Ein Rechenzentrum als Integrationsbetrieb

Bei Akquinet, einem international tätigen IT-Beratungsunternehmen aus Hamburg, arbeiten hochqualifizierte Fachleute. Dass knapp die Hälfte von ihnen eine schwere Behinderung haben, behindert weder ihre professionelle Arbeit noch den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens.
 

Jens Ehlers, Geschäftsführer von Akquinet, in seinem unterirdischen Reich.

Text: Thomas Röbke
Fotos: Odile Hain

Tausende Leuchtdioden-Gewitter gehen gleichzeitig hinter den Gittertüren der schwarzen, dicht an dicht stehenden Schränke nieder: Die videorecordergroßen Server laufen auf Hochtouren, laden frische Daten auf ihre Festplatten, leiten sie weiter, gleichen sie mit den Sicherungskopien ab und überschreiben alte Informationen. Ihre Betriebsgeräusche vermischen sich mit dem lauten Rauschen der Klimaanlage, die kalte Luft durch die vergitterten Fußbodenschächte in den Raum bläst: Um keinen Preis dürfen die Server überhitzen.

Willkommen im Rechenzentrum. Einem von zweien unter dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg. Das jüngere von beiden wurde 2013 in Betrieb genommenen, das ältere 2005. Es sind unter anderem Versicherungen, Logistikunternehmen, Autohändler und die Evangelische Stiftung Alsterdorf selbst, die hier auf die Sicherheit ihrer Daten vertrauen. Auch die Steuerdaten der Hamburger liegen irgendwo in den schwarzen Stahlschränken unter Hamburg-Alsterdorf.

Der Zugang ist nach der höchstmöglichen Stufe der Betriebssicherheit zertifiziert. Betreiber der vier Rechenzentren ist Akquinet, ein international tätiges IT-Beratungsunternehmen aus Hamburg.

Jens Lindemann
 

30 von 70 Mitarbeitern sind behindert

Über ihr Tochterunternehmen Akquinet Outsourcing führt sie die Rechenzentren als Integrationsbetriebe und stellt gezielt Menschen mit Behinderung ein: Derzeit sind es 30 der knapp 70 Mitarbeiter. So wie Jens Lindemann. Der 35-Jährige arbeitet im Service Management, er und sein Team sind für die Kunden die ersten Ansprechpartner in allen organisatorischen und kaufmännischen Fragen. Der gelernte Informatik-Kaufmann wechselte zunächst in den sozialen Bereich und begann ein Sozialpädagogik-Studium, bevor es ihn wieder in die Welt der IT verschlug. Offiziell wurde er bei seinen Bewerbungen nie wegen seiner Sehbehinderung abgelehnt. Inwieweit sie eine Rolle spielte, darüber kann Lindemann deshalb nur spekulieren. Bei Akquinet bekam er sofort eine Zusage. Seit zweieinhalb Jahren ist er nun mit an Bord. Sein wichtigstes Hilfsmittel ist ein Vergrößerungsgerät für den Bildschirm. Mit dessen Unterstützung kann er die Kunden am Telefon genauso gut und schnell beraten wie die Kollegen ohne Sehbehinderung.  

Die Evangelische Stiftung Alsterdorf ist an der 2004 gegründeten gemeinnützigen GmbH mit 25,1 Prozent beteiligt. Jens Ehlers, Geschäftsführer der Akquinet Outsourcing, erzählt: „Anlass für die Gründung war, dass die Stiftung ihren IT Betrieb professionalisieren musste und mit der Auslagerung die Chance sah, hochqualifizierte Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap zu schaffen. Gleichzeitig konnte sie sich auf die eigene Kernkompetenz, die Betreuung von Menschen, konzentrieren."

Bei der Suche nach dem geeigneten Partner dafür kamen sie auf Norbert Frank, einen der Akquinet-Gründer. Er ist heute Aufsichtsratsvorsitzender der Firma und sagt schlicht: „Ich hatte Glück im Leben und wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben.“ So wurde der Rechenzentrenbetreiber Akquinet-Outsourcing als Non-Profit-Unternehmen gegründet und ist trotz höherer Personalkosten wettbewerbsfähig, weil niemand eine Renditemaximierung fordert. „Wir waren von Anfang an wirtschaftlich erfolgreich und expandieren weiterhin“, betont Geschäftsführer Ehlers. Er weiß auch: „Als Integrationsbetrieb kriegen Sie nichts geschenkt. Unsere Kunden erwarten von uns die gleiche Leistung wie von den Mitbewerbern.“

Oliver Zietz
 

IT Experte mit Multipler Sklerose

Seit Anfang 2005 ist Oliver Zietz dabei, „in verschiedenen Positionen und auch Leitungsfunktionen“, wie er sagt. Im sogenannten Desktop Service betreut er mit sieben Kollegen die Hardware bei den Kunden, die entsprechende Verträge abgeschlossen haben – wie die Evangelische Stiftung Alsterdorf.

Gibt es Rechnerprobleme, die sich nicht telefonisch oder durch „Aufschalten“ auf das betroffene Gerät lösen lassen, „leisten wir Turnschuh-Support und suchen den Kunden auf“. Der 41-Jährige hatte sich sechs Jahre bei der Marine verpflichtet, erkrankte dann an Multipler Sklerose und machte eine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann. Seinen Schwerbehindertenausweis (50 Prozent) empfand er als Hindernis bei der Jobsuche. Seine Erfahrung: „Die Arbeitgeber haben Angst vor der höheren Zahl an Krankheitstagen.“ Auch wenn man ihm die Krankheit nicht ansieht, hat er mit Müdigkeit und Taubheitsgefühlen zu kämpfen: „Dadurch habe ich mehr Fehltage als der Durchschnittsarbeitnehmer. Aber ich muss mich hier nicht dafür rechtfertigen.“

Bunter als andere Unternehmen

Dafür, dass im Serverraum des Rechenzentrums alles richtig verkabelt ist und jedes Gerät an seinem Platz steht, sorgt Danilo Simon. Wegen seiner starken Kurzsichtigkeit ist der 32-Jährige zu 50 Prozent schwerbehindert.

Danilo Simon

Nach seiner Ausbildung am Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte in Chemnitz hat er bei Akquinet angefangen. Auch wenn neue Kunden mit ihrer IT ins Rechenzentrum umziehen, ist es Simons Job, sich darum zu kümmern. Von seiner Sehbehinderung fühlt er sich im Arbeitsalltag nicht beeinträchtigt – seine Leistung steht der eines Nicht-Sehbehinderten in nichts nach.

Mit der hohen Quote von Menschen mit Behinderung habe Akquinet überwiegend positive Erfahrungen gemacht, betont Geschäftsführer Jens Ehlers: „Es ist bunter, die Bereitschaft und Offenheit sind da, um die Handicaps zu kompensieren. Und das unterscheidet Akquinet von vielen anderen IT-Unternehmen.“ Zwar seien die durchschnittlichen Fehlzeiten und der Krankenstand höher: „Wenn das geballt auftritt, führt das zu einer Mehrbelastung beim Rest der Mannschaft, die dann auch anstrengend werden kann. Um das zu vermeiden, planen wir immer eine gewisse Reservekapazität ein.“ Am Ende sei der Standortvorteil entscheidend: „Wir sprechen deutsch und sitzen nicht irgendwo im Ausland. Wichtig ist doch, dass ein Kunde eine hilfreiche Antwort bekommt. Ob von jemandem mit oder ohne Handicap, das spielt keine Rolle.“


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