Immer da, wenn’s brennt

Die zukünftige Finanzierung der Schulsozialarbeit steht in vielen Kommunen auf der Kippe. Für die Schulen eine schlechte Nachricht. Aber was macht die Krisenhelfer eigentlich so wichtig? MENSCHEN. das magazin hat eine von ihnen bei der Arbeit begleitet.
 

Text: Matthias Lauerer
Fotos: Ayse Tasci-Steinebach
 

Es ist Montagmorgen, kurz vor 8 Uhr. Kathrin Stein sitzt auf dem hellen Boden in der Aula der Hans Alfred Keller-Schule in Siegburg bei Bonn. Kinder umarmen sie, schmusen mit ihr. Dann ertönen leise Trommel- und Panflötenklänge aus mannshohen, schwarzen Boxen. Das Zeichen für den Beginn der heutigen Schulversammlung. Seit August 2014 arbeitet Kathrin Stein als Schulsozialarbeiterin hier. 32 der insgesamt 298 Kinder haben eine Behinderung, gut 60 Prozent aller Schüler stammen aus Familien mit Migrationshintergrund.

Gezielte Förderung: Für die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse der Schüler gibt es im Lernstudio passende Angebote.

Schulsozialarbeit vermittelt und begleitet

Kathrin Stein kümmert sich an der Schule um Probleme der Schüler, die zwar im außerschulischen Bereich ihre Wurzeln haben, sich aber täglich im Unterricht und auf dem Pausenhof bemerkbar machen. Manchen fehlen Sprachkenntnisse, Aufmerksamkeit oder Förderung durch die Eltern, andere bringen unterschiedliche Moraleinstellungen mit und dritte erleben häusliche Gewalt. Gemeinsam mit den Lehrern und dem familiären Umfeld der Kinder versucht Kathrin Stein, die Lebens- und Entwicklungsbedingungen der Schüler zu verbessern. Deutschlandweit gibt es nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft etwa Zehntausend Schulsozialarbeiter, viele von ihnen wurden ab 2011 im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepaketes eingestellt.

Der Alltag der 38-jährigen Grafikerin, Medienwissenschaftlerin und Erzieherin lebt von ihrer Kreativität. Ob beim Streitschlichten oder bei der Entwicklung neuer Projekte wie den „Helping Friends“, bei dem die Schüler in den Pausen für Ordnung sorgen – ihre Ideen kommen an.

Ansprechpartnerin zum Anfassen: Für die Schülerinnen und Schüler ist Kathrin Stein immer ansprechbar. Und als Mitspielerin ausgesprochen beliebt.

Gezielte Förderung

Auch zur Inklusion trägt Kathrin Stein an ihrer Schule viel bei. In dem Lernstudio, das sie betreut, steht für jedes Kind das passende Material bereit, je nach Lernziel und vorhandenen Fähigkeiten. Gezielt fördert sie die Kinder dort in Kleingruppen. „Die Inklusion möchte Individualität stärken. Alle Kinder sollen sich in der Gemeinschaft entwickeln. Wenn einige von ihnen in der sozialen und emotionalen Entwicklung Schwierigkeiten haben, erklären wir den anderen Kindern, weshalb sie so oft anecken.“

Kathrin Stein hat Glück: Sie ist unbefristet beim Land Nordrhein-Westfalen angestellt. Viele ihrer Kollegen hangeln sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag oder arbeiten an mehreren, weit voneinander entfernten Schulen. Bis Ende 2013 stellte der Bund die Mittel für die Schulsozialarbeit im Bildungs- und Teilhabepaket bereit. Dann mussten Städte und Kommunen die Bezahlung übernehmen. Die dauerhafte und geregelte Finanzierung der Schulsozialarbeit steht immer noch aus.

Die Schüler entlohnen die Rheinländerin auf ihre Weise. Unlängst umarmte sie ein Kind und rief: „Frau Stein, ich liebe dich.“ Auch ihre Lehrerkollegen schätzen ihre Arbeit. Oft ziehen sie Kathrin Stein bei Problemen mit einem Schüler mit zu Rate.

Alle einbeziehen: Auch Eltern und Geschwister profitieren von den Angeboten der Sozialarbeiterin wie dem gemeinsamen Frühstück.

Die ganze Familie mit im Blick

Die Schulsozialarbeiterin versucht dann, herauszufinden, woher die Schwierigkeiten stammen. Manchmal besucht Kathrin Stein die Kinder auch zu Hause, bespricht dort das Vorgefallene mit den Eltern und schaut, ob sie die Familien unterstützen kann. Diese Arbeit verlangt ihr viel Flexibilität ab, sagt sie. „Kein Tag ähnelt dem anderen.“

Kathrin Stein lädt die Eltern auch in die Schule ein. Ausländischen Müttern bietet sie regelmäßige Treffen bei Croissants und Kaffee, damit sie im Gespräch ihre Deutschkenntnisse trainieren können. Je besser ihr Deutsch, desto besser können sie Schulbriefe verstehen oder bei den Hausaufgaben helfen. Später erkundigt sich Kathrin Stein bei den Frauen, welcher der Söhne und welche der Töchter denn heute beim neuen Nachhilfeangebot vorbeischauen wird. Und ob alle den seitenlangen Fragebogen vollständig verstanden haben, der den schulischen Fortschritt der Kinder abfragt. Manchmal fragen die Mütter sie auch um Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen oder anderen Behördenangelegenheiten.

Der Gong ertönt – und Kathrin Stein geht auf den Schulhof. Sie blickt auf die neben ihr spielenden Kinder und sagt: „Manchmal fühlt es sich an wie bei der Feuerwehr. Immer wenn es brennt, komme ich zum Einsatz.“


Weitere Artikel

Flucht mit Behinderung

Auch Menschen mit Behinderung sind vor dem Bürgerkrieg in der Ukraine auf der Flucht. Sie und ihre Familien stehen vor besonderen Schwierigkeiten.

Reportage aus der Ukraine
Mit viel Fingerspitzengefühl

Filiz Demir ist Medizinische Tastuntersucherin in einer Frauenarztpraxis und blind. Mit ihren geschulten Fingern tastet sie die Brust ab.

Mehr über ihre Arbeit
Viel Luft nach oben

Menschen mit Behinderung können noch immer nicht mit derselben Selbstverständlichkeit unterwegs sein wie Menschen ohne Behinderung.

Wo es hakt

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

MENSCHEN. das magazin

Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF

Noch kein
Geschenk?