Wo anders normal ist

Text Jessika Knauer

Fotos Michael Englert

Seit ihrer Wahl zur Ministerpräsidentin hat nicht nur sie, sondern auch ihr Zuhause Berühmtheit erlangt. Malu Dreyer wohnt im Schammatdorf, einem Wohnprojekt in Trier.
 

Sarja Herres (rechts), Wulf Werbelow (links) und andere Bewohner beim Kochen im Schammatdorfzentrum.

Etwas versteckt und unscheinbar liegt es hinter der Abtei Sankt Matthias im Süden von Trier. Nur das große, rostbraune Schild am Eingang zeigt, dass man sich nicht in einer normalen Wohnsiedlung befindet. Darauf: menschliche Silhouetten, die so bunt und vielfältig sind wie die Bewohner. Im Trierer Schammatdorf wohnen junge und alte Menschen, Familien und Singles, Menschen mit und ohne Behinderung in einer aktiven Nachbarschaft zusammen. Mittendrin Malu Dreyer. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin wohnt hier seit über zehn Jahren. Damals zog sie zu ihrem Mann, dem Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen, und seinen Kindern ins Dorf. „Die Entscheidung fiel mir sehr leicht. Mein Mann war ja Witwer, und die Kinder gingen noch in die Schule. Die Frage des Wohnsitzes stellte sich also gar nicht“, erzählt sie. „Außerdem war das ideale Leben für mich schon immer, in solch einer Gemeinschaft zu leben. Deshalb war es auch sehr schön, als klar war, ich ziehe hierher.“

Das Schammatdorf ist eines der ältesten gemeinschaftlichen Wohnprojekte in Deutschland und eines der ersten, das einen inklusiven Ansatz verfolgt. Es entstand Ende der 1970er-Jahre auf dem Gelände des Benediktinerklosters. Die Idee zum Projekt kam von den Mönchen selbst. Planung und Bau des Dorfes erfolgten in Zusammenarbeit mit dem Sozialdezernat der Stadt und der Wohnungsbau und Treuhand AG.

Heute wohnen dort, wo früher nur Felder und Wiesen waren, etwa 260 Menschen und leben das gemeinsame Credo einer aktiven Nachbarschaft. Die 144 Wohnungen des Dorfs sind auf elf Höfe verteilt und so angeordnet, dass die Menschen einfach miteinander in Kontakt kommen. „Das nennt man kommunikationsfördernde Architektur“, erklärt Sarja Herres. Die Sozialpädagogin ist die sogenannte Kleine Bürgermeisterin des Dorfs und sorgt dafür, dass das Gemeinschaftliche nicht abreißt. Sie plant und organisiert Aktivitäten, hilft den Bewohnern bei Problemen und schlichtet bei Streit. „Wie genau das Leben im Dorf aussieht, hängt von den Interessen und vom Engagement der Einzelnen ab“, sagt sie und betont: „Das Gemeinsame ist kein Zwang. Jeder beteiligt sich, wie er möchte und kann.“

Ministerpräsidentin Malu Dreyer am Eingang zum Schammatdorf

Gemeinsam statt einsam

Aktiv – das reicht im Schammatdorf also vom kurzen Plausch auf dem Laubengang bis zu gemeinsamen Festen und Ausflügen. „Das Schöne aber ist, dass einem der Nachbar nicht egal ist, sondern dass man sich wirklich um den Menschen sorgt und überlegt, wie man das Leben in so einem kleinen Dorf mitgestalten kann“, sagt Malu Dreyer. Für die 52-Jährige, die wegen ihrer Multiple-Sklerose-Erkrankung zeitweise einen Rollstuhl nutzt, sind integrative Wohnprojekte ein klares Zukunftsthema. In ihrer Regierungserklärung beschreibt sie ihre Vision, in jeder der 2.306 Kommunen in Rheinland-Pfalz ein gemeinschaftliches Wohnprojekt zu schaffen, in dem Menschen unterschiedlichster Couleur zusammenleben.

„Gemeinschaftliches Wohnen interessiert viele Leute, vor allem ältere. Mit 60 oder 65 Jahren hat man noch einmal eine andere Vorstellung davon, wie man im Alter leben möchte. Im Schammatdorf wohnen zum Beispiel auch Menschen, die gar nicht aus Trier kommen und die sich ganz bewusst für diese Lebensform entschieden haben“, sagt sie und meint damit unter anderem Wulf Werbelow, der aus demselben Ort stammt wie sie und dem sie nach 30 Jahren bei einem der traditionellen Gemeinschaftsessen im Schammatdorfzentrum zufällig über den Weg lief.

Wohnhof mit gemeinsamem Aufzug

2005 tauschte der 75-Jährige sein Haus in Neustadt an der Weinstraße gegen eine Wohnung im Trierer Wohnprojekt. „Ich habe mich schon lange für solche Projekte interessiert, aber ich konnte meine Frau nie davon überzeugen. Nach ihrem Tod habe ich mich dann hier um eine Wohnung beworben“, erzählt er. Er hatte Glück. Kurz nach seiner Bewerbung erfuhr er, dass ein Dorfbewohner ein Haus suchte. So kam es zum fliegenden Wechsel. Vor der endgültigen Zusage musste er sich aber noch beim damaligen Kleinen Bürgermeister vorstellen – das ist Pflicht für jeden, der im Schammat­dorf leben möchte. Und das aus gutem Grund. „Menschen, die das Schammatdorf nicht kennen, haben oft eine falsche Vorstellung vom Leben hier. Über das Dorf zu lesen und es selber zu sehen und zu ‚fühlen‘, sind zwei verschiedene Dinge“, so Sarja Herres.

Wulf Werbelows Vorstellungen wurden nicht enttäuscht, sondern eher übertroffen. „Am Anfang dachte ich, dass ich den Menschen hier etwas geben kann, etwas für die Gemeinschaft tun kann.“ Mit der Zeit aber wurde ihm bewusst, dass er selbst viel mehr lernt – auch in Sachen integratives Zusammenleben. „Ich wusste früher zum Beispiel nicht, wie man mit Behinderten umgeht. Das habe ich erst hier gelernt und gemerkt, dass es ganz normale Menschen sind. Und manche kann man leiden und andere eben nicht“, sagt er und lacht. Diesen normalen Umgang miteinander weiß auch Malu Dreyer zu schätzen. Sie sagt: „Das merkt man vor allem bei Kindern, die hier aufgewachsen sind. Die haben dieses Fremdeln nicht, sondern einen ganz ungezwungenen Umgang mit Menschen mit Behinderung. Das ist das Schöne hier!“


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