Schauspieler und Rollen mit Behinderung

Sollten Filmfiguren mit Behinderung stets von Schauspielern mit Behinderung gespielt werden? Diese Frage haben wir zwei Experten in eigener Sache gestellt. Jana Zöll ist die einzige deutsche Schauspielerin im Rollstuhl, die ein festes Engagement an einer staatlichen Bühne hat. Der Regisseur und Drehbuchautor Markus Goller hat die Titelrolle in seinem neuen Film "Simpel", einen jungen Mann mit geistiger Behinderung, mit einem Schauspieler ohne Behinderung besetzt.
 

© universum

Szenenfoto: Frederik Lau (vorne) als Ben und David Kross als Barnabas im Kinofilm "Simpel"

In seinem jüngsten Film Simpel schildert der Regisseur und Drehbuchautor Markus Goller, 48, die ergreifende Reise zweier unterschiedlicher Brüder, deren Kraft es ist, füreinander da zu sein: Seit Ben denken kann, sind er und sein Bruder Barnabas ein Herz und eine Seele. Barnabas, genannt „Simpel“,  ist 22 Jahre alt und hat eine geistige Behinderung. Er ist anders und oft anstrengend, aber ein Leben ohne ihn ist für Ben unvorstellbar. Als ihre Mutter stirbt, soll Simpel in ein Heim eingewiesen werden. Zusammen machen sich die Brüder auf die Suche nach ihrem Vater, der das verhindern könnte. Die Hauptrollen spielen David Kross (Simpel) und Frederik Lau (Ben). In weiteren Rollen sind unter anderem Emilia Schüle, Anneke Kim Sarnau, Devid Striesow und Annette Frier zu sehen. "Simpel" startet am 9. November in den deutschen Kinos. Hier zum Trailer auf youtube.
 

Das sagt Markus Goller:

Warum ich mich dafür entschieden habe, bei unserem Kinofilm „Simpel“ die Hauptrolle eines jungen Mann mit geistiger Behinderung mit einem nicht behinderten Schauspieler zu besetzen? Um ganz ehrlich zu sein: Tatsächlich hatte ich als Regisseur von Beginn an einen nicht behinderten Schauspieler im Kopf. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und ich werde im Folgenden versuchen zu erläutern, weshalb das so ist. Ich bekomme die Frage oft gestellt und will hier unsere Seite der Entscheidung beleuchten.

Ich habe den Roman „Simpel“ vor mittlerweile sechs Jahren  zu Lesen bekommen und war sofort verliebt und fasziniert von der Eigenschaft des „Simpel“, die Welt zu sehen und zu leben, auf Menschen als Mensch zu reagieren, ohne all die Prägungen, ohne all das Ego (das überall in uns wohnt und das immer mehr unsere Gesellschaft bestimmt) und ohne die Masken, die wir alle tragen, wenn wir uns begegnen. Pur, wahrhaftig, aus vollem Herzen. Spürend, Energie fühlend. Simpel bestimmt seine Welt mit seiner Art direkt und unmittelbar auf Dinge, Menschen und Situationen zu reagieren. Herrlich. 

Dieser junge Mann, der die Welt einen schöneren Platz sein lässt, hat mich also sofort in den Bann gezogen. Ich bekam den Auftrag, daraus einen Film zu machen. Und weil mein Ansatz weniger der des strikt realen Filmemachers ist, sondern meine Filme immer im Besonderen charakterlich wahrhaftig, voller Humor und Emotionen, gepaart mit Hoffnung sein sollen, aber eben doch fiktiv und larger than life, kam es mir tatsächlich einfach nicht in den Sinn, die Rolle des Simpel mit einem wirklich Behinderten anzugehen. Ich hatte auch beim Lesen des Romans sofort einen bestimmten Schauspieler im Kopf, der weitere Gedanken über die Rolle nicht zuließ. Im Verlauf der Entwicklung haben sich die inhaltlichen Dinge des Drehbuches dann zusätzlich verändert. Schließlich fiel David Kross als Darsteller quasi vom Himmel und ich wusste, es ist richtig.

Zudem hatten wir tatsächlich auch Sorge, dass der sehr aufwendige, teure und komplexe Filmdreh, der mit viel zeitlichem Druck und bewusster Präzision durchgeführt werden musste, mit einem behinderten Schauspieler weniger berechenbar wird. Dass dieser das präzise und absolute Funktionieren in jeder Situation sowie die extreme körperliche und seelische Anstrengung womöglich nicht immer leisten könnte. Auch ist mir als Regisseur die Kommunikation mit einem nicht behinderten Schauspieler vertraut und fühlt sich unter den extremen Bedingungen eines Filmdrehs sicher an. Die Sorge, dass eben diese Kommunikation mit einem Schauspieler mit geistiger Einschränkung weniger gut funktionieren könnte und dass ich als Regisseur im Rahmen unserer zeitlichen Möglichkeiten weniger Einfluss auf die Darstellung hätte, ist sicher auch ein wichtiger Punkt. Mir ist aber bewusst, dass diese Sicherheit auch eine große Einschränkung bedeuten kann und dass die wahrhaftige, wunderbare Welt eines tatsächlich behinderten Darstellers somit nicht das Licht der Welt erblicken kann.

Aus meiner Sicht war es richtig, einen nicht behinderten Schauspieler die Rolle eines Menschen mit geistiger Behinderung spielen zu lassen.

Alles in allem kann ich sagen, dass sich der Film diejenigen Menschen, die ein Teil der Produktion, des Films, des Gefühls sein sollten, von Anfang an einfach immer selbst ausgesucht hat. In der Tat ist das bei jedem Projekt so: Es gibt den Moment, an dem sich das Projekt entscheidet, gemacht werden zu wollen. Und dann muss man eigentlich loslassen und auf das Projekt hören. Als der Film „Simpel“ gemacht werden wollte, kam gerade David Kross ins Casting Studio. Das war der Kick Off. Deswegen glaube ich, dass bei „Simpel“ alles so passiert ist, wie es für das Thema und den Film und auch für die Bedeutung, die der Film und das Thema in der Öffentlichkeit spielen wird, am Besten ist. Aus meiner Sicht war es richtig, einen nicht behinderten Schauspieler die Rolle eines Menschen mit geistiger Behinderung spielen zu lassen.

Mein Großvater war Leiter der Herzogsägmühler Heime bei Schongau. Ich bin als Kind viel mit geistig behinderten Menschen in Kontakt gewesen. Was uns Menschen mit und ohne Behinderung gleich ist: Wir lieben und werden geliebt. Und das ist auch das eigentliche Thema des Films. Nicht die Behinderung.


© R. Arnold/CT

Jana Zöll, 32, gehört seit 2014 zum Schauspielensemble des Staatstheaters Darmstadt. Neben ihrer Arbeit als Schauspielerin, darunter mehrfach als Gast am Centraltheater Leipzig und an der Opernwerkstatt am Rhein, arbeitet sie seit kurzem als Inklusionsberaterin und macht derzeit eine Weiterbildung zur systemischen Beraterin. Ihre Schauspielausbildung absolvierte Jana Zöll an der Akademie für darstellende Kunst adk-Ulm. Sie ist 90 cm groß, hat Glasknochen und nutzt den Rollstuhl. Mehr Infos: https://zoell.wordpress.com/

Das sagt Jana Zöll:

In den letzten Jahren werden immer öfter Kino- und Fernsehfilme produziert, in denen die Hauptfigur eine Behinderung hat. In den seltensten Fällen hat allerdings der/die Schauspieler/in dieser Figur diese Behinderung. Woran liegt das? Und sollte dies geändert werden?

Zwei mögliche Gründe für dieses Phänomen könnten sein: Erstens die Befürchtung, die Arbeit mit einem behinderten Menschen könnte die Abläufe verkomplizieren und verlängern. Zweitens das Argument: “Wir haben keinen Schauspieler mit Behinderung gefunden, der diese Rolle hätte spielen können" Deshalb lautet meine Antwort auf die Frage “Sollten Figuren die eine Behinderung haben, von Schauspieler/innen, die eine Behinderung haben, gespielt werden?”: Ja, aber nicht zu Ungunsten der Kunst.

Eine Rolle sollte natürlich mehr Facetten haben als nur die Behinderung. Um eine Rolle ganzheitlich darzustellen, braucht es schauspielerisches Können. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass etwa eine Quotenregelung an dieser Stelle nicht weiterhelfen würde. Die Lösung des Dilemmas ist deutlich komplexer. Ich selbst bin Schauspielerin mit Behinderung und einer professionellen Schauspielausbildung. Damit bin ich extrem privilegiert. Derzeit gibt es für Menschen wie mich in Deutschland keine Möglichkeit eine Schauspielausbildung zu absolvieren.

Nun könnte man sagen, grade in der Filmbranche gibt es ja Quereinsteiger ohne professionelle schauspielerische Bildung. Das stimmt und mag in seltenen Fällen auch auf Menschen mit Behinderung zutreffen und natürlich hat das immer sehr viel mit Glück zu tun. Allerdings gibt es auch hier einen Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Menschen mit Behinderung haben in der Regel auch außerschulisch viel weniger Möglichkeiten, sich auszuprobieren, ihre Talente zu entdecken und zu fördern. Auch das liegt an unserem separierenden Bildungssystem und an den Berührungsängsten, die dies auf beiden Seiten fördert.

Oft gilt es einfach zu erkennen, dass ein Mensch mit Behinderung andere Wege und Möglichkeiten hat, etwas auszudrücken

Zeitgleich gibt es gerade im Theaterbereich immer mehr inklusive Projekte, die auch Menschen mit Behinderung auf die Bühne stellen. Ich formuliere das bewusst so. Viele dieser inklusiven Projekte schreiben sich nämlich keinen Bildungsauftrag auf die Fahnen (oft ist auch kaum schauspiel-didaktische Kompetenz vorhanden), sondern stellen Menschen mit Behinderung einfach auf die Bühne wie sie sind, ohne Schutz und oft scheint es auch niemanden zu interessieren, ob schauspielerisches Können oder Talent vorhanden ist. Es ist eine ausreichende Leistung, dass der Mensch mit Behinderung überhaupt auf der Bühne existieren kann.  Das nimmt den betreffenden Menschen nicht ernst, wird der Kunst nicht gerecht und führt so dazu, den Menschen mit Behinderung auszustellen. Zudem kann so bei Film- und Theatermachern, die professionell arbeiten wollen, auch leicht der Eindruck entstehen, dass Menschen mit Behinderung einfach nicht schauspielern können. Abgesehen davon haben auch Menschen mit Behinderung ein Recht darauf, zu erfahren, welche Talente sie haben und welche nicht!  

Um ein echtes (künstlerisch) inklusives Bildungssystem zu schaffen, sollte man aber auch noch einmal überdenken, welche Fähigkeiten in welcher Form für die betreffende Kunst wirklich unabdingbar sind. Ist es zum Beispiel notwendig, dass der Schauspieler den gesamten Text auswendig kann oder gibt es nicht auch andere Wege? Beim Film könnte man etwa eine Szene in kleine Häppchen zerlegen und im Schnitt noch nachbearbeiten. Oft gilt es einfach zu erkennen, dass ein Mensch mit Behinderung andere Wege und Möglichkeiten hat, etwas auszudrücken, als ein Mensch ohne Behinderung. Es geht also darum, weg von der üblichen Form und den eingefahrenen Sehgewohnheiten hin zum Kern und zur Essenz von (Ausdrucks)fähigkeiten zu gelangen.

Es kann sein, dass die Arbeit mit einem behinderten Schauspieler die Abläufe verändern und verkomplizieren wird. Vielleicht gibt es sogar Behinderungen, die sich nicht mit dem Schauspielberuf vereinbaren lassen. Ich kann ja auch nicht jeden Handwerksberuf ausüben. Aber das herauszufinden, sollte es allen am Kunstwerk Beteiligten wert sein. Denn die Glaubwürdigkeit der Figur mit Behinderung wird ein Darsteller mit Behinderung immer erhöhen, schon weil die Behinderung während der ganzen Arbeit mitgedacht werden muss. Und das kommt dann wieder der Kunst zu Gute!


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