„Berührungsängste habe ich schnell verloren“

Antje Löffler, 32, arbeitet eigentlich als Einkäuferin für die Firma Weidling. Beim „Schichtwechsel“ mit der VfJ Werkstatt Neukölln, bei dem sie mit weiteren Kollegen mitgemacht hat, hat sie Fernseher in ihre Einzelteile zerlegt – unter fachkundiger Anleitung.
 

Ich war im Rahmen der Aktion „Schichtwechsel“ zum ersten Mal in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Vorurteile hatte ich keine, Berührungsängste schon ein bisschen: Im Alltag habe ich kaum mit Menschen zu tun, die eine Behinderung haben.

Die VfJ Werkstätten sind einer unserer Lieferanten, deshalb kannte ich ein paar ihrer Produkte. Aber erst vor Ort habe ich gesehen, wie vielseitig ihr Leistungsspektrum ist. Das hat mich wirklich überrascht. Selbst filigranste Arbeiten erledigen die Beschäftigten dort hintereinander weg und prüfen dabei noch jedes einzelne Teil auf Fehler. Das kann man heutzutage nicht von allen Firmen sagen.

Mir ist auch aufgefallen, wie konzentriert sie arbeiten. In unserer Firma sind wir schneller abgelenkt, machen oft viele Dinge gleichzeitig. Die Leute in der Werkstatt sind fokussiert auf das Jetzt, sie arbeiten zügig und sind dabei in ihrer eigenen Welt.

Meine erste Aufgabe war es, Kupferkabel aus der Ummantelung zu befreien. Danach habe ich Fernseher auseinandergebaut. Dabei stand mir ein Kollege aus der Werkstatt zur Seite: Sascha, der das Down-Syndrom hat und seit 21 Jahren bei der VfJ beschäftigt ist. Er hat mir alles super erklärt, war wahnsinnig nett und höflich. Meine Berührungsängste habe ich ganz schnell verloren. Wir haben uns sehr gut unterhalten, uns zusammen gefreut und gelacht. Wenn ich an einer Schraube, die zu fest saß, hängengeblieben bin, hat Sascha sie für mich gelöst. Zum Schluss habe ich ihn in den Arm genommen, weil es so ein schöner Tag war mit ihm.

In der Mittagspause kamen viele zu uns „Schichtwechslern“ an den Tisch und haben uns die Hand gegeben. Sie haben gefragt, wer wir sind, und kurz erzählt, wer sie sind. Das war toll und weitaus offener als sonst in einer Kantine.

Ich würde mir solche Aktionstage häufiger wünschen, um in noch mehr Abteilungen schnuppern zu dürfen. Die Idee hinter „Schichtwechsel“ finde ich super, weil der Austausch wirklich Hemmungen abbaut und uns alle ein Stückchen mehr zusammenbringt.


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