Ein risikofreies Verfahren?

Thomas Meyer, MENSCHEN. das magazin

Profesor Jeanne Nicklas-Faust ist Ärztin und Bundesgeschäftsführerin der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V., Berlin

"Ich stehe der Pränataldiagnostik kritisch gegenüber, weil sie die Machbarkeit eines gesunden Kindes suggeriert und auf die gezielte Suche nach Behinderungen setzt. Dabei verbreitet sie bei vielen Frauen mit unklaren Befunden Angst, ohne dass es dafür einen Grund gibt. Auch fehlt eine angemessene Aufklärung über das Leben mit einem behinderten Kind, das zwar anstrengend, aber sonst ganz normal und glücklich sein kann.

Ich nehme zwei Trends wahr. Auf der einen Seite den PraenaTest, aus meiner Sicht der Weg zu einer selbstverständlichen und flächendeckenden Pränataldiagnostik. Auf der anderen Seite eine kritische Auseinandersetzung, in deren Rahmen Eltern sich gegen Pränataldiagnostik oder auch bewusst für ein Kind mit Behinderung entscheiden. Trotzdem ist es für Familien mit behinderten Kindern Realität, dass sie gefragt werden: Habt ihr das nicht vorher gewusst? Wobei mitschwingt: Dann hättet ihr es wohl nicht bekommen! Darin zeigt sich eine massive Gefährdung der Wertschätzung behinderter Menschen.

Als Mutter einer schwerbehinderten Tochter möchte ich niemanden verurteilen. Ich weiß nicht, wie ich mit der Diagnose einer Behinderung umgegangen wäre: Als im Ultraschall eine Auffälligkeit bei meiner Tochter gefunden wurde, war ich ratlos. Letztlich zeigte sich die Entwicklungsverzögerung dann doch erst nach der Geburt.

Das Hauptproblem ist, dass viele Frauen in den Strudel der Pränataldiagnostik geraten, ohne eine bewusste Entscheidung dafür gefällt zu haben und über das Recht auf Nichtwissen aufgeklärt worden zu sein. Die aktuelle Praxis führt so immer wieder auch dazu, dass Frauen Kinder mit Down-Syndrom abtreiben und sich hinterher fragen, ob das richtig für sie war. Das finde ich schlimm. Wenn eine Frau eine Abtreibung haben möchte und der Arzt es mitträgt, sollte die Entscheidung so sein, dass sie langfristig gut damit leben kann.

Der Vorteil des PraenaTests liegt darin, dass die Zahl der Fehlgeburten reduziert wird und Frauen früh in der Schwangerschaft erfahren, ob sie ein behindertes Kind haben werden. Was ich bitter finde, ist, dass der Test sich mit dem Down-Syndrom zurzeit hauptsächlich auf eine Behinderung auswirkt, die sowohl der Mensch, der damit lebt, als auch seine Familie in der Regel als sehr positiv erleben. Es wird oft davon gesprochen, dass der PraenaTest ein risikofreies Verfahren sei. Für Mütter und nichtbetroffene Kinder vielleicht – für Kinder mit Down-Syndrom ist es ein Hochrisiko-Verfahren. Dabei habe ich Verständnis, wenn man sich ein Leben mit einem Kind mit Down-Syndrom nicht vorstellen kann. Aber dafür gibt es auch andere Lösungen, über die oft gar nicht gesprochen wird. Man kann das Kind zum Beispiel bekommen und in eine Pflegefamilie geben.

Behinderung ist per se nichts Wünschenswertes, aber sie ist eine Form menschlichen Lebens. Wenn ich versuche, diese Form auszuschließen, verändere ich etwas – auch im Eltern-Kind-Verhältnis. Wenn ich das Gefühl habe, ich könne mir ein Kind aussuchen, ist die Unbedingtheit der Annahme weg. Wir Menschen brauchen aber genau das: akzeptiert zu werden, wie auch immer wir sind.

Wenn man als Eltern eine auffällige Diagnose beim Ungeborenen erhält, ist der Blick erstmal sehr eingeschränkt. Es ist wichtig, sich dann Zeit zu geben und den Horizont wieder zu weiten. So ist die Chance am größten, dass man zu einer Entscheidung kommt, mit der man sein Leben lang gut umgehen können wird."


Die Pharma-Vertreterin

"Es ist unser Ziel, dass wir eine risikoarme Mathode anbieten. Der Test ist aber keine Entscheidungshilfe für oder gegen die Fortsetzung einer Schwangerschaft."

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Der Arzt

"Der PraenaTest sollte nur von Schwangeren mit hohem Risiko angewendet werden dürfen, die sonst auf eine Fruchtwasseruntersuchung angewiesen wären."

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Die Beraterin

"Die Hürde, den PraenaTest zu machen, ist viel niedriger als bei der Fruchtwasseruntersuchung. Ich fürchte, dass dadurch der Druck auf die Eltern wächst, alle diagnostischen Mittel zu nutzen."

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