Das Lachen der Anderen

Kein Witz: In der Sendung „Das Lachen der Anderen – Comedy im Grenzbereich“ werden Gags über und für Minderheiten, Randgruppen und Menschen in speziellen Lebensformen gemacht. Grenzwertig oder sinnvoll?

WDR/SEO Entertainment GmbH

Böse Buben: Oliver Polak (links) und Micky Beisenherz von "Das Lachen der Anderen".

Text: Anja Schimanke

Man darf über alles Witze machen“, sagt Oliver Polak, „das ist der Kern der Sendung.“ Etwas aufgeregt ist der Stand-up-Comedian dennoch, ob er mit seinen Gags über Multiple Sklerose das Publikum gleich zum Lachen bringen wird. Witze über unheilbar Kranke reißen, noch dazu, wenn die Betroffenen selbst unter den Zuschauern sitzen? „Wenn am Ende keiner lacht, dann kann ich es immer noch auf das Erschöpfungssyndrom schieben!“ – den Spruch wird Polak gleich am Anfang bringen, und viele der Anwesenden werden darüber lachen. Das ist der Plan.

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"Das Lachen der Anderen": Szenenfoto einer Sendung mit kleinwüchsigen Menschen.
 

Comedy im Grenzbereich

„Unsere Protagonisten sollen lachen und sich verstanden fühlen und nicht das Gefühl haben, der auf der Bühne gegen uns, sondern wir hier zusammen“, erklärt Micky Beisenherz das Konzept von „Das Lachen der Anderen – Comedy im Grenzbereich“. Die Sendung ist teils Dokumentation, teils Stand-up-Comedy über Randgruppen, Minderheiten und Menschen in gesellschaftlichen Nischen.

Polak und Beisenherz besuchen ihre Protagonisten gemeinsam. Drei Tage Zeit haben die beiden, um in deren Lebenswelten einzutauchen, den Menschen näherzukommen, ihnen Fragen zu stellen (Polak zu einem Blindenfußballer: „Packt man deine Geschenke eigentlich auch ein?“) und so einen unverfälschten Einblick zu erhalten. Am Ende entsteht aus den gesammelten Informationen und Antworten ein Comedyprogramm, eigens für und über den jeweiligen Personenkreis.

„Die Idee klang erst mal verrückt und wenig realisierbar“, erinnert sich Philipp Bitterling, der anfangs dachte, „darauf lässt sich doch niemand ein“. Philipp Bitterling ist Programmentwickler/Koordinator Innovationsmanagement beim Westdeutschen Rundfunk (WDR). „Das Lachen der Anderen“ hat er 2015 im Rahmen der Programm­offensive anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des WDR mitentwickelt. Eine innovative Phase, in der Formate ausprobiert und Neues gewagt wurde. Dass Fernsehen sich was trauen muss und keine Angst haben darf, jemandem auf die Füße zu treten – die Überzeugung teilt Aycha Riffi, Medienwissenschaftlerin und Leiterin der Grimme-Akademie. „Sonst entwickelt sich nichts.“ „Das Lachen der Anderen“, sagt Riffi, sei ein Experiment: „mal erhellend, mal tut es weh und manche Dinge gehen auch mal daneben.“ Keine Frage des Geschmacks, sondern auch der Qualität – so Riffi, deren Arbeitsschwerpunkte Seminare und Veranstaltungen für Medienschaffende sind, mit Fokus auf Integration und Inklusion. Dennoch steht sie der Idee positiv gegenüber, auch wenn sie in der Sendung längst nicht alles lustig findet. Was ist lustig, was grenzwertig und was einfach nur daneben? Daran können sich Zuschauerinnen und Zuschauer reiben, was mitunter zu Diskussionen führe. Auf diese Weise soll die Sendung zur Bildung der öffentlichen Meinung beitragen.

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Mathias Mester, paralympische Speerwerfer, machte bei der Sendung über Kleinwüchsige mit - und sieht es mit Humor.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Aus Sicht von Philipp Bitterling hat „Das Lachen der Anderen“ das Potenzial, Barrieren abzubauen und ein Miteinander auf Augenhöhe zu schaffen. „Micky und Olli haben keine Schere im Kopf, das war der Nährboden, auf dem das Programm wachsen konnte“, so der Programmentwickler.

Aufgrund der großen Resonanz folgten nach zwei geplanten Sendungen noch sechs weitere: Blinde, Kleinwüchsige, Alte, Adlige, Nonnen, Ökos und Tierliebhaber. „Jede Randgruppe hat das Recht, verarscht zu werden!“, lautet die Devise von Comedyautor Micky Beisenherz, der für seine Sprüche und Gags unter anderem für die „heute-show“ und die Moderationen des „Dschungelcamps“ berühmt-berüchtigt ist. Sein Kollege und Freund Oliver Polak ist für ihn persönlich „die Pizza Calzone unter den Randgruppen, da ist alles drin: Jude, dick, depressiv, Papenburger“.

 Witze über seine Krankheit? Damit hat Daniel „Bunki“ Bunk keine Probleme. Er ist einer der Protagonisten der Sendung über Multiple Sklerose (MS) und sah darin die Chance, die Krankheit in den öffentlichen Fokus zu rücken. „Um zu zeigen, dass wir trotz der Krankheit Spaß haben im Leben“, sagt Bunki. Sich selbst nicht so ernst und wichtig nehmen – das stehe auch in der Agenda von Fuck U Multiple Sclerosis (kurz: F.U.MS), einer Plattform für junge MS-Erkrankte, die Bunki in Nordrhein-Westfalen mitgegründet hat.

Eine ähnliche Einstellung hat auch Mathias Mester. Der paralympische Speerwerfer hat bei der Sendung über Kleinwüchsige mitgewirkt. „Ich habe keine Probleme mit meiner Behinderung und lache mich kaputt, wenn Kumpels Witze auf meine Kosten machen“, sagt Mester, „da weiß ich, dass sie es nicht ernst meinen.“ Seine Meinung zur Sendung: sehr lustig, aber auch makaber. „Micky und Olli reizen das Thema schon sehr aus und sind ein Hauch an der Grenze!“ Seinen Freunden war es an manchen Stellen zu krass.

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Auf dem Weg zur nächsten Randgruppe: Das Moderatorenduo von "Das Lachen der Anderen".

Die Gags sind so hart wie die Realität

Lachen ist keine Reaktion. Es ist eine Form der Kommunikation, mit der wir anderen Menschen zeigen, dass wir sie mögen und verstehen und keine Gefahr darstellen. Gemeinsames Lachen verbindet Menschen miteinander und fördert das Wirgefühl. „Humor hilft, den Umgang mit schwierigen Situationen zu erleichtern, negative Emotionen zu regulieren und neue Wege für bislang ungelöste Probleme zu finden“, weiß Prof. Dr. Barbara Wild. „Das gilt für Betroffene wie auch für die anderen.“ Barbara Wild ist Neurologin und beschäftigt sich unter anderem damit, was Menschen zum Lachen bringt. Ob Witze als harmlos oder verletzend empfunden werden, hängt sehr stark von der Situation und dem Verhältnis ab, das man zueinander hat. „Wir lachen über Dinge, die uns nahe sind. Mit Witzen aus anderen Kulturkreisen und auch fremden Lebenswelten tun wir uns schwer, weil es oft um Dinge geht, die für einen selbst keine Rolle spielen.“ Sind Gags zu nah an der eigenen Realität, kann man darüber auch nicht lachen. Ein Balanceakt, ob man die goldene Mitte findet.

Einige wird es freuen, anderen wird bei der Vorstellung das Lachen vergehen: Die Chancen, dass die Sendung 2017 weiterläuft, stehen gut. Vielleicht mit Menschen mit einer HIV-Infektion, Amputation, Muskelschwäche oder Downsyndrom.

Letzteres würde Oliver Polak besonders reizen. Das kann ja heiter werden. „Menschen mit Downsyndrom würde ich einfach gerne kennenlernen und näherkommen. Wie ticken sie? Worüber können sie lachen?“ Eine Sendung mit HIV-Infizierten dagegen könnte helfen, mehr über die Krankheit, den Alltag und den Umgang mit der Krankheit zu erfahren, glaubt der Comedian, der durch „Das Lachen der Anderen“ selbst viel dazugelernt hat und hofft, dass es Zuschauern ähnlich geht. „Humor hat eine große Kraft, mit der man viel bewegen kann“, ist Polak überzeugt. Ganz im Ernst: Kommt das bei den Fernsehzuschauern an? „Satire erlebt einen großen Aufschwung“, beobachtet Aycha Riffi, die alle zwei Jahre zusammen mit einer Kölner Produktionsfirma Nachwuchsautorinnen und -autoren für Comedyformate sucht. Sie sagt: „Was politisch Relevanz hat, liegt gerade im Trend.“ Jan Böhmermann sei nicht nur Unterhalter, die „heute-show“ mache Gags mit aktuellem Bezug. „Insofern passt ‚Das Lachen der Anderen‘ sehr gut in die aktuelle Entwicklung, sich mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinanderzusetzen.“


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