Pioniere der sozialen Milchwirtschaft

Hohe Qualität, anspruchsvolle Kunden und ein Geschäftsmodell mit Zukunft. Die Lobetaler Bio-Molkerei zeigt, wie Arbeit neu gedacht werden kann.

Gruppenbild von Mitarbeitern der Lobetaler Bio-Molkerei

Text    Jan Rübel

Fotos  Sascha Montag

Laborprüfung bestanden - die Milch kann fließen

Ein Mann steht vor einem Wagen, mit schmalen Augen mustert er die 8500 Liter Rohmilch darin. Er zückt einen Glaskolben, füllt eine fingergroße Probe ab. „Mal sehen, ob der Fettgehalt stimmt“, murmelt er. Eine uralte Methode wendet man in der Lobetaler Bio-Molkerei an, hier in Biesenthal, 40 Kilometer nordöstlich von Berlin: In seinem Labor, vor dem der Milchtankwagen parkt, schüttet der Mann Schwefelsäure und Alkohol zum Weiß ins Glas. Knapp zehn Minuten lang röhrt die Zentrifuge, dann stehen Fett und Wasser fein getrennt im Kolben übereinander. „Alles klar“, sagt Molkereimeister Dirk Metzer, 40, die Werte sind in Ordnung, er ilt zurück zum Wagen. Ein Handdruck, und durch einen armdicken Schlauch fließt die Milch in einen Tank.

Das Team der Molkerei besteht aus 21 Leuten sieben davon ohne Beeinträchtigungen. Jeder packt an nach seinen individuellen Fähigkeiten, wie bei einem Uhrwerk greifen die Tätigkeiten ineinander. Heraus kommen Joghurts, Sahne, Dickmilch, Ayran und Käse – Qualitätsprodukte, die ihren Absatz auf den Biomärkten der Hauptstadt finden. Die Mitarbeiter hier nennen ihren Job: „soziale Milchwirtschaft“.

Jessica Lange und Daniel Fritz

Zur Spätschicht tritt gerade Daniel Fritz an. In der Umkleidekabine schlüpft er in eine weiße Latzhose und zieht sich eine Plastikhaube übers Haar. Dann noch geschwind zur Hygieneschleuse, wo die Schuhe mit einer Seifenlösung eingesprüht werden, die Hände am Becken waschen und desinfizieren – los geht es. Daniel Fritz, 24, steuert die Joghurtabfüllanlage an, der Dauerrenner Mango steht heute auf der Agenda. Er schiebt einen Turm leerer Plastikbecher in die Maschine, die einzeln von einem Greifarm in 16 Löcher gesetzt werden und einen Kreis ziehen. Sie nähern sich der Spritze, ein Knopfdruck von der Molkerei-Mitarbeiterin Jessica Linke, und der gelbe Joghurt fließt in einen Becher, dann in den nächsten. „Persönlich esse ich ja lieber Schokopudding“, lacht sie. „Unseren Joghurt müssen wir ja auch ständig testen, da hat man dann daheim genug davon.“

Jeder in der Mannschaft hat seine Geschichte. Da arbeitet einer mit Down-Syndrom neben einem mit schwerer Schizophrenie. Auch Beschäftigte mit dem Aspergersyndrom gehören dazu. Ein anderer hat so viel gesoffen, dass er sich nichts mehr merken kann. Im Jahr verarbeiten sie 1,6 Millionen Kilogramm Milch. Zwei Drittel wird zu Joghurt, der Rest zu Käse, Sahne und Ayran. Die Produktion nimmt zu: Mit ihren hochwertigen Produkten kommen sie am Markt an. Die Lobetaler Bio-Molkerei schreibt gerade eine Erfolgsgeschichte.

Lobetaler in der Käsetheke im Biomarkt

Begonnen hatte alles mit einer Krise. Die Hoffnungstaler Werkstätten bewirtschaften seit 1904 große Ländereien, viel Vieh und Getreideanbau; an den Betrieb einer eigenen Molkerei hatte man zunächst nicht gedacht. Als dann aber die Milchpreiskrise vor zehn Jahren durchschlug, suchte man nach einem Ausweg aus der Misere. Zufällig lernte ein Geschäftsführer der Werkstätten einen Molkereimeister kennen. Sie unterhielten sich – und schmiedeten einen Plan. Bio sollte es sein, mit Produkten der Extraklasse, welche die hohen Ansprüche der Kunden in Berlin erfüllen. „’Highend’ sollten die Erzeugnisse auch deshalb sein, damit alle Mitarbeiter stolz auf das Erbrachte sind“, erinnert sich Beatrix Waldmann, 50, Leiterin der Hoffnungstaler Werkstätten in Biesenthal, zu der die Molkerei gehört. „Wir wollten ein Qualitätskriterium schaffen, kein Mitleidskriterium.“

Der Weg dorthin war nicht leicht. Nach einer Marktanalyse stellten die Bauernhöfe der Werkstätten zwischen 2008 und 2010 auf ökologische Bewirtschaftung um, man baute auch sein eigenes Futter für die Kühe an. Währenddessen errichteten die Werkstättler die Molkerei: Der dreieinhalb Millionen Euro teure Bau wurde mit 500.000 Euro aus der Wirtschaftsförderung des Landes Brandenburg bezuschusst, der Rest lief über Kredit. 2010 startete dann die Produktion zertifizierter Biomilch. „In diesem Jahr kommen wir in die Gewinnzone“, sagt Beatrix Waldmann. In den Hoffnungstaler Werkstätten arbeiten 800 Menschen mit Beeinträchtigungen. Alle zwei Jahre gelingt es einem von ihnen in den Arbeitsmarkt „da draußen“. Mit der Molkerei schaffen sie sich ihre Jobs nun selbst.

Die tägliche Reinigung gehört dazu

„Das ist ein gutes Gefühl, den Joghurt und den Käse im Supermarktregal zu sehen“, sagt Daniel Fritz. Gemeinsam mit Sören Lukaszewski, 40, nimmt der 24-Jährige die Säuberung der Spritzanlage in Angriff. Die Tagesproduktion, genau nach Auftragslage, ist vollbracht. Nun muss alles gründlich gereinigt werden. Mit Schlüsseln lösen sie die Schrauben, nehmen die Formatteile einzeln auseinander und legen sie in eine weiße Plastikwanne. Jessica Linke nähert sich mit einem Wasserschlauch und verteilt Bürsten. „Alles muss händisch gereinigt werden“, sagt Sören Lukaszewski. Sauberkeit ist wichtigstes Kriterium in der Molkerei mit ihren hunderte Meter langen Rohren, durch die Milch in verschiedenen Temperaturen fließt. Fünf Meter entfernt stapeln Mitarbeiter die Joghurts in Paletten und bringen sie dann in die gekühlte Lagerhalle. Bald wird ein Lastwagen aus Berlin kommen und die frische Ware abtransportieren. Bis dahin werden die Milch-Arbeiter die Etiketten auf den Bechern sorgsam kontrolliert haben und die nächsten Bestellungen durchgegangen sein. „Wir arbeiten im Schichtbetrieb“, sagt Dirk Metzer, Vize-Leiter der Molkerei. „Die Nebenkosten bleiben immer gleich, da ist es schon unser Ziel, die Produktion hochzufahren.“ Das wird den Lobetalern wohl gelingen. Für dieses Jahr ist die Verarbeitung von 1,6 Millionen Kilogramm Milch angestrebt.

„Würden hier nur Leute ohne Behinderung arbeiten, könnte man doppelt so viel produzieren, aber warum? Wir erschließen gerade den Markt – und nutzen unsere Möglichkeiten und Fähigkeiten optimal aus.“ Ganz wichtig für Dirk Metzer: Dass die Beschäftigten den Stress nicht spüren, dass nicht gehetzt wird. Die Arbeit müsse durchgezogen werden, sagt er, aber bei Druck würde so mancher innerlich blockieren. „Wir müssen den so genannten ‚Flow’ im Arbeitsrhythmus erreichen – dann schaffen wir am besten.“ Hierin unterscheidet sich die Lobetaler Molkerei nicht von anderen Firmen. „Wir werden halt unterschätzt. “, resümiert Daniel Fritz. „Dabei könnten andere Unternehmen mehr Menschen mit Behinderung einstellen. Es müsste nur mehr Hand- und weniger Maschinenarbeit geben.“

Draußen steht die Nachmittagssonne noch hoch, als die Mitarbeiter in ihren Gummistiefeln zur Umkleide streben, über gerade frisch geschrubbtem Boden. Für heute ist man fertig. Der Joghurt ist abgefüllt, die Lieferwagen mit der Ware haben das Dorf in Richtung Berlin verlassen. Nur im Büro flimmern noch die Computer. Hier wird an der Zukunftsplanung gearbeitet.

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