Barrierefreies Busfahren für Blinde

Viele Bildungseinrichtungen für blinde und sehbehinderte Menschen prägen die Stadt Soest. Das neuste Angebot: Die App „Busguide“, mit der Blinde punktgenau ihre Fußwege und Reisen mit dem ÖPNV planen und bewältigen können. Unser Autor Michael Wahl hat getestet, ob die App hält, was sie verspricht.
 

Auf dem Smartphone startet die App Soester Busguide, dann geht die Fahrt los.

Text: Michael Wahl
Fotos: Michael Bause

Die Stadt Soest war im Mittelalter eine der größten Städte Deutschlands. Zugegeben: Heute gibt es andere Metropolen. Aber für Blinde und Sehbehinderte ist Soest weiterhin von großer Bedeutung, denn viele Bildungseinrichtungen für Menschen mit Sehbehinderungen prägen die Stadt. Kein Zufall also, dass der Kreis Soest eine App entwickelt hat, die das selbständige barrierefreie Busfahren ohne Sehen möglich macht. Mal schauen, ob der Soester Busguide mich an mein Ziel bringt.

Rechts ins Nirgendwo: zu Bussteig D

Bussteige sind häufig schwer zu finden, denn sie befinden sich nicht immer schön parallel zueinander wie Bahngleise, sondern haben keine schnell erkennbare Systematik. So auch auf dem ovalen Bahnhofsvorplatz in Soest. Auf meinem Bussteig befindet sich ein großes Schild mit einem „D“ darauf. So sagt man mir. Ich stehe zwei Schritte vom Ausgang des Bahnhofsgebäudes entfernt und achte auf die Geräuschkulisse. Autos fahren von links nach rechts, dann das schwerere Dröhnen eines Busses – rechts vorbei, er wendet und hält – im Nirgendwo. Ist dort auch das „D“?

Auf meinem Smartphone startet die App Soester Busguide logisch mit einer Reiseabfrage. Vom aktuellen Standort ausgehend gebe ich mein Reiseziel „Dortmundweg“ und die gewünschte Abfahrtszeit an. Der Bus kommt in sieben Minuten, Haltestelle D. Dann mal los!

Den ersten Teil meines Weges gehe ich zu Fuß. Zum Navigieren brauche ich die richtige Richtung und Entfernung. Mittels GPS Signal führt mich die App. Über Knochenschallkopfhörer, die mir erlauben auch weiterhin das Allerwichtigste -  die Umweltgeräusche -  wahrzunehmen, höre ich ein immer schneller werdendes Signal, so wie bei einem Geigerzähler. Weiter rechts, zu weit, links, noch ein Stück, wieder rechts, jetzt passt es. Das Signal ist hier am schnellsten. Die Richtung stimmt. Nach zwei Schritten bleibe ich abrupt stehen. Ich lasse zwei rennende Personen vorbei, dann geht es weiter mit dem Blindenlangstock in der Hand und dem „Geiger“ in den Ohren.

Unser Autor Michael Wahl (links) und andere blinde "Testfahrer" ließen sich die Funktionen der neuen App von Projektleiter Jörn Peters (rechts) erläutern.

Die Vermessung der Soester Welt

Ich stelle auf Richtungsangaben um. „In zehn Metern Haltestelle D – halb rechts“ verkündet die Stimme. Dann klickt mein Stock gegen die Bussteigkante. Von meiner üblichen Fußgänger-App bin ich die Angaben der Richtung nach Uhrzeiten, bzw. den entsprechenden Stellungen der Zeiger, gewöhnt. Das fehlt mir ein wenig. Aber der „Geiger“ ist eine interessante Alternative. So oder so bin ich gut und zielstrebig in zwei Minuten beim richtigen Bussteig angekommen, wie mir die App zuverlässig bestätigt.

Was sich für mich als Nutzer so einfach anhört, ist nur möglich dank akribischer Vermessungsarbeit. Das Vermessungs- und Katasteramt des Kreises Soest hat den Bahnhofsvorplatz und darüber hinaus das gesamte Soester Stadtgebiet genauestens vermessen und kartiert. Auf Basis dieser Daten, die weit differenzierter als übliche Geo-Daten sind, kann die App mich genau zum Bahnsteig D lotsen. Dies ist derzeit in Deutschland nur in Soest und im Stadtgebiet von Berlin möglich. Denn nur an diesen beiden Orten wurden im Zuge des Projekts M4 Guide, das von der Bundesregierung und anderen Partnern getragen wird, Daten mit einer absoluten Güte unter 10 Zentimeter Genauigkeit erfasst und anschließend in die Kartenwerke integriert.

C3 meldet sich in Kürze

„Linie C3 fährt ein“, meldet sich der Busguide erneut. Ich finde auf dem Smartphone den Button „Servicewunsch“ und signalisiere damit dem Busfahrer meinen Wunsch zuzusteigen. Diese Funktion macht die App auch für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, für Eltern mit Kinderwagen und Rollatornutzer interessant. Die geschulten Fahrer werden über ein Signal informiert und halten Ausschau nach dem Anfragenden, sprechen diesen, falls nötig, an, helfen beim Einsteigen, klappen notwendige Rampen für Rollstühle aus und achten auf ein sicheres Anfahren. Mit meinem Langstock finde ich die Bustür und steige ein.

Welche Haltestelle kommt als nächstes? Wie signalisierte ich dem Fahrer meinen Haltewunsch? Der Soester Busguide gibt Antworten per Smarthone.

In diesem Fall gelang das ganz einfach, da nur ein Bus ankam. Was aber, wenn zwei Busse gleichzeitig ankommen? Ich bin auch schon in den falschen Bus eingestiegen oder habe bei hochfrequentierten Haltestellen den richtigen Bus, da ich an der falschen Stelle gewartet hatte, verpasst. Akustisch kann man beispielsweise die Linie C3 und die Linie C7 nicht voneinander unterscheiden. Auch bei diesem Problem soll der Soester Busguide künftig helfen. Geplant ist ein zusätzlicher Button „Türfinder“. Wenn dieser betätigt wird, meldet sich C3 und der blinde App-Nutzer kann den richtigen Bus ohne fremde Hilfe finden.

Der sprechende Bus

Der Bus fährt los, und bald wird die nächste Haltestelle angesagt. Meine ist es noch nicht. Ich navigiere durch den Busguide auf die Linie C3 – noch vier Haltestellen. Weiterhin werden alle Haltestellen angesagt. Es ist ein wenig so, als würde der Bus mit mir sprechen. Ich weiß jederzeit, wo ich bin. Dann ist es an mir zu antworten: Ich drücke auf den Button „Haltewunsch“ nachdem die App den Dortmundweg angesagt hat. Dem Fahrer wird der Wunsch angezeigt und so kann ich absolut entspannt aussteigen. In der Nähe der Haltestelle liegt das Kreishaus, mein heutiges Ziel, das ich mit der integrierten Fußgängernavigation problemlos erreiche.

Fazit: barrierefreie Navigationskette mit viel Potenzial

Der Soester Busguide hat mich zuverlässig an mein Ziel gebracht. Die App beinhaltet einen digitalen Echtzeit-Abfahrtsmonitor für Bus und Bahn in ganz Deutschland (auch in anderen Apps abrufbar). Sie kombiniert diesen mit einer sehr genauen Fußgängernavigation für das Soester Stadtgebiet und dem zentralen Element: Der Kommunikationsmöglichkeit via low energy bluetooth mit den Bussen im Soester Nahverkehr. So kann ich als blinder Nutzer von Haustür zu Haustür punktgenau navigieren und dabei den ÖPNV nutzen – eine beeindruckende barrierefreie Navigationskette, die die Mobilität von Menschen mit Behinderungen sehr erhöht.

Es bleibt zu hoffen, dass sich weitere Kommunen und ÖPNV-Unternehmen anschließen und sich gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen auf den Weg machen, um den eigenen Nahverkehr barrierefrei zu gestalten. Denn die Technik des Soester Busguides ist theoretisch überall einsetzbar und erweiterbar. In Soest hat man mit dem City-Guide und weiteren Projekten viele zusätzliche Anwendungsmöglichkeiten für den Tourismus und die Indoor-Navigation bereits fest im Blick - oder vielmehr: im Ohr.


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