Die kunterbunte Schule

Seit 20 Jahren helfen Künstler mit Behinderung in Hamburg-Altona Grundschülern dabei, sich kreativ auszutoben. Und fördern damit die Inklusion im ganzen Stadtteil.

In den 20 Jahren der Zusammenarbeit haben Hunderte Schüler das Atelier der Schlumper besucht – und sich an den Wänden verewigt.

Text: Sara Mously 
Fotos: Anna Thut
 

Horst Wässle und Jonathan sägen Holzstücke zurecht, aus denen sie gemeinsam Pfeil und Bogen bauen wollen.

Das sind ja richtige Künstler!“, sagt der siebenjährige Niko* und schaut zwei Männern über die Schulter, die vor ihren Staffeleien sitzen. Auf den Malkartons vor ihnen entstehen bunte Bilder, auf dem einen wächst gerade ein Turm in die Höhe, lila mit rotem Dach, auf dem anderen entsteht ein Karussell mit Figuren darin. „Das sieht schön aus“, staunt der Junge.

Die Schöpfer der Bilder sind Bernhard Krebs und Horst Wässle. Beide sind Anfang sechzig und gehören der Hamburger Ateliergemeinschaft „Die Schlumper“ an, in der sich im Jahr 1980 künstlerisch begabte Menschen mit Behinderung zusammengeschlossen haben. Aus dem ehemaligen Hobby ist ein Beruf geworden: Die Werke der heute 30 Kreativen sind bei Kunstliebhabern gefragt und erzielen zum Teil beachtliche Preise.

Zeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, fanden die Schlumper im Jahr 1995 und begründeten eine Kooperation mit der Grundschule Chemnitzstraße im Stadtteil Altona. Ein Viertel, in dem seit Jahrzehnten Ausländer und Deutsche zusammenleben, gut betuchte und ärmere Familien, Studenten und Arbeiter. Die Schule Chemnitzstraße heißt heute Louise-Schroeder-Schule und hat sich zu einer inklusiven Ganztagsgrundschule entwickelt. Die Zusammenarbeit mit den Schlumpern ist bis heute ein fester Bestandteil ihres Lehrplans. „Kinder und Menschen mit Behinderung gehen ähnlich an die Materie ran“, sagt Johannes Seebass, der das Projekt „Schule der Schlumper“ koordiniert. „Sie haben keine Angst vor dem weißen Blatt.“

„Es gibt ganz viele Arten von Kunst“, sagt Lena. Heute hat sie schon ein Klecksbild und eine Tonfigur gefertigt, jetzt malt sie noch ein weiteres Bild.

Ganz viele Arten von Kunst

Seine Mitschüler Lena und Jonathan sind derweil mit einem Klecksbild fertig, nun formt Lena ein Herz aus Ton und denkt darüber nach, was Kunst eigentlich ist. „Also, Kunst ist das, was wir eben gemacht haben, mit den Farben durcheinander. Aber auch ein Gemälde ist Kunst, nur anders. Es gibt ganz viele Arten von Kunst.“ Dann vertieft sie sich wieder in ihre Arbeit.

Nicht allen Kindern reichen die Schlumper-Stunden, die im Lehrplan der Louise-Schroeder-Schule stehen. Manche wollen gar nicht mehr aufhören zu malen, zu kneten und zu hämmern. „Wer mag, kann nach Schulschluss wiederkommen“, sagt Seebass. „Manche kommen auch noch Jahre später.“ Geld zahlen die Kinder dafür keines. Viele Familien im Viertel könnten sich kostenpflichtige Kurse überhaupt nicht leisten, erklärt er. Die Schlumper wüssten aus eigener Erfahrung, wie es sei, am Rand der Gesellschaft zu stehen. „Deshalb machen wir dem Stadtteil ein Geschenk, das niemanden ausschließt.“

Bis auf eine Seebass ist freier Künstler und seit der Gründung der Schlumper-Gruppe vor 35 Jahren dabei. Er selbst hat keine Behinderung. Viermal in der Woche holt er die Schülergruppen ab und begleitet sie zum Atelier, wo auf Wänden, Boden und sogar auf den Fensterscheiben bunte Farbspritzer leuchten. Heute kommt ein Teil der Klasse 1E zu Besuch: Niko, der die Malereien bewundert, und sieben seiner Mitschüler. Drei Vormittage werden sie hier arbeiten – mit den Künstlern oder allein.  „Das ergibt sich immer spontan“, so Seebass.

Horst Wässle ist seit 1984 Mitglied der Schlumper und beim Schulprojekt engagiert dabei.

Ein Geschenk für den Stadtteil

Es ist einer der Tage, an dem jeder sein eigenes Ding macht. Im hinteren Teil des Raumes sitzt der 28-jährige Rohullah Kazimi an einer Stickerei. Unter seinen Händen entsteht das berühmte Bild von Marilyn Monroe, bei dem ein Luftstoß den Kleidersaum der Schauspielerin in die Höhe wirbelt. Ein anderer Künstler ist damit beschäftigt, ein Brötchen zu häkeln. „Den Brotkorb habe ich schon fertig“, erklärt er dazu. Auch die Kinder wissen genau, was sie wollen: Niko wünscht sich einen Dolch. „Hast du schon mal gesägt?“, fragt Johannes Seebass. „Mag ich nicht.“ – „Tja, wer einen Dolch haben will, muss auch sägen.“ Das sieht Niko ein und beginnt, die Form auf einem Stück Papier vorzumalen. „Hier ist es viel besser als in der Schule“, findet Niko. „Da müssten wir jetzt Mathe machen.“ Ausnahme: Lehrer haben in der Schule der Schlumper Hausverbot.

* Die Namen der Kinder wurden geändert.


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