Literatur in Leichter Sprache

Das Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Bremen sorgt seit Herbst 2015 dafür, dass es mehr Unterhaltungs-Literatur in Leichter Sprache gibt. Profitieren können nicht nur Menschen mit Lernschwierigkeiten, sondern auch Migranten mit geringen Deutschkenntnissen.

Text: Stefanie Wulff
Illustrationen: Stefan Albers

Vor der Premiere in der Stadtbibliothek Bremen sind der Autor Christopher Knoll und die zwei Vorleser, die ihn unterstützen, ein bisschen nervös. Wie werden seine Geschichten ankommen? Im Publikum sind zahlreiche Zuhörer mit geistiger Behinderung. Zum besseren Textverständnis werden Illustrationen an die Wand projiziert. Ein Video in Gebärdensprache macht die Geschichten auch für Gehörlose zugänglich. Deutliches Lesen und wiederholte Pausen erleichtern das Zuhören. Nach eineinhalb Stunden sind die Vorleser erleichtert. Alles hat gut geklappt. Und das Publikum ist begeistert. „Das war total gut.“ „So was soll man auch im Fernsehen zeigen.“ „Das muss es mehr geben.“

Kurzgeschichten und Lesungen

Das Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Bremen sorgt seit Herbst 2015 dafür, dass es mehr Literatur in Leichter Sprache gibt. Mit dem von der Aktion Mensch geförderten Projekt „Kurze Geschichten und Lesungen in Leichter Sprache“ betritt das Team Neuland. „Bisher gibt es kaum Bücher mit fiktiven Geschichten zur Unterhaltung in Leichter Sprache“, sagt Elisabeth Otto, Leiterin des Bremer Büros.

Der Germanist Christopher Knoll und ein gelernter Volkswirt und Lebenshilfe-Mitarbeiter, der unter dem Pseudonym Karl von Wegen schreibt, wollen dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Sie schreiben im Wechsel monatlich eine Kurzgeschichte, die elektronisch versandt wird. Einmal pro Jahr erscheinen die Geschichten außerdem gesammelt in gedruckter Form. Mit den Lesungen eröffnen Autoren und Vorleser Menschen mit Lernschwierigkeiten darüber hinaus einen bisher weitgehend verschlossenen kulturellen Bereich.

Karl von Wegen arbeitet halbtags in einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung und schreibt auch Literarisches in Standard­sprache. Beim Schreiben in Leichter Sprache hat er explizit die Leser im Blick. „Es gibt Wörter und Formulierung in der Standardsprache, die nicht verständlich sind. Zum Glück findet sich aber für jedes dieser Probleme eine gute Lösung in Leichter Sprache. Eine Vereinfachung der Sprache bedeutet auch, dass manche sprachlichen Mittel nicht möglich sind, zum Beispiel das Springen zwischen Perspektiven, Zeiten oder Welten.“

Weniger komplex als Einfache Sprache

Diese Klarheit der Sprache und die stringente Perspektive sind es, die die Kurzgeschichten auch für andere Gruppen attraktiv machen, zum Beispiel für Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Demenz oder Traumapatienten. Zwar steht vielen Personen aus diesen Zielgruppen auch Literatur in Einfacher Sprache zur Verfügung. Aber Einfache Sprache ist im Vergleich zur Leichten Sprache noch komplexer. Die Sätze sind länger, können Nebensätze enthalten und sämtliche im Alltag gebräuchlichen Begriffe werden als bekannt vorausgesetzt. Deshalb ist sie nicht barrierefrei für alle. Literarische Texte in Einfacher Sprache sind außerdem meist Übersetzungen. Die Kurzgeschichten, die im Bremer Projekt entstehen, sind dagegen Neuschöpfungen.

Nach der Premiere in Bremen signiert der Autor Christopher Knoll seine Werke und beantwortet Fragen der Zuhörer. Unter ihnen sind auch solche ohne Leseschwäche. „Ich war überrascht, wie wenig Spannungsaufbau und Witz mit Leichter oder schwerer Sprache zu tun haben“, sagt eine Zuhörerin. „Vorgelesen hat Leichte Sprache noch einmal eine neue Wirkung.“


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