren“, sagt Atkinson, die selbst hörbehindert ist. Die Hersteller sollten vielmehr darüber nachdenken, welches Bild von Behinderung sie in die Kinderzimmer transportieren wollen.

© Beth Moseley Photography

Auf dem Plakat, das das Mädchen hält, steht: „Mach mit bei der Spielzeugkisten-Revolution!“.

Puppen mit Downsyndrom

Bisher hatten nur einzelne Hersteller Spielzeug im Angebot. Etwa der deutsche Produzent Sport Thieme, der Puppen mit Downsyndrom anbietet. Mit ihnen sollen sich Kinder mit Trisomie 21 identifizieren können, teilt ein Sprecher mit. Zudem hatte das US-Unternehmen Mattel, nach Lego der zweitgrößte Spielzeughersteller der Welt, schon Ende der 1990er-Jahre eine Barbiepuppe (Becky) im Rollstuhl auf den Markt gebracht. Allerdings wurde die Produktion bald wieder eingestellt. Und das, obwohl sich viele Eltern von Kindern mit und ohne Behinderung immer wieder Puppen mit mehr Vielfalt wünschten. Heute können sie diesen Wunsch öffentlichkeitswirksam in sozialen Netzwerken zum Ausdruck bringen und die großen Hersteller damit unter Druck setzen – darauf setzen Aktivisten wie die von #ToyLikeMe.

Auf Facebook und Twitter werden sie bereits von rund 35.000 Menschen unterstützt. Ihre Online-Petition an Playmobil mit der Forderung nach entsprechendem Spielzeug wurde sogar 50.000-Mal unterzeichnet. Dann die Überraschung: Die Industrie reagierte. Die britische Firma Makies produzierte als Reaktion auf die Kampagne eigens Puppen mit Behinderung aus dem 3-D-Drucker, erstellt nach den Wünschen von Eltern. Und eine Sprecherin von Playmobil sagt, man arbeite in Abstimmung mit #ToyLikeMe an einem eigenen Sortiment.

Bei Lego mag man die erste Rollstuhlfigur offenbar nicht so gern mit den Aktivisten in Verbindung bringen. Aber Atkinson ist überzeugt: „Die gibt es nur dank uns.“ Sie ist sich sicher, dass alle Kinder – egal, ob mit Behinderung oder ohne – von der positiven Darstellung von Behinderung durch Spielzeug profitieren. „Wenn Spielzeug Behinderung ausschließt, was ist das für eine Lehre für Kinder?“, fragt sie.


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