Sichtwechsel erwünscht

In Berlin soll ein neuer Aktionstag Werkstätten für behinderte Menschen und Betriebe zusammenführen: Ortsbesuch beim „Schichtwechsel“.
 

Text: Sarah Schelp
Fotos: Kathrin Harms

Ein Herbstmorgen in Berlin-Neukölln. Auf dem Hof der Firma Weidling fährt ein Kleinbus vor. Zehn Frauen und Männer steigen aus und sehen sich interessiert um. Da tritt Geschäftsführer Christian Weidling aus dem Firmengebäude und begrüßt alle mit Handschlag. Genau eine Schicht lang wird er ihr Chef sein.

Weidlings Betrieb macht an diesem Oktobertag bei der Aktion „Schichtwechsel“ mit: In ganz Berlin tauschen dabei 318 Menschen mit und ohne Behinderung für eine Schicht ihren Arbeitsplatz. 17 Werkstätten für behinderte Menschen und rund 80 Unternehmen, Behörden und Stiftungen nehmen teil. Veranstaltet wird der Aktionstag von der Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e. V. und den Berliner Werkstatträten.

Schichtbeginn: Im Konferenzraum der Firma Weidling werden die Teilnehmer am Morgen begrüßt und ins Programm für den Tag eingeführt.

Werkstattmitarbeiter hospitieren

Die zehn „Schichtwechsler“, die nun über das Werksgelände gehen, sind Beschäftigte der VfJ Werkstatt für behinderte Menschen in Neukölln. Dort hospitieren heute im Gegenzug fünf Mitarbeiter der Firma Weidling. Man kennt sich: Seit knapp 20 Jahren arbeiten die Einrichtung und das Unternehmen zusammen. „Das lief immer sehr gut“, resümiert Christian Weidling.

Vorurteile soll der in diesem Jahr erstmals stattfindende „Schichtwechsel“ abbauen, hoffen die Veranstalter, dabei Einblicke in die Arbeitswelten der jeweils Anderen geben, bestehende und neue Kooperationen fördern. Die Aktion soll auch zeigen: Werkstätten sind besser als ihr Ruf.

Hinter den deutschen Werkstätten liegt in Bezug auf die Öffentlichkeitswirkung ein verheerendes Jahr. Nachdem der Journalist Günter Wallraff Anfang 2017 in einer RTL-Sendung eklatante Missstände im Umgang mit Beschäftigten in Werkstätten der „Lebenshilfe“ aufgedeckt hatte, mussten alle Träger sich mit den Reaktionen auf den Skandal auseinander setzen. Eltern und Betreuer waren schockiert und verunsichert. Kritiker der Werkstatt als solcher kamen vermehrt zu Wort.

Bekleben von Folien: Tanja Birnschein (l.) arbeitet dabei zusammen mit den "Schichtwechslern" Karsten Sandow, Reza Rezai und Sina Schwandke.

"Schutzraum" und "Parallelwelt"?

Doch auch vor Wallraff hatten Werkstätten längst keinen leichten Stand mehr. Ursprünglich als „Schutzraum“ vor dem Leistungsdruck der Gesellschaft etabliert, gelten sie im Zeitalter der Inklusion Vielen als überholt. Das Augenmerk liegt stärker denn je auf der Ablehnung von Parallelwelten und auf der Integration von Menschen mit Behinderung in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Die UN-Behindertenrechtskonvention untermauert zudem den Anspruch auf echte Erwerbstätigkeit.

Beschäftigte in Werkstätten aber sind nicht sozialversicherungspflichtig angestellt, sie erhalten somit auch keinen Lohn, nur ein geringes Entgelt. Gleichwohl es laut Sozialgesetzbuch eine der wichtigsten Aufgaben der Werkstätten ist, „den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu fördern“, ist ihre Vermittlungsquoten verschwindend gering. Dem gesetzlichen Auftrag nach müssten Werkstätten eigentlich daran arbeiten, sich langfristig abzuschaffen. Doch wer tut das schon gerne?

Ein gutes Stück weit ist „Schichtwechsel“ deshalb auch eine Image-Kampagne von und für Werkstätten. Der Protest ließ nicht auf sich warten: „Echte Chancen statt Showeffekte!“ forderte etwa die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben e. V. zum Aktionstag und propagierte neben der Kritik am Fortbestand der Institution Werkstatt das „Budget für Arbeit“, das zum Januar 2018 in Kraft treten soll und sich besonders an Werkstattbeschäftigte richtet: Im Rahmen des Bundesteilhabegesetzes stehen einem Unternehmen dann unter anderem erhebliche Lohnkostenzuschüsse als Minderleistungsausgleich zu, wenn es Menschen mit Behinderung sozialversicherungspflichtig einstellt. Derart umfassende Unterstützung war bislang den Werkstätten vorbehalten.

Angela Wagner machte praktische Erfahrungen beim Verarbeiten von Folien.

Mal was anderes erleben

Inzwischen hat Christian Weidling die Gäste in den Konferenzraum gelotst, stellt die Firma und die Arbeitsplätze vor. Der mittelständische Betrieb ist auf „Industrielle Kennzeichnungen“ spezialisiert. Man bedruckt, fräst und ätzt hier zahlreiche Produkte, von Auto-Blinkern über Display-Folien und Medizintechnik bis hin zu Likörflaschen und Werbegeschenken.

Angela Wagner, 32, eine große Frau mit grau melierten Haaren, hört Weidling aufmerksam zu. „Ich wollte mal etwas anderes erleben“, begründet sie ihre Teilnahme am „Schichtwechsel“. Obwohl sie mit ihrem Job in der Werkstatt sehr zufrieden sei: Sie hilft unter anderem dabei, Infusionssysteme für Krankenhäuser herzustellen.

Werkstätten für behinderte Menschen werden oft reflexhaft mit Kunsthandwerk und Verpackungsarbeiten verbunden, doch hat sich die Produktpalette stetig erweitert und professionalisiert. Vom Bootsbau bis zur Industriemontage, vom IT-Service bis zur Mediengestaltung gibt es zahlreiche Arbeitszweige, die Produkte herstellen oder dem allgemeinen Arbeitsmarkt zuarbeiten. Viele Beschäftigte sind hochqualifiziert in ihrer jeweiligen Nische.

Unter den „Schichtwechslern“ bei der Firma Weidling ist auch Malik Wels, 22. Seit vier Jahren ist er bei den VfJ Werkstätten beschäftigt. Wels macht ebenfalls beim Aktionstag mit, „um etwas Neues kennenzulernen. Eigentlich bin ich in der Gebäudereinigung.“

Er entscheidet sich für den Arbeitsplatz in der Ätzerei der Firma Weidling. Dort zischt und dröhnt es, der Geruch von Lösungsmittel liegt in der Luft. Der Ätzer Michael Trotzinski führt ihm den Ablauf vor. Dann zieht Wels Handschuhe über, setzt die Schutzbrille auf und legt los: Behutsam klaubt er Metallbleche aus einer Wanne mit Spiritus und trocknet sie mit dem Heißluftföhn. Er achtet darauf, die Bleche nicht zu überhitzen, und nimmt zugleich die Gütekontrolle vor – er prüft, ob Verfärbungen auf dem Metall zu sehen sind, die entfernt werden müssen. Trotzinski sagt anerkennend: „Klappt doch! Einmal nur gezeigt, schon kann er’s.“ Wels lächelt und macht weiter.

Am Ende des Arbeitstages wird er herzlich verabschiedet, der Abteilungsleiter notiert sich seinen Namen. „Sieht einfach aus, kann aber nicht jeder“, sagt er, „Malik hat das richtige Gefühl dafür.“

Auch Reiner Peisker und Andreas Kijewfki aus der VfJ Werkstatt übten ungewöhnte Handgriffe ein: Sie packten Gegenstände aus, die später bedruckt wurden.

Außenarbeitsplätze

Zurzeit arbeitet die Firma Weidling mit den VfJ Werkstätten daran, drei Praktikumsplätze im Betrieb zu schaffen. Langfristig könnten daraus Außenarbeitsplätze werden: Am Status der Werkstattbeschäftigten würde sich damit zwar nichts ändern, zumindest aber würden sie vor Ort in der Firma arbeiten gemeinsam mit Kollegen ohne Behinderung.

Die VfJ Werkstätten bieten zurzeit 24 Außenarbeitsplätze in verschiedenen Betrieben an, entstanden auch durch den beachtlichen persönlichen Einsatz von Ani Doyuran, der bislang einzigen „Fachkraft für Inklusion auf den Ersten Arbeitsmarkt“  der VfJ Werkstätten. Gemessen an den rund 660 Beschäftigten erscheint die Anzahl dennoch nur als Tropfen auf dem heißen Stein.

Imke Klocke, Geschäftsführerin der VfJ Werkstätten GmbH, räumt ein, dass in den vergangenen fünf Jahren lediglich vier Beschäftigte den Sprung in eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit geschafft haben. Das liege, sagt sie, zum einen an der behinderungsbedingt geringen Leistungsfähigkeit vieler Beschäftigter, die keinen Mindestlohn erarbeiten könnten, und zum anderen an der mangelnden Bereitschaft der Unternehmen, sich darauf einzulassen, Menschen mit Behinderung einzustellen. Wenn das Budget für Arbeit hier Abhilfe schaffen könne, sei das wünschenswert, sagt Klocke. Obgleich sie Werkstätten weiterhin für unverzichtbar halte. Zu unterstützungsbedürftig seien gerade Menschen mit geistiger Behinderung. Außerdem sei der Wunsch nach Wechsel unter den Beschäftigten eher gering ausgeprägt – aufgrund hoher Identifikation mit dem Werkstattumfeld, wie Klocke betont.

Angela Wagner steht derweil am Schneid-Fräs-Plotter, einer Maschine zum Ausschneiden von Grafiken aus Beschriftungsfolien. Sie passt die Folien für den Zuschnitt ein und startet die große Maschine selbständig. „Es macht richtig Spaß“, sagt sie und strahlt. Aushilfsweise könnte sie sich vorstellen, hier zu arbeiten. „Aber nicht für immer!“ Dazu, erklärt Wagner, fühle sie sich in der Werkstatt viel zu wohl. Ihr Freund arbeitet dort, sie kennt die Wege. In der Firma sei alles sehr verwirrend. Da würde sie sich bloß verlaufen, glaubt sie.

Auch Malik Wels möchte im Moment keinen dauerhaften Wechsel, sondern lieber bei der Gebäudereinigung bleiben. Ansonsten sei die Stadtreinigung sein Traum, sagt er, schon seit der Kindheit: „Ein Praktikum bei der Müllbeseitigung, das wär’s.“


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