Ultraleicht

Piloten müssen kerngesund sein, heißt es immer. Dass sie auch im Rollstuhl sitzen oder das Flugzeug mit nur einem Arm sicher starten und landen können, zeigen die Mitglieder des Vereins „Die Rolliflieger“.
 

Text Saskia Kaufhold

Michael Amtmann, der Vorsitzende des Vereins Rolliflieger e.V., war seinerzeit einer der Ersten in Deutschland, der als Rollifahrer einen Pilotenschein machen durfte.

Jahrelang hat sich Michael Amtmann dafür eingesetzt, endlich selbst ein Flugzeug fliegen zu dürfen. Als der jetzt 66-Jährige vor einigen Jahrzehnten seinen Flugschein machen wollte, waren Flugschulen, Ärzte und Behörden nicht auf Menschen mit Behinderung eingestellt. Denn: Michael Amtmann ist von der Körpermitte abwärts gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Dank seiner Beharrlichkeit und seinem Engagement hat er es aber dennoch geschafft und unterstützt mittlerweile andere Menschen mit Behinderung bei dem Wunsch, Pilot zu werden. Er ist der Vorsitzende des Vereins „Die Rolliflieger“. Dieser vernetzt Piloten und Interessierte mit Behinderung in ganz Deutschland, gibt Informationen und Kontaktdaten weiter und unterstützt verschiedene Flugschulen. Auf dem Weg zur Inklusion bei der Pilotenausbildung und dem Fliegen mit Behinderung müssen einige Dinge beachtet werden, zum Beispiel die Modifizierung von Flugzeugen.

Ultraleichtflugzeuge sehr beliebt

Neben Motor- und Segelflugzeugen besteht auch die Möglichkeit, mit Ultraleichtmaschinen, Drachen oder Gleitschirmen zu fliegen. „Motorflieger und Segelflieger gibt es nach unseren Kenntnissen nur wenige in Deutschland. Die Zahl der Ultraleichtflieger ist allerdings in den letzten Jahren so stark angestiegen, dass uns keine genauen Zahlen vorliegen. Viele Menschen mit Behinderung finden so mittlerweile ihren Weg zum Flugschein“, erläutert Michael Amtmann. Ultraleichtflugzeuge eignen sich gut für verschiedene Anpassungen und sind daher ideal für viele Menschen mit Behinderung. „Es ist auch dank der ‚Rolliflieger’ so, dass es immer mehr Piloten mit Behinderung gibt“, erklärt Heinz Streit. Der 62-Jährige hat bei einem Unfall seinen linken Arm verloren und kann seither auch sein linkes Bein nur eingeschränkt bewegen. Seit dieser Zeit interessiert er sich für das Fliegen und ist seit nun fast 30 Jahren als Hobbypilot aktiv.

Das Cockpit der Maschine, mit der Michael Amtmann flog, mussten angepasst werden: beispielsweise mit einem Hebel, um die Fußpadale per Hand zu bedienen.

Maschinen nach Maß

Egal, für welche Maschine man sich letztendlich entscheidet: Umgebaut und angepasst werden muss diese in nahezu allen Fällen. Heinz Streit musste daher eine Lösung finden, wie er das Flugzeug selbst fahren, steuern und fliegen konnte – nur mit dem rechten Arm. Dafür hat er das Gaspedal mit einem speziell angefertigten Hebel versehen, durch den er das Pedal mit seiner Hand regulieren kann. „Für Menschen, die eine Gehbehinderung haben oder im Rollstuhl sitzen, gibt es mittlerweile viele vorgefertigte Umbauten, die einfach in die Maschine eingebaut werden können. Das ist je nach Flugzeug etwas kostspieliger, aber es gibt einige Vereine, die dafür gern Geld in die Hand nehmen“, erklärt Heinz Streit.

Piloten mit Sinnesbehinderungen sind dagegen in Deutschland noch relativ selten. Frankreich ist da schon weiter: Menschen mit einer Sehbehinderung können dort mit Assistenz selbst fliegen. Was außerhalb Deutschlands in der Fliegerszene passiert, hat Michael Amtmann immer im Blick. „Gerade nach Frankreich und England, aber auch in die USA haben wir viele Kontakte.“

Erfinderisch: Fußgänger schieben ihre Maschine von der Parkposition weg. Amtmann nutzte einen Scooter.

Größte Hürde: der Gesundheitscheck

Allerdings war es nicht die Wahl der Maschine, die Heinz Streit – und vielen anderen Piloten mit Behinderung auch – die meisten Probleme bereitete, sondern der Erhalt des sogenannten Medicals, des ärztlichen Tauglichkeitszeugnisses. „Der Status war damals: Wenn eine Gliedmaße fehlt, gibt es kein Medical“, erklärt Heinz Streit. Er ging deshalb einen etwas ungewöhnlichen Weg: Trotz „Untauglichkeit“ nahm er weiter Flugstunden, zeigte den verschiedenen Instanzen so, dass er fliegen kann, und bekam letztendlich sein Medical. „Mittlerweile ist es für Menschen mit Behinderung bedeutend einfacher, ein Medical zu bekommen“, so Streit. Fliegerärzte seien aufgeklärter und die gesetzlichen Regelungen angepasster. Trotzdem: Bei jedem Menschen wird die Tauglichkeit individuell entschieden. „Ein bisschen Geduld ist also notwendig“, fügt Streit hinzu. Die richtige Maschine, eine technische Anpassung, das ärztliche Tauglichkeitszeugnis – es gibt immer noch einige Barrieren für Menschen mit Behinderung auf dem Weg zum selbstständigen Fliegen. „Das Fliegen mit Behinderung wird auch immer eine Besonderheit bleiben“, weiß Heinz Streit. Menschen mit Behinderung, die genau diesen Traum verfolgen, rät er deshalb: „Immer beharrlich bleiben und weiter an den dicken Brettern bohren.“


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