Inklusion unter umgekehrten Vorzeichen

In der Greifswalder Martinschule funktioniert Inklusion unter umgekehrten Vorzeichen. Die Exförderschule für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung steht heute auch Schülern ohne Einschränkung offen. Ein Modell, von dem alle profitieren.
 

Oft tüfteln alle Kinder gemeinsam mit Lehrerin Katja Danter im Klassenraum an ihren Aufgaben. Wer besondere Förderung oder mehr Ruhe braucht, kann den Ausweichraum nutzen.

Text Anke Lübbert
Fotos Valerie Schmidt

Achtzehn Zweitklässler sitzen im Morgenkreis auf dem Teppichboden und zählen auf Englisch, wie viele sie sind. Tim müsste „seven“ sagen. Aber er schweigt und schaut ins Leere. In der Klasse 2a der evangelischen Martinschule ist er eines von vier Kindern mit einer geistigen Behinderung. Die Martinschule Greifswald ist etwas Besonderes. Der Anteil an Kindern mit Förderbedarf liegt bei schwindelerregenden 41 Prozent. Die Grund- und Gesamtschule ist aus einer Schule für Kinder mit geistiger Behinderung hervorgegangen. Man hat hier den Spieß umgedreht und sich auch für Kinder ohne Förderbedarf geöffnet, nicht andersherum. Mittlerweile pilgern Schulleiter aus ganz Deutschland nach Greifswald, um sich anzuschauen, wie das funktionieren kann.

Mehr Chancen für alle Schüler

520 Kinder besuchen die Schule, sie werden von 100 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet. Schulleiter der Martinschule ist Benjamin Skladny, 53 Jahre alt und Sonderschullehrer. Die Schule ist sein Lebenswerk. Sie war vor der Wende eine Fördertagesstätte, bis 2002 eine Sonderschule, anschließend kooperative Grund- und Gesamtschule. Bis 2011 gab es getrennte Regel- und Sonderschulklassen an der Martinschule, die lediglich miteinander kooperierten – sprich: ab und zu etwas zusammen unternahmen. „Dann haben wir das radikal aufgelöst“, sagt Skladny. „Wir hatten in den ‚normalen‘ Klassen auch immer schon Kinder mit Förderbedarf, die wir selbstverständlich inkludiert haben“, sagt er. „Die Kinder mit geistiger Behinderung da auch mit reinzuholen, war nur ein logischer Schritt.“ Skladny glaubt, dass das neue Konzept mehr Chancen für alle bedeutet. Es gibt Momente, die dafürsprechen. Kleine Sternstunden. Tim, dem Jungen, der im Morgenkreis nichts sagen will, flüstern die anderen Kinder das Wort zu. Weil er weiterhin schweigt, sagt seine Sitznachbarin „eight“. Macht einfach weiter, ohne Kommentar und ohne dass sich die Klassenlehrerin Katja Danter, 50 Jahre alt, einmischen muss.

Nach dem Morgenkreis beginnt Katja Danter mit ihrer Klasse ein Versteckspiel auf Englisch. „Wollen wir nach nebenan gehen?“, fragt Meik Grabow Sarah, die jünger wirkt als die anderen Zweitklässler. Grabow arbeitet als pädagogische Unterrichtshilfe. Im Nebenraum spielt er das Versteckspiel mit Sarah auf Deutsch. Immer wieder müssen die Lehrkräfte neu ausloten, wo die Kinder gemeinsam etwas machen können und wo es nötig ist, sie zu trennen.

Auf die unterschiedlichen Bedürfnisse ist die Schule gut eingestellt. Dazu gehört auch,  dass Lavinia mit dem Teddy kuscheln darf.

Zu jeder Klasse gehören drei bis vier Betreuungspersonen

So gibt es in Katja Danters zweiter Klasse ein Mädchen, das am Unterricht nur selten teilnimmt. Lavinia kann sehr schlecht sehen und ist geistig stark eingeschränkt. Den größten Teil des Schultages verbringt sie in einem Nebenraum, legt lange Reihen aus Münzen, spielt mit einem Teddybären, wäscht Geschirr ab. Immer mal wieder kommt die Integrationshelferin mit ihr in die Klasse, bis es dem Mädchen zu laut und unübersichtlich wird.

Das Motto, das Schulleiter Skladny sich und der Schule auf die Fahne geschrieben hat, lautet: „Keinen zurücklassen!“. Das hört sich gut an. Das heißt aber auch, dass an dieser Schule jedes Kind mit geistiger Behinderung angenommen wird, darunter auch solche mit schwersten und mehrfachen Behinderungen. Das ist nicht unumstritten, auch nicht unter seinen Mitarbeitern. Ein schwerst mehrfachbehindertes Kind, das immer wieder laut schreit, sich auf den Boden wirft oder intensiver Pflege bedarf, kann eine große Herausforderung für Lehrer sein, die versuchen, gleichzeitig Unterricht zu machen. Die Schule verfolgt zwei Ziele. Sie will eine moderne reformpädagogische Regelschule sein. Und eine gute Schule für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung. Die Räume in der Martinschule sind großzügig. Jede Klasse hat ihren Garderoben- und Sanitärbereich. Es gibt eine Küchenzeile und eine Leseecke mit Sofa.

Zu jeder Klasse gehören drei bis vier Betreuungspersonen: neben der Lehrerin oder dem Lehrer auch pädagogische Unterrichtshelfer, Integrationshelfer und eine Sonderpädagogin oder ein Sonderpädagoge. Das Konzept funktioniert nur mit viel Personal. Viele Eltern schätzen die Martinschule vor allem darum. Eine Mutter erzählt, sie habe ihr Kind hier angemeldet, weil dies eine gut ausgestattete reformpädagogische Schule sei. Wie viele Eltern wünscht sie sich in erster Linie, dass ihr Kind gut gefördert wird, möglichst bis zum Abitur. Inklusion soll dabei nicht stören. Es gibt aber auch Eltern, die offen sagen, dass sie sich wünschen würden, dass leistungsstarke Kinder besser gefördert werden. Man kann an so einem Vormittag in der Schule viele Beispiele dafür finden, dass die Inklusion funktioniert. Lavinia, der das Gewusel im Klassenraum oft zu viel ist, sitzt während der Freiarbeitszeit dennoch zwischen den anderen Kindern und klebt konzentriert bunte Maisbällchen aneinander. Evelina schafft die Mathe-Knobelaufgabe nicht, in der die Kinder einen Fahrpreis für eine Schiffsfahrt errechnen sollen. Aber sie malt Zahlen auf das Papier und schreibt „Schiff“. Bei der Vorstellung der Aufgaben kommt sie ebenso dran wie Sarah. Die hat ein blaues Boot in ihr Buch gemalt und zeigt es ihren Mitschülern.

Eine bunte Gemeinschaft. Vor dem Turnen haben sich die Kinder umgezogen.

Wird die Gemeinschaft halten?

Man kann auch Beispiele dafür  finden, dass es nicht funktioniert. Im Sportunterricht mit einer Parallelklasse steht ein Rollstuhlfahrer eine halbe Stunde lang neben seinen Klassenkameraden, die Handballtraining machen. Und schaut zu. „Klar, gibt es bei uns auch Probleme“, sagt Katja Danter. „Aber man kann ja nur besser werden, indem man mal anfängt.“

Was wird, wenn die Schere zwischen dem Klassendurchschnitt und Kindern mit Einschränkungen im Lauf der Zeit weiter auseinanderklafft? Funktioniert das Modell auch noch in der 5., 7., 10. Klasse? Im Musikunterricht sollen sich die Kinder Partner suchen. Sarah steht allein zwischen ihren Klassenkameraden. Bei der nächsten Runde kommt ein Mädchen auf sie zugelaufen: „He, Sarah, komm her, mach mit“, ruft sie und schiebt sie in die richtige Richtung.

Werden solche Momente im Lauf der Zeit seltener? Wird für Sarah, Tim, Evelina und Lavinia künftig das Gefühl des Versagens im Zentrum stehen, werden die anderen genervt sein von den Störungen? In diesem Schuljahr kam der erste Inklusionsjahrgang in die 5. Klasse. Noch weiß keiner so genau, wie gut es funktioniert. Die Diskussion im Kollegium war im Vorfeld groß. Nicht alle aus dem Kreis wollten Inklusion auch in der Sekundarstufe. In diesem Winter werden deshalb immer mal wieder Lehrer der Martinschule in der Fünften hospitieren, um sich ein Bild zu machen.

Für Benjamin Skladny kommt nichts anderes infrage. „Es geht nicht darum, ob wir es schaffen oder nicht“, sagt er. „Es geht nur darum, was wir brauchen, um es zu schaffen.“ Alles andere wäre für ihn ein Schritt zurück. Seine Schule hat sich  zu einer wegweisenden Institution entwickelt.  Ein Experimentierfeld dafür, wie viel Gemeinschaft möglich ist, wie und ob eine Schule für alle funktionieren kann. Das will er nutzen.


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