Barrierefrei im Netz

„Kompliziertes einfach machen“ könnte das Motto des PIKSL-Labors lauten. Menschen mit Lernbehinderung betätigen sich als Experten, um digitale Produkte und Dienstleistungen zugänglicher zu machen. Davon profitieren auch Menschen ohne Behinderung.

Piksl

Die PIKSL-Laboranten führen auch Schulungen durch, zum Beispiel für Senioren.

Text: Domingos de Oliveira

Mit seinen stylischen Möbeln und den vielen Computern sieht das Düsseldorfer PIKSL-Labor aus wie ein schickes Internetcafé. Durch die Schaufenster kann man hereinschauen. „Wir wollen die Passanten neugierig machen“, sagt der Leiter des Labors, Benjamin Freese. „Sie können einfach reinkommen, sich mit den Leuten unterhalten oder eine Runde an der Spielkonsole zocken.“ Ganz nebenbei kommen sie so in Kontakt mit Menschen mit Behinderung und erfahren etwas über Barrierefreiheit.

Stefan Hirsch

Erfahrener Laborant: Christoph Wiche hat Spaß daran, anderen etwas beizubringen.

PIKSL steht für „Personenzentrierte Interaktion und Kommunikation für mehr Selbstbestimmung im Leben“. Träger ist die „In der Gemeinde Leben gGmbH“. Die Organisation bietet ambulante und stationäre Wohnplätze für Menschen mit Lern-und Mehrfachbehinderung. Früher hatten ihre Klienten mit Lernbehinderung praktisch keinen Zugang zu digitaler Technik und zum Internet. Aus der Not machte das PIKSL-Labor eine Tugend: Unter Anleitung brachten sich ihre Klienten selbst bei, wie sie Facebook und Co. nutzen können, und wurden zu Experten in eigener Sache. Sie selbst nennen sich PIKSL-Laboranten. Die erfahrenen Laboranten unterstützen ehrenamtlich die Neueinsteiger im Projekt.

Die Idee war so erfolgreich, dass sich schnell Kooperationen ergaben. Gemeinsam mit der Hochschule Rhein-Waal wurde beispielsweise eine Art Puzzle entwickelt, mit dem Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf ganz ohne Tastatur und Maus ein Videotelefonat über Skype aufbauen können. Die Videoverbindung entsteht, indem die Nutzer unterschiedliche Bausteine auf einer Art Spielbrett zusammenstecken, die über eine Funkverbindung mit dem Computer verbunden sind. Der „Ich-Baustein“ zeigt, wer anruft, ein „Du-Baustein“ bestimmt, wer angerufen wird.

Die Philosophie hinter solchen Systemen heißt Tangible User Interfaces und soll Menschen den Zugang zur Technik erleichtern, für die klassische Computer zu kompliziert sind. „Es ist uns wichtig, dass unsere Projekte auch praktisch umgesetzt werden“, sagt PIKSL-Projektleiter Tobias Marczinzik.

 

Piksl

Innovative Lösungen für alle: Der Audioguide in Form eines Schals ist eins von mehreren Produkten, die im PIKSL-Labor mitentwickelt wurden.

Technikprobleme erkennen – und lösen

Eine der neuesten Entwicklungen der PIKSL-Laboranten ist ein Audioguide in Form eines Schals. Die Idee dazu wurde gemeinsam mit Antonia Eggeling, ehemalige Studentin der Folkwang Universität der Künste, entwickelt. Der Guide war zunächst für museale Inhalte gedacht, soll demnächst aber auch im Messebereich eingesetzt werden. Es gibt „Schals“ in unterschiedlichen Farben. Je nach Farbe enthalten die Guides unterschiedliche Informationen. Dadurch werden die Besucher einer Ausstellung animiert, sich untereinander auszutauschen.

„Menschen mit Lernbehinderung können besonders gut Probleme in der Technik erkennen“, meint der PIKSL-Laborant Christoph Wiche. Wenn sie Schwierigkeiten bei der Bedienung eines Geräts oder eines Programms haben, ist es sehr wahrscheinlich auch ein Problem für Menschen ohne Behinderung. Indem sie die Produkte für sich selbst barrierefrei machen, erhöhen sie auch die Nutzbarkeit für andere, zum Beispiel für ältere Menschen. Viele Studierende und Geschäftsleute kommen im PIKSL-Labor zum ersten Mal in Kontakt mit Menschen, die eine Lernbehinderung haben. Eventuelle Berührungsängste werden dabei schnell abgebaut. Manchmal entwickeln sich sogar Freundschaften. Viele Besucher nehmen die Begegnung zum Anlass, sich intensiver mit Barrierefreiheit zu beschäftigen.

Stefan Hirsch

Tatkräftige Hilfe: Laborleiter Benjamin Freese (links) hilft bei Hardwarefragen weiter.

Mittlerweile sind aus den Laboranten Dozenten geworden. Sie helfen Senioren beim Einstieg in die Computer- und Internetwelt. „Wir wissen, welche Probleme die Senioren haben, weil wir vor den gleichen Problemen standen“, meint Elisabeth Hermanns, wie Wiche eine der erfahrenen Laboranten. Sie ist sichtlich stolz darauf, anderen Menschen zu helfen. Kursteilnehmer wie die 81-jährige Erika Bäcker freuen sich über die Geduld ihrer Lehrer und die familiäre Atmosphäre im Labor. Die PIKSL-Laboranten gehen auch in stationäre Einrichtungen, wenn die Besucher nicht ins Labor kommen können.

Bislang sind die Laboranten ehrenamtlich tätig. Wunsch von Marczinzik ist es, ihre Arbeit in eine reguläre Beschäftigung umzuwandeln. Außerdem soll die Idee des PIKSL-Labors weiter-verbreitet werden. Im Frühjahr 2015 wurde ein Ableger in Bielefeld gegründet, weitere Städte sollen folgen.


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