"Nicht der Test ist das Problem, sondern der Umgang damit"

Thomas Meyer

Dr. Andreas Hagen, Pränatalmediziner in einem Zentrum für Pränataldiagnostik und Humangenetik in Berlin

"Es gibt klare Vorgaben dafür, wann der Test bei uns gemacht wird: nur bei Auffälligkeiten im Ersttrimester-Screening.  Ein unauffälliger PraenaTest ist keine Garantie für ein gesundes Kind. Ein auffälliger Test muss immer durch eine Fruchtwasseruntersuchung bestätigt werden. Das müssen Paare verstanden haben, bevor sie 1.300 Euro dafür ausgeben. Weil es in Deutschland zum Glück das Selbstbestimmungsrecht der Frau gibt, kann eine Schwangere die Entscheidung für oder gegen ein Kind mit Trisomie schon länger treffen. Jährlich gibt es viele Schwangerschaften, die durch Fruchtwasseruntersuchungen verloren gehen, obwohl das Ungeborene gesund war. Warum also sollte ich einer Frau mit einem hohen Risiko für eine Trisomie einen risikoarmen Bluttest verwehren?

Meiner Meinung nach ist nicht der Test das Problem, sondern der gesellschaftliche Umgang damit. Es herrscht die Auffassung, durch einen unkomplizierten Test steige bei Frauen die Leichtfertigkeit, eine Schwangerschaft zu beenden. Die Erfahrung, die ich persönlich gemacht habe, ist aber, dass Schwangere sich mit dieser Entscheidung sehr schwer tun und jedes Risiko für das Ungeborene vermeiden wollen. Es kann sein, dass der PraenaTest die Hemmschwelle zur Diagnostik herabsetzen wird, vor allem, wenn die Kosten sinken oder von der Krankenkasse übernommen werden sollten. Letztendlich besteht auch die Gefahr, dass er irgendwann in der breiten Masse Anwendung findet.

Hier ist der Gesetzgeber gefragt: Der PraenaTest sollte nur von Schwangeren mit hohem Risiko angewendet werden dürfen, die sonst auf eine Fruchtwasseruntersuchung angewiesen wären. Er sollte nur mit obligatorischer Beratung vorher und nachher durchgeführt und nur von Praxen und Zentren angeboten werden dürfen, die über weitreichende Erfahrung in der Pränataldiagnostik und über die Qualifikation zur genetischen Beratung verfügen.

Die meisten Eltern sind mit einem auffälligen Befund im Ersttrimester-Screening überfordert. Als Arzt trete ich dann auf die Bremse, rate ihnen, alles zu überschlafen und noch einmal zu einer genetischen Beratung in unser Zentrum zu kommen. Wir empfehlen immer auch eine psychosoziale Beratung. Die Erfahrung zeigt, dass es Eltern hilft, jemanden zu haben, mit dem sie einfach nur reden können, ohne mit Ultraschallbildern und Zahlen konfrontiert zu werden. Mir als Pränatalmediziner ist es vor allem wichtig, dass ich nachvollziehen kann, dass eine Frau genau verstanden hat, worum es geht und die Prognose des Kindes einschätzen kann. Es kommt darauf an, keine überstürzten Entscheidungen zu treffen, sondern die Eltern so vielfältig wie möglich zu informieren.

Wenn ich dann erkennen kann, dass die Frau weiß, wie es steht und sich für einen Abbruch entscheidet, kann ich das mittragen. Ich habe nicht das Recht – das hat auch nicht die Kirche oder die Politik –, darüber zu entscheiden. Die Frau und ihr Partner müssen mit diesem Kind leben, nicht wir anderen. Wir vermitteln betroffenen Eltern mit einem auffälligen Befund beim Ungeborenen auch den Kontakt zu Familien, die Kinder mit dem jeweiligen Krankheitsbild haben. Daraufhin gibt es immer wieder werdende Eltern, die sagen: „Wir schaffen das doch, wir bekommen dieses Kind.“ Das ist dann auch für mich schön zu sehen."

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