Die vierte Sprache

Luxemburg gilt als das Kernland Europas. Im Großherzogtum gibt es drei offizielle Sprachen: Luxemburgisch, Französisch und Deutsch. Nicht zuletzt deshalb sind gehörlose Menschen bei der Verständigung im Alltag und mit Behörden häufig aufgeschmissen.

Fabio Giusti wirbt für mehr Gebärdensprach-Kompetenz in Luxemburg.

Text: Anina Valle Thiele

Fast jeden Tag erlebt Fabio Giusti Situationen, in denen er sich ausgeschlossen fühlt, weil er seine Umgebung nicht verstehen und sich nicht verständigen kann. Versucht er Alltagsgespräche durch Lippenlesen zu folgen, scheitert es häufig daran, dass sein Gegenüber Französisch spricht. Giusti hat aber die deutsche Sprache und Gebärdensprache (DGS) erlernt. Nicht selten schreibt er Luxemburgische Behörden auf Deutsch an und bekommt eine Antwort auf Französisch oder Luxemburgisch. Im Krankenhaus oder beim Arzt wird er regelmäßig nach seiner Telefonnummer gefragt und die Leute rufen ihn sogar an und reden drauf los, obwohl er ihnen zuvor erklärt hat, dass er gehörlos ist. Auch beim Einkauf in Geschäften erklärt er oft, dass er gehörlos ist und fragt vorsichtig, ob jemand Deutsch spricht und wird dann auf Französisch angeschnauzt, ob er nicht hören kann.

Auch die wenigsten Programme im Fernsehen sind untertitelt, ob analog oder digital. Um sich daheim Filme anzusehen, greift Giusti in der Regel auf untertitelte DVDs zurück. „In Luxemburg gibt es noch keine Selbstverständlichkeit, mit Gehörlosen umzugehen“, meint der von Geburt an gehörlose Vize-Präsident des Gehörlosenvereins „Daaflux“, der auch beim Behindertenrechtsverein „Nëmme mat eis“ (Nur mit uns) engagiert ist und sich dessen bewusst ist, dass die Situation in Luxemburg durch die Dreisprachigkeit und einen hohen Anteil von Ausländern, die nur Französisch sprechen, besonders schwierig ist.

Zusätzliche Barrieren

Zwar ist die Situation in einigen mehrsprachigen EU-Ländern, wie Belgien oder Spanien, in denen mehrere Gebärdensprachen gelehrt werden, ebenfalls vertrackt. So wird im französischen Teil Belgiens etwa die französische Gebärdensprache gelehrt, während Gehörlose im flämischen Teil Belgiens die flämische Gebärdensprache lernen. Doch gerade im multikulturellen Luxemburg,mit seinen drei offiziellen Amtssprachen,  wo über 45 Prozent Nicht-Luxemburger leben und wo man im Alltag häufig Englisch, Portugiesisch und Italienisch hört, bedeutet die viel gepriesene Vielsprachigkeit für Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung zusätzliche Barrieren. Besonders bei Behördengängen werden sie oft bloßgestellt und sind ohne einen Gebärdensprachdolmetscher häufig aufgeschmissen. Denn in Luxemburg lernen Menschen mit einer Hörschädigung am Centre de Logopédie entsprechend der Luxemburgischen Alphabetisierung zuerst – und dabei bleibt es in den meisten Fällen – die Deutsche Gebärdensprache (DGS), durchsetzt von einigen Luxemburgismen. Die dominierende Amtssprache und damit die meisten offiziellen Dokumente sind allerdings auf Französisch verfasst. „So entsteht eine persönliche Konfrontation der deutschsprachigen Gehörlosen mit den französischsprachigen Schriftdokumenten“, fasst es Jacques Bruch, Präsident der Hörgeschädigtenberatung a.s.b.l., dem Dachverband der Luxemburger Gehörlosenorganisationen zusammen

Schätzungen zufolge leben in den Staaten der Europäischen Union etwa 750.000 Gehörlose, die eine Gebärdensprache nutzen. Im Durchschnitt entspricht dies etwa 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung eines Landes. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbundes ca. 80.000 Gehörlose und ca. 16 Millionen Schwerhörige. In Luxemburg kommen auf die ca. 500.000 Einwohner schätzungsweise 250 bis 300 Gehörlose und rund 12.000 Hörgeräteträger. Daneben gibt es eine hohe Dunkelziffer von Hörgeschädigten ohne Hörgerät und eine steigende Anzahl von Trägern so genannter Cochlea-Implantate (CIs).

Lynn Menster (links) ist die einzige studierte Gebärdensprachdolmetscherin in Luxemburg, die alle drei Landessprachen beherrscht.

Recht auf Informationszugang

Vor 25 Jahren, am 17. Juni 1988, hatte das Europäische Parlament beschlossen, die jeweilige nationale Gebärdensprache als vollwertige Sprache in allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft anzuerkennen. Auch in Luxemburg fordert die Gehörlosengemeinschaft ihr Recht auf Informationszugang in ihrer Muttersprache ein und die gesetzliche Anerkennung ihrer ans Deutsche angelehnten Gebärdensprache. In einigen wenigen EU-Staaten, wie etwa in Österreich (seit 2005) und in einigen Kantonen der Schweiz ist die Gebärdensprache offiziell in der Verfassung verankert.

Zwar tut sich langsam etwas in dem Bereich. Man wolle die Gebärdensprache anerkennen, verkündete das neue Regierungsbündnis unter dem liberalen Premierminister Xavier Bettel unmittelbar nach seiner Amtsübernahme im November vergangenen Jahres. Und man werde die Parlamentssitzungen regelmäßig in Gebärdensprache übersetzen, doch noch sind dies wohlwollende Bekundungen einer Regierung, die sich Barrierefreiheit nur groß auf die Fahnen schreibt. Noch scheitert die Inklusion Gehörloser am chronischen Mangel an ausgebildetem Fachpersonal. Mit Lynn Menster gibt es bisher nur eine studierte Gebärdensprachdolmetscherin im ganzen Land, die alle drei Sprachen beherrscht und somit auch vom Luxemburgischen in die deutsche Gebärdensprache übersetzen kann. Da sie gerade bei Parlamentsdebatten jedoch nach maximal zwei Stunden Dolmetschen ihre Erschöpfungsgrenze erreicht, wird in der Regel weiteres Fachpersonal aus der Grenzregion, sprich Trier oder Saarbrücken, angefragt. Meist sind die deutschen Gebärdensprachdolmetscher sind jedoch lediglich darin geschult, vom Deutschen in die deutsche Gebärdensprache zu übersetzen.

Dennoch ist Luxemburg seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) 2011 den darin enthaltenen Kernforderungen nach Barrierefreiheit sowie nach dem Recht auf Gewährleistung von freier Meinungsäußerung, Meinungsfreiheit und Zugang zu Informationen ein Stück näher gekommen. Die Fernsehübertragung der Parlamentsdebatte am 13. Juli 2011, in dem über die Ratifikation Luxemburgs der Behindertenkonvention abgestimmt wurde, feierte der Gehörlosenverein Daaflux als historische Zäsur. Erstmals konnten Gehörlose dank einer Gebärdensprachdolmetschung einer politischen Debatte folgen, die ihre Belange direkt betraf. Seit Mai 2012 werden auch die Gemeinderatssitzungen regelmäßig in Gebärdensprache übersetzt. Überdies bietet die Stadt Luxemburg Gebärdensprachkurse für Angehörige von Gehörlosen und interessierte Verwaltungsangestellte als Integrationsmaßnahme an. So mangelt es nicht an gutem Willen, sondern an geschultem Personal, das alle drei Sprachen und die Deutsche Gebärdensprache beherrscht.

Meilenstein für die Selbständigkeit

Für Gehörlose wie Fabio Giusti bedeutet dieser chronische Personalmangel vor allem einen Mangel an Flexibilität, da Gebärdensprachdolmetscher mindestens eine Woche im Voraus bestellt werden müssen. Ein Gebärdendolmetscher kann bei der Dienststelle der Hörgeschädigten Beratung SmH des Trägervereins Solidarität mit Hörgeschädigten angefragt werden. Ob es dann tatsächlich zum Gebärdendolmetschereinsatz kommt, hängt von der aktuellen Auftragslage ab. „Gehen zu viele Aufträge ein, können die Termine sich überschneiden, so dass es zu Absagen des Gebärdendolmetschereinsatzes für einen Teil der Antragssteller kommen kann“, bestätigt Jacques Bruch. Freilich könnte dieser Misstand durch eine offizielle Anerkennung der Gebärdensprache nicht von heute auf morgen behoben werden. Eine Übersetzung in Gebärdensprache bei öffentlichen Veranstaltungen wäre dann allerdings verpflichtend. Außerdem müsste der Notwendigkeit, mehr Luxemburger in Gebärdensprache auszubilden, schnellst möglich nachgekommen werden.

Integrationskurse und Schulungen für Mitarbeiter von Behörden sind bereits ein Meilenstein für die Selbstständigkeit Gehörloser. In jedem Fall bedarf es mehr Sensibilität von Hörenden gegenüber Gehörlosen. „Wir Gehörlosen wären so glücklich, wenn die Hörenden ein bisschen die Gebärdensprache könnten oder zumindest wüssten, wie sie besser mit uns kommunizieren“, meint Fabio Giusti. In Luxemburg sei es oft noch schwer, in anderen Ländern wären die Bürger besser informiert. „In den USA haben die Leute ein besseres Bewusstsein, mit Hörgeschädigten umzugehen. Jede fünfte Person kann die Gebärdensprache.“ Oft habe er erlebt, wie die Menschen zumindest versuchen, mit Gehörlosen zu kommunizieren oder direkt zu Papier und Stift griffen, so dass die Kommunikation übers Schreiben klappe. In Luxemburg ist die Situation speziell, weil eben drei Sprachen offiziell anerkannt sind. Die Gebärdensprache könnte die vierte sein.


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