Die Selbermacher

In vielen Entwicklungsländern sind Menschen mit Behinderung ein Leben lang von ihren Familien abhängig. Eine Kooperative auf den Philippinen zeigt, dass es auch anders geht

Mercy Casio lackiert die Stuhlrahmen für die Schulstühle. Sie ist glücklich durch die Arbeit in der Kooperative unabhängig zu sein und eine Familie ernähren zu können.

Gilbert Espelita an der Hobelmaschine

Text Nicola Meier
Foto Kathrin Harms
 

Mercy Casios Füße sind samt Flipflops schwarz gesprenkelt, genau wie die Räder ihres Rollstuhls. Die meisten Flecken haben ihre Hände. „Ich lackiere die Stuhlrahmen“, sagt die schmale Frau mit dem Pferdeschwanz und lacht. Neben ihr in der Mittagspause sitzt Gilbert Espelita. Das T-Shirt über dem breiten Kreuz ist voller Holzstaub, um seinen Hals baumelt ein Mundschutz. Er wird gleich wieder in der Tischlerei-Werkstatt an der Hobelmaschine sitzen und Bretter bearbeiten, aus denen Sitzflächen und Rückenlehnen für Stühle geformt werden. Arlyn Sanchez hat als einzige weder Staub, noch Flecken an ihrer Kleidung. Sie macht die Buchhaltung für die Kooperative.

Neben Mercy Casio, Gilbert Espelita und Arlyn Sanchez arbeiten hier über hundert weitere Menschen, die eine körperliche Behinderung haben. Die vor 15 Jahren gegründete Werkstatt liegt in San Francisco, einer Gemeinde im Nordosten der philippinischen Insel Mindanao. Sie ist eine von landesweit 14 Tischlerei-Kooperativen, in denen insgesamt fast 1000 Menschen mit Behinderung Schulstühle produzieren.

„Wenn es um Jobs geht, haben es Menschen mit Behinderung auf den Philippinen schwer“, sagt Mercy Casio, die Lackiererin. Sie war in der ersten Klasse, als sie die Kraft in ihren Beinen verlor. Die Diagnose: Poliomyelitis, Kinderlähmung. Fortan ging sie mit Krücken in die Schule, die anderen Kinder machten sich über sie lustig. Irgendwann ging es nicht mehr ohne Rollstuhl. Dass sie eines Tages ihr eigenes Geld verdienen würde, daran hat Mercy Casio, die heute 37 Jahre alt ist, lange Zeit nicht geglaubt. In vielen Entwicklungsländern sind Menschen mit Behinderung ein Leben lang von ihren Familien abhängig. Umso glücklicher ist Mercy Casio, dass sie heute durch ihre Arbeit in der Kooperative ein eigenes Einkommen hat.

Angefangen hat alles mit der Idee des deutschen Schreiners Peter Hämmerle, der 1992 für die Christoffel-Blindenmission (CBM) auf die Philippinen kam. In der Stadt Baguio besuchte er damals eine beschützende Werkstatt, die von seiner Organisation finanziell unterstützt wurde. Er traf dort Menschen mit Behinderung, die aufwendige Mosaik-Arbeiten anfertigten. So beeindruckend die Werke waren – verkaufen ließen sie sich kaum. „Die Lager waren voll“, erinnert sich Peter Hämmerle. „Für die Philippiner waren die Sachen zu teuer, ein Export hätte sich aber auch nicht gerechnet.“

Peter Hämmerle dachte nach. Welche Produkte könnte man lokal absetzen? Worin könnte er selbst die Arbeiter schulen? Er kam auf die Idee, Schulstühle produzieren zu lassen. Schnell war die Werkstatt als selbstständiges Unternehmen in den schwarzen Zahlen.

Peter Hämmerle hatte die Idee der Tischlereien für die Christoffel-Blindenmission auf den Philippinen.

Peter Hämmerle reiste über die Inseln der Philippinen und gründete vier weitere Kooperativen, außerdem einen Dachverband, der diese künftig verwalten und die Interessen der Arbeiter vertreten würde. Anfangs waren es noch 100 Stühle, die bestellt wurden. Bald aber ging es bereits um Großaufträge für 10.000 Stühle. Und Peter Hämmerle überlegte, wie die Kooperativen regelmäßig solche Aufträge bekommen könnten. Er verhandelte mit dem Bildungsministerium in Manila und erreichte, dass dieses seit 1997 jährlich zehn Prozent aller Aufträge für Schulmöbel an Menschen mit Behinderung vergibt. Zehn Prozent, so hoch wurde damals der Anteil von Menschen mit Behinderung auf den Philippinen geschätzt. Was als regionales Projekt begonnen hatte, setzte damit auch landesweit neue Maßstäbe in Sachen Inklusion.

Das Geld, das CBM über Spenden bekommt, wird heute im Dachverband der Kooperativen gebündelt, der auch als eine Art Bank fungiert. Die Kooperativen können dort Kredite bekommen, wenn ihre Material-Ausgaben bei großen Aufträgen das Budget überstiegen. Sie bekommen das Geld jedoch nur geliehen und müssen die Kredite zurückzahlen. Plus Zinsen, die wiederum ins Projekt gesteckt werden. Wenn neue Maschinen nötig sind, übernimmt der Dachverband die Kosten, er finanziert auch die Aus- und Fortbildungen neuer Arbeiter. Bis auf diese Unterstützung aber sind die Kooperativen unabhängig.

Peter Hämmerle, heute 49 Jahre alt, ist einer jener Entwicklungshelfer, die sagen: „Je mehr Aufgaben die Menschen vor Ort selber übernehmen, desto erfolgreicher habe ich meine Arbeit gemacht.“ Sein Ziel sei dementsprechend, sich möglichst schnell überflüssig zu machen. Im Fall der Kooperativen hat er das geschafft. Mittlerweile arbeitet er für ein anderes Projekt.

Die Werkstatt in San Francisco ist die erfolgreichste der inzwischen 14 Tischlerei-Kooperativen. Im vergangenen Jahr wurden hier rund 20.000 Stühle produziert und einen Umsatz von 25 Millionen philippinischer Peso erwirtschaftet, umgerechnet fast eine halbe Million Euro. In einer der ärmsten Regionen der Philippinen ist das eine Summe, bei der die Bürgermeisterin und der Gouverneur der Provinz sich regelmäßig blicken lassen und für Fotos posieren. Dass es Menschen mit Behinderung sind, die einen solchen Wirtschaftserfolg in San Francisco möglich machen, hat in der Region auch eine Menge im Umgang mit ihnen bewirkt.

Der wirtschaftliche Erfolg der Tischlerei hat viel positives für den Umgang mit und das Ansehen von Menschen mit Behinderung in der Region bewirkt.

„Menschen mit Behinderung sind auf den Philippinen daran gewöhnt, Bittsteller zu sein“, sagt Peter Hämmerle. „Wenn sie zu Unternehmern werden, die Aufträge vergeben, macht das natürlich etwas mit ihrem Selbstbewusstsein. Und es verändert auch, wie sie in der Gesellschaft wahrgenommen werden.“

Was das im Alltag bedeutet, lässt sich beobachten, wenn Mercy Casio auf den Wochenmarkt von San Francisco fährt, um einzukaufen. Asphaltierte Straßen gibt es dort nur wenige, zu vielen Verkaufsständen führen Treppen, die wenigen Rampen sind steil. Trotzdem hat Mercy Casio keine Probleme. Kaum hat sie ihren Rollstuhl vor eine steile Rampe oder einen besonders hohen Bordstein gelenkt, eilt jemand herbei, um anzupacken. Die Zeiten, in denen jemand wegen seiner Behinderung ausgegrenzt wurde, sind in San Francisco lange vorbei.

Durch die Kooperative sind immer mehr Menschen mit Behinderung in die 65.000 Einwohner starke Gemeinde gezogen. „Die Leute sehen so viele Rollstuhlfahrer, dass es für sie mittlerweile völlig normal ist“, sagt Mercy Casio. Sie guckt in ihre Einkaufstüte. Hat sie alles? Reis und Stockfisch, Zwiebeln und Gurken, Äpfel und Bananen. Sie fährt zum Stand der Motorradtaxis, Mit den Armen zieht sie sich auf den Anhänger eines Taxis, der Fahrer bindet in der Zwischenzeit den Rollstuhl fest Jetzt schnell nach Hause, gleich kommen die Kinder aus der Schule.

Mercy Casio ist verheiratet, ihr Mann Eugenio arbeitet ebenfalls in der Kooperative. Er verlor als Teenager sein rechtes Bein, eine Wunde hatte sich infiziert. Zusammen hat das Paar zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Eine eigene Familie zu gründen, auch das ist für viele Menschen mit Behinderung erst durch ein eigenes Einkommen und die daraus folgende finanzielle Unabhängigkeit von Eltern und Geschwistern möglich. Bei vielen Arbeitern in der Kooperative auf San Francisco haben sich die bisherigen Verhältnisse inzwischen sogar umgekehrt: Statt von ihrer Familie abhängig zu sein, unterstützen sie nun diese.

Durch den Job in der Tischlerei hat sie für Arlyn Sanchez alles zum Guten gewendet.

Arlyn Sanchez, die die Buchhaltung in der Kooperative macht, ist ein Bespiel dafür. Sie fiel in einen Kanalschacht, als sie 23 Jahre alt war. Als man sie fand, konnte sie ihre Beine schon nicht mehr bewegen. Das Krankenhaus, in dem sie behandelt wurde, war überfüllt, sie wurde schnell entlassen. Im Haus ihrer älteren Schwester lag sie künftig im Bett und guckte an die Decke. Bis sie einen Rollstuhl bekam, vergingen zwei Jahre. „Es gab einen Punkt in meinem Leben, da wollte ich sterben“, sagt sie. Mit einem kleinen Kiosk versuchte sie später, über die Runden zu kommen, aber es reichte nicht.

Heute, zwölf Jahre nach dem Unfall, ist Arlyn Sanchez in der Kooperative Mitglied der Geschäftsführung. In einer Woche wird sie heiraten. Edwin, ihr Verlobter, arbeitet als Schweißer in der Werkstatt. Beide verdienen sie im Monat je 7000 Peso, umgerechnet 125 Euro, ein sehr gutes Einkommen auf Mindanao. Zusammen haben sie gerade ein kleines Haus gebaut, sogar einen Fernseher gibt es dort – in dieser Region ist das ein Luxusgut. Mittlerweile ist es Arlyn Sanchez, die ihrer Familie finanziell hilft. Und nach der Hochzeit wird ihr Vater zu ihr und Edwin ziehen. Dass sie im Rollstuhl sitzt, macht ihr heute nichts mehr aus. „Ich kann ja alles machen“, sagt sie. „Ich vergesse manchmal sogar, dass ich eine Behinderung habe.“

Die Belegschaft ist wie eine große Familie: Gilbert Espelita (Mitte), seine Verlobte Ruzzel und Eugenio Casio auf dem Weg zur Arbeit.

Einen Job und ein sicheres Einkommen, danach sehnte sich auch Gilbert Espelita, der in der Werkstatt Holz hobelt. Wie Mercy Casio hatte er Polio als Kind. Nach der Schule verkaufte er auf dem Markt Baluts, angebrütete Eier, die auf den Philippinen als Spezialität gelten. Sein Einkommen war dürftig, das Verkaufen machte ihm keinen Spaß. „Das ist also nun mein Leben“, dachte er. Als die Kooperative startete, hatte er Angst sich zu bewerben. Warum sollten sie ausgerechnet ihn einstellen? Er überwand sich – und bekam einen Job. „Heute kann ich mir ein Leben ohne die Kooperative nicht mehr vorstellen“, sagt er.

Gilbert Espelita ist heute 37 Jahre alt, in ein paar Wochen wird er zum ersten Mal Vater. Seine Verlobte Ruzzel ist im achten Monat schwanger. Sie wohnte in der Nähe der Kooperative und sammelte häufig auf den umliegenden Feldern Feuerholz. Immer, wenn er sie zufällig sah, war Gilbert Espelita von der Arbeit abgelenkt. Er hatte das Gefühl, auch sie würde oft rübergucken zu ihm. Er sprach sie an. Sie kannten sich erst zwei Wochen, als sie beschlossen zu heiraten. Dass er im Rollstuhl sitzt, hat Ruzzel nie gestört. Sie sagt: „Es war Liebe auf den ersten Blick.“


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