Kölner Netzwerk für Flüchtlinge mit Behinderung

Geflüchtete, die mit einer Behinderung nach Deutschland kommen, bräuchten eigentlich besondere Hilfe und Schutz - denkt man. In der Realität dauert es aber sehr lange, bis sie von den Behörden die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. In Köln hat sich ein Netzwerk gegründet, dass sich speziell um die Bedürfnisse dieser Menschen kümmert. Ein Pilotprojekt, dass auch in anderen Städten Schule machen könnte.
 

Das Team vom Kölner Netzwerk Flüchtlinge mit Behinderung: Manuel von Gilsa, Khaled Noby Mohamed und Leiter Wolfram Buttschardt (v.l.n.r.)

Text Uli Kreikebaum
Fotos Michael Bause
 

Menschen mit Behinderung gelten in der EU als besonders schutzbedürftig. Umgesetzt wird die entsprechende Richtlinie in Deutschland allerdings bislang kaum. Behinderungen werden bei der Einreise nach Europa zunächst nicht registriert. Viele Geflüchtete mit Behinderung schlafen monatelang in Notunterkünften, die nicht barrierefrei sind. Bedarfsgerecht geholfen wird ihnen meistens erst, wenn sie im Besitz eines Behindertenausweises sind – und das kann dauern.

Abhilfe schaffen möchte das Netzwerk für Flüchtlinge mit Behinderung der Diakonie Michaelshoven in Köln, das von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW finanziert und von der Technischen Hochschule Köln wissenschaftlich begleitet wird. Das dreiköpfige Team, das sich eine Vollzeitstelle teilt, bietet Beratungsgespräche an, hilft bei der Vermittlung von Wohnungen und Ärzten, stellt Kontakte zu Sportvereinen her, organisiert Übersetzer und kooperiert mit vielen Anlaufstellen für die Geflüchteten.

„Wir verstehen uns als Scharnier zwischen den Behörden und den Menschen“, sagt Wolfram Buttschardt, Leiter des Netzwerks. „Mit welchem Aufenthaltstitel bekomme ich welche Leistungen? Wer zahlt einen Pflegedienst? Wer übernimmt die Betreuung des Behinderten, wenn die Familie arbeitet oder auf Ämtern ist? Wo beantrage ich einen Rollstuhl? Wie stellen wir Versorgung sicher, wenn der Behindertenausweis noch fehlt? Wo sind Anlaufstellen, nicht nur Schulen und Ärzte, sondern auch Sportvereine, Cafés, Moscheen, andere Treffpunkte? Solche Fragen beantworten wir und vermitteln die Menschen.“ Zu den wöchentlichen Beratungsgesprächen kommen viele Familien mit körperlich behinderten Angehörigen, aber auch einige mit geistig behinderten. Rund die Hälfte der körperlichen Behinderungen sind die Folge von Kriegsverletzungen.

Hilfe zur Selbsthilfe ist ein Ziel des Netzwerks: Menschen, die sich dank der Beratungen orientieren können, helfen irgendwann selbst – und beraten andere Geflüchtete in ähnlichen Fragen. „Die Bereitschaft dazu ist groß“, sagt Khaled Noby Mohamed, gebürtiger Ägypter und einzig arabischsprechender Mitarbeiter des Netzwerks. „Es gibt zwar viele Konflikte zwischen Ethnien und Menschen unterschiedlicher Religionen in den Unterkünften, aber oft auch einen großen Zusammenhalt. Jeder hat ähnliche Sorgen und Probleme, viele haben eine ähnliche Fluchtgeschichte – wenn einer es geschafft hat, sich hier zu orientieren, vielleicht sogar eine Arbeit zu finden, reicht er seine Erfahrung gern weiter.“
Aber nicht nur bei Behörden- oder medizinischen Problemen hilft das Netzwerk. Sind die dringendsten Angelegenheiten geklärt „helfen wir, die Menschen in Vereine zu integrieren und sie für andere Angebote zu öffnen“, sagt Buttschardt.

Mohamed Albakkar verlor sein Bein infolge eines Bombenangriffs auf Rakka.

Irgendwann eine Prothese erhalten

Mohamed Albakkar hat nur noch ein Bein. Bei einem Bombardement in seiner Heimatstadt Rakka, der inoffiziellen Hauptstadt des so genannten Islamischen Staates (IS), durchbohrte ein Metallsplitter seinen linken Fuß, das Bein entzündete sich und musste amputiert werden. Albakkar wurde vom IS verdächtigt, Journalist zu sein, und mehrmals verhaftet. Er floh auf Krücken in die Türkei, setzte von dort mit einem überfüllten Schlauchboot nach Griechenland über und schaffte es irgendwie bis nach Köln.

Das Netzwerk stellte für ihn Kontakte zu Medizinern her – und zum Basketballverein Köln 99ers, der für seine Integrationsarbeit bekannt ist. Er ist froh, jetzt regelmäßig aus seiner Flüchtlingsunterkunft herauszukommen und am Rollstuhl-Basketballtraining teilzunehmen. Der Verein gab Albakkar ein paar Privatstunden, um den ungewohnten Umgang mit dem Rollstuhl besser zu lernen und lud ihn zu einem Bundesligaspiel ein.  Bald erhält er eine Lizenz für den Ligabetrieb, er gehört zu den Leistungsträgern seiner Mannschaft.

Mit dem Rollstuhl fotografiert werden möchte er nicht – Albakkar bevorzugt weiter seine Krücken zur Fortbewegung. Er hofft, irgendwann eine Prothese zu erhalten, einen Antrag hat er mit Hilfe des Netzwerks schon gestellt. „Es sieht gut aus. Er wird wohl bald eine bekommen“, sagt Wolfram Buttschardt.

Sein Kollege Noby Mohamed hat zwischen dem Basketballverein und Albakkar vermittelt. Offiziell arbeitet Noby Mohamed wie der Heilpädagoge Manuel von Gilsa lediglich zehn Stunden für das Pilotprojekt – aber beide haben längst aufgehört, die Stunden zu zählen. Die aktuell 110 Geflüchteten, die das Netzwerk betreut, haben Noby Mohameds Handynummer, viele von ihnen rufen mehrmals pro Woche an.

Adel Kanyo. Seine Brüder tragen ihn zweimal pro Woche aus der Wohnung im 2. Stock nach draußen. Der Aufzug ist kaputt.

Barrierefreie Wohnung bislang Fehlanzeige

Zu denen, die fast alle Hoffnung in das Netzwerk setzen, gehört Familie Kanyo, eine jesidische Familie aus Syrien. Der schwerstmehrfachbehinderte Adel Kanyo hockt im zweiten Stock einer 30-Quadratmeter-Wohnung am Kölner Rathenauplatz und guckt auf den kleinen Kastenfernseher, es läuft der ZDF-Fernsehgarten. Seit April lebt Adel mit seiner Mutter und drei Brüdern in dieser Wohnung. Der Aufzug im Haus ist kaputt, „wir tragen Adel ein- bis zweimal pro Woche raus, um im Rollstuhl mit ihm spazieren zu gehen“, sagt sein Bruder Maher. Eine behindertengerechte Toilette gibt es in der Wohnung nicht, es fehlt an vielem – aber die Familie wartet noch auf Adels Behindertenausweis. „Wir leben hier viel schlechter als in Syrien“, sagt Maher, „aber wir sind Gäste in Deutschland. Wir müssen Geduld haben und dankbar sein, dass wir hier sein dürfen.“ Jesiden werden besonders brutal von den Fundamentalisten des Islamischen Staates verfolgt.

Das Netzwerk erfuhr zufällig von Adel Kanyo – über einen Hausarzt, der Noby Mohamed von ihm erzählte. Mohamed hat der Familie eine Ehrenamtlerin vermittelt, die bei Behördenangelegenheiten hilft. Er weist die zuständigen Stellen regelmäßig darauf hin, wie dringend die Familie eine größere, behindertengerechte Wohnung braucht. Noch öfter ruft die Familie bei ihm an, und fragt: Gibt es etwas Neues, endlich eine Wohnung? Härtefälle wie jenen der Kanyos gibt es freilich viele – und Wohnraum ist in Köln wie in allen deutschen Großstädten äußerst knapp. Mohamed meldet sich trotzdem immer wieder bei der Stelle für Auszugsmanagement und weist auf die missliche Lage der Familie hin. „Das ist ja mein Job.“

Erfolgreicher war das Netzwerk bei Mohamed Jolo. Der blinde Syrer hat dank der Vermittlung von Buttschardt und seiner Kollegen eine Wohnung in Köln gefunden, die er sich mit seinem Neffen Hussein teilt. Das Team hatte zuerst erreicht, dass Hussein, der im Saarland lebte, zu seinem Onkel ziehen und sich um ihn kümmern darf. „Ohne die Hilfe wäre es sehr schwer geworden“, sagt Mohamed. „Ich bin sehr dankbar.“

Das Netzwerk für Flüchtlinge mit Behinderung hat momentan einen Praktikanten mit Sehbehinderung, der eine Selbsthilfegruppe für Sehbehinderte gegründet hat. Jolo hat sich sofort angemeldet.

Zehn bis 15 Prozent der Menschen, die nach Europa flüchten, sind Schätzungen zufolge behindert. Doch wenn keine Behinderung vermerkt ist, muss auch niemand besonders behandelt werden. „Wir haben mit der Registrierung und Verteilung der Flüchtlinge genug zu tun – wie sollen wir das noch leisten“, heißt es nicht selten, wenn man bei Behörden in diesen Monaten nach Unterstützung für Geflüchtete mit Behinderung fragt.

Mohamed Jolo hat Dank des Netzwerks eine Wohnung in Köln gefunden und konnte einen Verwandten (rechts) als Unterstützung zu sich holen, der im Saarland untergebracht war.

Viele Städte sind der Aufgabe nicht gewachsen

„Ich glaube, dass es ein Stück weit so gewollt ist, Behinderungen bei der Einreise nicht zu erfragen“, sagt Wolfram Buttschardt. „Es vereinfacht die Arbeit bei der Registrierung und Verteilung der Menschen. Es führt aber auch dazu, dass viele Flüchtlinge mit Behinderung hier nicht richtig ankommen. Dabei hätten Sie angemessene Hilfe besonders nötig, weil sie es auf ihrem Weg nach Europa noch schwerer hatten als körperlich Unversehrte. Ganz zu schweigen davon, dass Menschen mit Behinderung auf der Flucht besonders gefährdet sind.“

In Ländern wie Afghanistan und vielen afrikanischen Staaten werden Menschen mit Behinderung stigmatisiert. Buttschardt hörte die Geschichte von einem Jugendlichen mit Down-Syndrom, den die Taliban mit einem Sprengstoffgürtel zu einem  Selbstmordattentat nötigen wollten, „um schneller in Himmel zu kommen“. Für nicht wenige Menschen ist ihre Behinderung einer von vielen Fluchtgründen.

Wenn dann in Deutschland – wie es vielfach dokumentiert ist – Menschen mit paranoider Schizophrenie in einer Turnhalle oder Rollstuhlfahrer in einem nicht barrierefreien Baumarkt untergebracht werden – fühlen sie sich erneut stigmatisiert. Bei Menschen mit Behinderung zeigt sich besonders drastisch, dass viele Städte der Aufgabe, Hunderte oder Tausende Geflüchtete einzuquartieren, nicht gewachsen sind. Familien über Monate in Turnhallen unterzubringen, ist kritikwürdig. Wenn Menschen im Rollstuhl oder solche mit schweren psychischen Erkrankungen monatelang in Turnhallen leben müssen, ist das ein Skandal. „In Köln ist die Situation katastrophal“, sagt Wolfram Buttschardt, „es gibt fast keine barrierefreie Sammelunterkunft. Und in anderen Städten sieht es nicht viel besser aus.“

Bevor Menschen mit Behinderung in Deutschland als Menschen mit Behinderung wahrgenommen werden, müssen sie einen Behindertenausweis beantragen. In der Regel dauert die Bearbeitung des Antrags ein halbes Jahr, mal weniger, meistens mehr. Erst dann erhalten die Menschen Leistungen, die ihnen gesetzlich zustehen – und werden bei einem Umzug in eine angemessene Wohnung bevorzugt behandelt. Vorher kann das nur klappen, wenn Menschen sich einschalten, die vermitteln können. Oder eben eine Organisation wie das Kölner Netzwerk für Geflüchtete mit Behinderung.


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