Welche Inklusion wollen wir?

Unter dem Motto "Behindert und verrückt feiern" fand im Juli 2017 die vierte "Pride Parade" in Berlin statt. Laut und bunt ging es zu, deutlich war die Botschaft der Demonstraten: Statt schöner Worte forderten die Teilnehmer tatsächliche Inklusion. Unter den Rednerinnen und Rednern war auch Rebecca Maskos, deren Rede wir hier als Meinungsbeitrag veröffentlichen.
 
 

Rebecca Maskos

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Bremen im Bereich Disability Studies und freie Journalistin engagiert sich in der Behindertenbewegung.

Zur Webseite von Rebecca Makos

Liebes Bündnis der Pride Parade, liebe Zuhörer*innen, liebe Freaks, liebe Krüppel und Normalgestörte,

wir sollen uns integrieren – das wurde uns bis vor etwa zehn Jahren gesagt, und das wird auch heute noch Migrant*innen und Geflüchteten gesagt: Anpassen an die Gesellschaft, ihren Erwartungen gerecht werden, das war und ist mit dem Wort Integration gemeint.

Integration hat jedoch eine kleine Schwester bekommen – die Inklusion. Inklusion sei ganz anders als Integration, sagen viele. Da müssten sich nicht die Einzelnen ändern und sich anpassen, sondern umkehrt – die inklusive Gesellschaft passt sich an die Einzelnen an. Die Gesellschaft baut sich so um, dass alle mitmachen können, egal welche Behinderung, welches Geschlecht, welche Herkunft eine Person hat und egal, wen sie liebt.

Vom Umbau der Gesellschaft ist wenig zu merken

Von diesem Umbau der Gesellschaft haben die meisten von uns wahrscheinlich bisher wenig gemerkt. Noch immer feiern Rassismus und Sexismus eine Party in den Köpfen vieler Menschen. Noch immer gibt es Zwangsbehandlungen, Isolationshaft, entwürdigende Praktiken in Heimen und Psychiatrien. Noch immer arbeitet die überwältigende Mehrheit aller Menschen mit Lernschwierigkeiten für ein Taschengeld in aussondernden Werkstätten.

Noch immer müssen Menschen, die viel Assistenz brauchen, darum kämpfen, nicht in Heime abgeschoben zu werden – und das wird nun noch leichter möglich sein, seitdem es das Bundesteilhabegesetz gibt.

Inklusion – das war einmal eine fast utopische Vorstellung. Sie kam aus der Behindertenbewegung: Die inklusive Gesellschaft würde nicht mehr danach fragen, ob jemand behindert ist oder nicht. Nicht mehr einteilen in „behindert“ oder „nichtbehindert“. Sondern Inklusion würde danach fragen: Welche Bedürfnisse hat eine Person? Was braucht sie, um teilhaben zu können? Dieser Entwurf einer radikaler Gesellschaftsveränderung landete auch in der UN-Behindertenrechtskonvention. Seitdem müssen sich Inklusion auch die Staaten und ihre Institution auf die Fahnen schreiben.

Ein Begriff wird umgemünzt

Leider ist das revolutionäre Potential von Inklusion bei den staatlichen Stellen, Unternehmen und Verbänden nicht wirklich angekommen. Das wäre auch überraschend – es würde doch ihre Praxis zu sehr in Frage stellen. Statt dessen münzen sie den Begriff so um, wie es für ihre Zwecke passt. Inklusion, das steht auf einmal für alles, wo es um Behinderung geht. Der Modebegriff Inklusion wird gerade auch dann angeklebt, wenn es sich eigentlich um Exklusion handelt, also um Ausschluss: So wird das Behindertenheim auf einmal zu einem Ort des „Selbstbestimmten inklusiven Wohnens“. So gibt es die inklusive Party und das inklusive Sportfest – und eigentlich weiß man genau, hier gibt es eine Sonderveranstaltung für behinderte Menschen.

Mit Inklusion hat das wenig zu tun. Inklusion würde bedeuten, wenn behinderte Menschen beim Sportfest für alle dabei wären. Wenn sie wie alle anderen in Clubs und Kneipen gehen können. Wenn sie auf reguläre Schulen gingen und Jobs jenseits von Werkstätten hätten – und wenn es dabei genug Unterstützung und Assistenz für alle gibt.

Doch auch jenseits der Aussonderung durch die Behindertenhilfe haben Politikprofis und Unternehmen verstanden: Inklusion ist Konzept, das sie wunderbar für ihre Zwecke und Ziele nutzen können. Es könnte einen schon stutzig machen, dass mittlerweile neben der Bundesregierung auch das World Economic Forum, Unternehmen wie die Deutsche Bank, Mercedes Benz und SAP sich Inklusion auf die Fahnen schreiben. Der Zweck ist: Den Gewinn zu maximieren. Und da schaut man heute auch auf den Faktor „Diversity“ - Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Arbeitnehmer*innen.

Dass es ein Pluspunkt sein kann, anders als die anderen zu sein, ist erstmal gut. Bei einem Unternehmen darf man aber nicht einfach so anders sein – es muss dem Unternehmen etwas bringen, es muss sich lohnen. Inklusion im Unternehmensdenken kann also zum Druck auf alle werden. Ein Druck, auch und gerade mit Behinderung allseits verwertbar zu sein: Nur wenn man mehr Geld einbringt, als man kostet, darf man dabei sein.

Vermeintlich zählt nur Leistungsfähigkeit

Auch bei vielen behinderten Menschen ist diese neoliberale Denkweise angekommen. So sagen viele von sich, dass auch sie der Gesellschaft mehr einbringen, als sie kosten. Zum Beispiel als Unternehmer*in oder Arbeitnehmer*in mit Behinderung. Sie seien super leistungsfähig, und das sei der Grund, weshalb sie wie alle behandelt und nicht mit Hartz IV Empfänger*innen in einen Topf geworfen werden wollen. Ein gefährliches Denkmuster, denn es spaltet behinderte Menschen: In die Leistungsfähigen, und in die, die scheinbar zu Recht arm sind. Gefährlich ist es auch, weil man zum Beispiel in Großbritannien sehen kann, wie dieses Denken benutzt wird. Dort hat die Regierung die Arbeitsfähigkeit behinderter Menschen neu einschätzen lassen – mit dem Effekt dass viele ihre Sozialleistungen verloren haben. Die Begründung: Sie sind ja leistungsfähig genug und könnten mehr arbeiten. Viele wurden danach krank.

Keine neoliberale Inklusion

Ich finde: Wir sollten uns vor einer neoliberalen Inklusion hüten. Vor einer Inklusion, die erstmal danach fragt, ob jemand auch verwertbar genug ist, um mitmachen zu dürfen. Vor einer Inklusion, die nur die vermeintlich Nützlichen und Brauchbaren wirklich dabei haben will. Wir sollten genau hinschauen, in welche Gesellschaft wir „hinein-inkludiert“ werden wollen. Der Protest gegen unsere Lebensbedingungen sollte immer auch ein Protest gegen die Bedingungen sein, die ALLEN Menschen das Leben schwer machen. Wir sollten Bündnisse schließen und uns nicht abgrenzen von vermeintlich „sozial Schwachen“ oder weniger Leistungsfähigen. Wenn wir Inklusion wollen, dann in einer Gesellschaft für alle!


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