Die Berührbaren

Wo sich Lust und Liebe nicht von selbst ergeben, kann nachgeholfen werden, etwa per Kontaktanzeige oder einem Besuch im Bordell. Oder mit Sexualbegleiterinnen für Menschen mit Behinderung.

Im australischen Dokumentarfilm "Rachels Weg" vermittelt die Sexulassistentin Rachel ihrem Kunden Mark nicht nur Sex, sondern auch Wärme und Zärtlickeit.

Text Sarah Sophie Ehrmann

Wenn Manuela und Luisa* sich treffen, schließt Manuela immer zuerst die Zimmertür ab. Dann legt sie ein erotisches Hörbuch auf. Luisa schaut ihr vom Liegerollstuhl aus zu und wartet, bis Manuela sich zu ihr setzt. „Dann schließt sie die Augen, sagt mir, was sie sich wünscht, und genießt“, erzählt Manuela. Manuela und Luisa sind kein Paar. Die schmale Frau Anfang 30, helle Augen und hellbraunes Haar, arbeitet als Sexualbegleiterin für Frauen und Männer mit Behinderung. Sie nimmt sich Zeit für sie, sie redet, streichelt und stimuliert. Manchmal schläft sie mit den Klienten.

Kennengelernt haben sich die beiden auf einem Erotikwochenende in der Nemitzer Heide vor eineinhalb Jahren, angeboten vom „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (ISBB) in Trebel. Luisa, deren Arme und Beine spastisch gelähmt sind, war damals 23 Jahre alt und wollte endlich mit ihrem Freund schlafen. Manuela assistierte dem Paar. Wenn Luisa sich heute daran erinnert, sagt sie, dass sie eine generelle Unzufriedenheit mit ihrem Sexualleben umtrieb: „Als Manuela mir irgendwann von Selbstbefriedigung erzählte, sagte ich: Das habe ich zwar noch nie gemacht, aber mit deiner Hilfe würde ich es gerne ausprobieren.“ Doch Luisas Hände konnten die gezielten Berührungen nicht ausführen. Die Frauen änderten die Strategie: Nun führt Manuela aus, was Luisa möchte. „Umarmungen spielen eine große Rolle“, sagt Manuela, „gerade die von Frau zu Frau“.

Eine junge Frau ist auf der Suche nach Sexualität, nach Erfüllung, nach Zuneigung und Geborgenheit. Eigentlich etwas ganz Natürliches – wäre die Sexualität von Frauen und Männern mit Behinderung nicht immer noch ein Thema, über das die Gesellschaft nicht wirklich nachzudenken wagt. Nach Angaben des Mikrozensus war im Jahr durchschnittlich jeder neunte Bürger Einwohner Deutschlands schwerbehindert – die Realität vieler ist bis heute ein zäher Kampf um Selbstständigkeit und Selbstbestimmung.

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 hat sich Deutschland verpflichtet, Inklusion umzusetzen. Ein Recht auf Sexualität ist in der Konvention zwar nicht verankert, kann aber indirekt aus dem Recht auf Reproduktion abgeleitet werden. Auch wenn die Tabuisierung dadurch nicht verschwunden ist, so gibt es in Deutschland mittlerweile eine lockere Szene aus Angebot und Nachfrage: von Partys in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, auf denen sich die Bewohner bei Paartanz und Kontaktbörse näherkommen, über therapeutische Erotikworkshops und Sexualbegleiterinnen, bis hin zu Bordellen, die ihr Angebot auf Freier mit Körperbehinderung ausgerichtet haben.

Für Lothar Sandfort, Leiter des ISBB und Ausbilder für Sexualberater und -begleiter, ist dabei eine strikte Unterscheidung wichtig: „Wir stellen das Modell von Prostitution in Frage, wenn der kapitalistische Aspekt im Vordergrund steht“, sagt er. Die Sexualbegleiterinnen am ISBB schließen keine Handlung kategorisch aus, „es gibt aber auch keinen Leistungskatalog, bei dem nach Modulen bezahlt wird“. Abgerechnet wird pauschal, eine Stunde kostet 90 Euro. Ziel sei es, wegzukommen von einer Fixierung auf den Geschlechtsakt, hin zu Sexualität als erotische Erfahrung, sagt Sandfort.

Für viele Menschen mit Behinderung hat der sexuelle Kontakt zu einem Mann oder einer Frau zudem eine weitere Komponente, wie sie selbst erzählen: Es geht um Liebe und Zuneigung, die nicht von den Eltern kommt, und um ein Freischwimmen aus der Überbehütung durch andere.

Kein einfacher Prozess. Doch noch schwieriger gestaltet er sich, wenn die Betroffenen sich nur schwer mitteilen können. Wie der Berliner Sebastian Knorr. Er hat eine laute Stimme, er kann brüllen, tief und kehlig und laut. Doch wer den 42-Jährigen zum ersten Mal trifft, kann ihn dennoch nicht verstehen. Denn Sebastian Knorr kann kein einziges Wort sagen. Eine Sauerstoffunterversorgung während der Geburt führte zu einer spastischen Lähmung. Sein Kopf ist klar – aber sein Verstand dringt nicht nach außen. Nur anhand von Symbolsprachebögen kann er sich verständlich machen. Betreuerin Ute Blume blättert vor seinen Augen die Seiten durch. „Willst du über Arbeit sprechen?“, Sebastian Knorr verkrampft sich. Das ist ein Nein. „Über die Gruppe?“ Er lächelt. Das ist ein Ja. Dann gehen die Fragen weiter, er zeigt Ja oder Nein. Mehr geht nicht. „Wenn die Menschen, die mich behüten und versorgen, ein Thema nicht ansprechen wollen oder können, dann hab' ich auch keine Chance, mich dazu zu äußern.“ Sebastian Knorr hat dies nie so gesagt, sein Satz ist es dennoch. Er hat ihn erarbeitet zusammen mit Betreuerin Ute Blume von der Spastikerhilfe Berlin und sie hat ihn vorgetragen bei einer Fachtagung in München im vergangenen Jahr. Sebastian Knorr war mit auf der Bühne.

Aufgeklärt wurde er nie. Seiner eigenen Sexualität begegnete er erst als junger Mann, als er in eine Einrichtung der Spastikerhilfe zog. „Da wurde ganz offen über das Tabuthema gesprochen“, hat Sebastian Knorr transkribieren lassen, und: „Ich nahm alles mit – Gesprächskreise, Singletreffs, Sex-Picknicks, einfach alles, denn ich war durstig nach diesen verbotenen anrüchigen Dingen.“

Szene aus dem Dokumentatarfilm "Rachels Weg" (2011)

Dort kam er auch in Kontakt mit Sexualbegleitung. Wenn man nach den Stunden mit seiner Sexualbegleiterin fragt, bekommt er einen seligen Blick. Schön seien die, übersetzt Blume. Wenn die Berlinerin kommt, bringt sie Musik mit, lacht mit Sebastian Knorr, massiert ihn, hat Sex mit ihm. Was genau das bedeutet, wissen nur die beiden, denn er erzählt es nicht, und seine Betreuer kommen nicht ins Zimmer, wenn Besuch da ist. Regelmäßig sehe er sie, schreibt Sebastian Knorr, das heißt zweimal im Jahr. „Nicht, weil ich es mir nicht öfter leisten kann, wie viele meiner Betreuer glauben, sondern weil es mir genügt.“

Für ihn stellen die Stunden mit der Sexualassistentin eine Ergänzung dar. Sein wirkliches Leben spielt sich woanders ab: Bei Gülhan, seiner Freundin und Kollegin in der Werkstatt, die ebenso schwer behindert ist, wie er. Unterhalten können sie sich nur, wenn ein Betreuer mit den Symboltafeln hilft. Doch für Sebastian Knorr ist das in Ordnung. „Liebe, Nähe und das Gefühl, zu einem Menschen zu gehören, sind die wichtigsten Dinge in meinem Leben. Ich könnte ohne sie nicht mehr leben“, steht dazu im Protokoll.

Als die Spastikerhilfe Berlin 1992 ein Konzept zum liberalen Umgang mit Sexualität in Wohneinrichtungen herausbrachte, war sie damit Vorreiter in Deutschland. Die Holländerin Nina de Vries, inzwischen eine Ikone der Sexualbegleitung, löste noch zehn Jahre später mit ihrem Ansatz der sinnlichen Berührungen ohne Geschlechtsverkehr für Menschen mit geistiger Behinderung, hitzige Debatten aus. Von möglichem Missbrauch war die Rede, von zu geringen Einkommen in Behindertenwerkstätten, die kaum ausreichen, diese Berührstunden öfter als zweimal im Jahr zu finanzieren. Einige forderten „Sex auf Krankenschein“.

Der Berliner Aktivist Matthias Vernaldi könnte sich stundenlang über diese Idee aufregen. „Damit wird meine Sexualität pathologisiert“, sagt er in seiner Kreuzberger Altbauwohnung, eine blaue Decke über den von Muskelschwund dünn gewordenen Beinen. Der 52-Jährige ist ein kluger Gesprächspartner, aber auch ein Querkopf, der sich nicht darum schert, wenn andere seine Thesen ablehnen. In einer Zeit, in der Sexualität von Menschen mit Behinderung noch nicht als ernstzunehmendes Bedürfnis galt, gründete er eine linke Landkommune. „Dort haben wir die sexuelle Revolution gemacht“, sagt er. „Wir haben Wilhelm Reich gelesen und hatten Sex mit wechselnden Partnern.“

Irgendwann zog Vernaldi nach Berlin, irgendwann war er Single, irgendwann sehnte er sich wieder nach Sex. Irgendwann traf er eine Entscheidung, die ihm nicht leichtgefallen ist: Sex gegen Geld. Er, der evangelische Theologe, der linke Intellektuelle, der Mann mit den hohen Idealen. Er, der Mann im Rollstuhl. „Meine Gefühle siegten über meine Moral“ erinnert er sich mehr als zehn Jahre später und lächelt schief. Doch der Besuch wurde zum Fiasko. Die Blicke. Die Frauen, die sagten, sie gingen nicht mit einem Behinderten mit. Die eine, die mechanisch ihr Programm abspulte. Doch Vernaldi wagte einen neuen Versuch. „Beim zweiten Mal sprang der Funke über – die Hure und ich harmonierten“, sagt er.

Das Edelbordell „Agentur Liberty“ liegt ein wenig versteckt im Stadtteil Schöneberg. Auch hier war Vernaldi öfter Gast, schrieb darüber in Internetforen. Inhaberin Kerstin Berghäuser hat selbst acht Jahre als Prostituierte gearbeitet und hatte dabei immer wieder Freier mit Körperbehinderung – Kleinwüchsige, Blinde, Kriegsveteranen, die ihre Prothese neben dem Bett abstellten. „Man sieht die Behinderung irgendwann nicht mehr, man sieht den Menschen“, sagt Berghäuser. 15 der 50 Frauen im „Liberty“ arbeiten inzwischen auch mit Menschen mit Behinderung.

Als Berghäuser sich selbstständig machte und das Bordell erweiterte, nutzte sie die Barrierefreiheit im ersten Stock und wandte sich auf der Homepage dezidiert an Menschen mit Behinderung. „Die Nachfrage nimmt zu“, sagt sie. Drei- bis viermal pro Woche kommen nun Besucher in die Zimmer, wo die Türen breiter und die Betten niedriger sind und neben dem Whirlpool ein Kran steht. Es funktioniert gut, sagt sie. Und „irgendwie seien sie doch beide Randgruppen, die Prostituierten und die Menschen mit Behinderung.“ Das verbinde.

Frauen kommen selten ins Liberty, Frauen mit Behinderung eigentlich nie. Sexualbegleiterinnen berichten ähnliches. Für Sexualberaterin Patrizia Kubanek, die am ISBB arbeitet, liegt der Grund dafür in der Sache an sich: „Männer sind in ihrem Bedürfnis nach Sexualität eher extrovertiert, fixierter auf den Orgasmus. Frauen sind ganzheitlicher und viel introvertierter.“ Daher würden ihre sexuellen Wünsche und Bedürfnisse auch immer noch häufig ignoriert.

„Doch wir sind auf einem Weg“, sagt Kubanek. Und tatsächlich ist es in vielen Einrichtungen inzwischen so, dass Bewohnerinnen aufgeklärt werden, anstatt präventiv die Antibabypille verordnet zu bekommen. In Broschüren in Leichter Sprache erhalten sie Tipps, wie sie Missbrauch erkennen und sich davor schützen können und was zwischen Paaren in Ordnung ist, wenn beide es wollen. Es gibt Weiterbildungen für Betreuer, um den Wünschen nach Zuneigung und körperlichem Kontakt zu begegnen – und Studien wählen Pubertierende mit Behinderung als Zielgruppe. Doch der Prozess des Umdenkens wird noch viel Zeit benötigen. Und vor allem braucht er eines: eine Gesellschaft, die sich darauf einlässt.

Die Fotos stammen aus dem australischen Dokumentarfilm "Rachels Weg - aus dem Leben einer Sexarbeiterin (Originaltitel "Scarlet Road")

 


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