Gemeinschaft organisieren

Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, lebt seit zehn Jahren zusammen mit ihrem Mann Klaus Jensen im Trierer Schammatdorf – einem der ältesten integrativen Wohnprojekte in Deutschland. Im Interview spricht sie über das Leben im Dorf und ihre Vision für eine gemeinschaftlichere Zukunft.

Interview Jessika Knauer
Fotos Michael Englert

 

Was ist Ihre schönste Erinnerung aus zehn Jahren Schammatdorf?

Die schönste Erinnerung ist, als ich Ministerpräsidentin wurde. Die Vereidigung war ja im Januar, es war also sehr kalt. Als ich nach Hause kam, saßen die Nachbarn im Laubengang unseres Hofes und haben dort auf mich mit Luftballons und Wunderkerzen gewartet – mitten im Winter, einfach weil sie so stolz waren und mirgratulieren wollten. Das war toll! Solche Ereignisse sind aber auch typisch fürs Dorf.Man erlebt kleine und große Ereignisse auch mit den anderen mit.

 

Wie würden Sie einem Außenstehenden das Leben im Dorf beschreiben?

So bunt und vielfältig die Gesellschaft ist, so bunt und vielfältig ist das Zusammenleben im Schammatdorf. Ganz einfach ausgedrückt: Hier leben Arme und Reiche, Kranke und Gesunde, Behinderte und nicht Behinderte, Familien und Alleinstehende ganz normal zusammen. Dinge wie Herkunft, Krankheiten oder Alter spielen keine Rolle. Das ist das Schöne!

 

Wie ist das Leben im Dorf für Menschen mit Behinderung?

Im Schammatdorf kann man als behinderter Mensch sehr gut leben. Wir haben sehr viele barrierefreie Wohnungen. Und hier ist es eben nicht wichtig, wie man sich fortbewegt, ob man beispielsweise in einem Rollstuhl fährt, das gehört einfach zum Dorf dazu. Es leben auch sehr schwer behinderte Menschen. hier, Menschen die rund um die Uhr durch Pflegedienste betreut werden. Und bei allen geht es darum, selbstbestimmt zu leben, selbständig zuleben und sich die Hilfe, die sie brauchen, zu organisieren.

 

Leben Menschen mit Behinderung in einem Projekt wie dem Schammatdorf nicht trotzdem eher am Rand der Gesellschaft?

Ganz und gar nicht. Es sind nur drei Kilometer bis in die Innenstadt von Trier. Menschen mit Behinderung leben hier ganz normal und selbständig, in einem Dorf mitten in der Stadt und nicht in einer Einrichtung. Sie leben eben gerade nicht am Rand, und das macht das Dorf auch so attraktiv. Menschen mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen haben in unserer Gesellschaft oft nicht die Chance, mittendrin zu leben. Was die Themen Integration und Inklusion betrifft, haben wir inzwischen zwar schon viel erreicht, aber wir müssen noch sehr viel stärker daran arbeiten, dass Menschen mit Behinderung nicht in Einrichtungen leben, sondern in ihren Wohnungen leben können. Ich wünsche mir sehr, dass wir hier größere Fortschritte machen.

 

Was unternehmen Sie als Ministerpräsidentin, um den Menschen genau das zu ermöglichen?

Als Ministerpräsidentin habe ich in meiner Regierungserklärung die Vision formuliert: ‚In jeder Gemeinde ein Wohnprojekt‘. Im Moment haben wir um die 40 in Rheinland-Pfalz. Es ist also noch viel Luft nach oben.

 

Das ist ein hoch gestecktes Ziel, in Rheinland-Pfalz gibt es 2.306 Gemeinden. Wie wollen Sie erreichen, dass diese Vision Realität wird?

Wir haben in Rheinland-Pfalz eine Beratungsstruktur für gemeinschaftliche Wohnprojekte aufgebaut. Menschen, die sich zusammen tun und zusammen leben wollen, bekommen auf Wunsch eine intensive Beratung. Dabei geht es um Fragen wie ‚WelcheSchritte sind nötig, um ein Wohnprojekt zu realisieren?‘,‚Wie können Modelle aussehen?‘oder ‚Welche Möglichkeiten zur Finanzierung gibt es?‘. Für die Menschen, die wenig Geld haben, haben wir ein eigenes Landesprogramm aufgelegt, mit dem wir gemeinschaftliches Wohnen fördern.Wenn Bauträger ein Projekt umsetzen möchten und Gemeinschaftsräume schaffen, gibt es die Möglichkeit der Finanzierung.

 

Warum sind Wohnprojekte Ihrer Meinung nach so wichtig?

Die Herausforderung unserer Zeit ist der demografische Wandel. Es wird immer mehr und sehr viel ältere Menschen in der Gesellschaft geben, und wir müssen uns damit beschäftigen, wie wir den damit verbundenen Wandel gut gestalten können. Die meisten Menschen wollen in ihren vertrauten vier Wänden alt werden, sie wollen aber nicht unbedingt allein leben, beispielsweise wenn der Partner verstorben ist oder die Kinder aus dem Haus sind. Wir müssen also die Voraussetzungen für Gemeinschaft schaffen. Es geht darum, individuell und selbstbestimmt leben zu können und gleichzeitig eine Gemeinschaft zuhaben, auf die man sich verlassen kann, die zwar nicht professionelle Hilfe ersetzt, aber eben Dinge bietet, die unser Leben lebenswert machen.

 

Welche Eigenschaften sollte ein Mensch mitbringen, der in solch einem Projekt wohnen möchte?

Man muss bereit sein, in einer aktiven Gemeinschaft zu leben. Und es ist eine Grundvoraussetzung, dass einem der Nachbar nicht egal ist. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass bei meiner Nachbarin den ganzen Tag über die Rollläden geschlossen sind, dann klingele ich einfach mal und frage nach, ob alles in Ordnung ist. Man sollte auch die Bereitschaft mitbringen, Unterstützung im Alltag zu leisten, zum Beispiel die Blumen zu gießen, wenn jemand im Urlaub ist oder gemeinsam den Hof auf Vordermann zu bringen. Es muss ein Geben und Nehmen sein, damit es gut funktioniert.

 

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft im Schammatdorf vor?

Für mich ist ganz klar, dass ich hier alt werden möchte. Das Schammatdorf ist für mich und meinen Mann Heimat.


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